Wiedersehensfeier ehemaliger Aussiedler im Übergangswohnheim Berschweiler

Aussiedler trafen sich : Ein Wiedersehen in Berschweiler nach 30 Jahren

Wir schreiben das Jahr 1989. Es ist das Jahr, in dem der Eiserne Vorhang, der Europa in Ost und West teilt, immer löchriger wird. Noch ist Deutschland zweigeteilt, doch im Herbst wird die Mauer immer größere Risse bekommen und schließlich fallen.

Es ist auch das Jahr, in dem die Welle der Aussiedler und Spätaussiedler aus Osteuropa nach Westdeutschland ihrem Höhepunkt entgegen strebt. Eine Vielzahl von Menschen aus den osteuropäischen Ländern, im Regelfall Angehörige deutscher Minderheiten, verlassen ihre Heimat und lassen die Zuwanderungszahlen derart in die Höhe schnellen, dass die Kommunen, die für die Unterbringung und Betreuung der Menschen verantwortlich zeichnen, an ihre Grenzen stoßen. Wohin nur mit den vielen Zuwanderern? Der private Wohnungsmarkt ist kaum noch aufnahmefähig. Auch in Marpingen wird händeringend nach Möglichkeiten gesucht, die Neubürger würdig zu beherbergen. Schließlich gerät das Berschweiler Schullandheim ins Blickfeld. Hier wird ein Übergangswohnheim eingerichtet. Zwischen November 1989 und März 1990 werden der Einrichtung zeitgleich etwa 100 Personen zugewiesen – mal mehr, mal weniger.

Kürzlich hatte nun, nach rund 30 Jahren, eine der damaligen Bewohnerinnen der heutigen Biberburg, Jolanthe Lewandowski, die Initiative ergriffen und wollte für die damaligen Aus- und Übersiedler sowie einige Betreuer eine Wiedersehensfeier im Schullandheim organisieren. Da sich jedoch die Lebenswege der Mitbewohner von damals nach dem Auszug meist wieder trennten und man sich aus den Augen verlor, waren viele Mitbewohner im Vorfeld nicht mehr erreichbar. Nach einem entsprechenden Aufruf in der Saarbrücker Zeitung folgten aber dennoch etwa 40 Ex-Bewohnern der Einladung.

Quasi stellvertretend für das Betreuerteam, das sich damals um die Belange der Menschen vor Ort kümmerte, wurden zudem das frühere Hausmeisterehepaar Therese und Klaus-Dieter Staub, die Übersetzerin Renate Meisberger und Edgar Kreuz, seinerzeit Mitarbeiter der Gemeinde Marpingen, eingeladen. Nach der Begrüßung der „alten Bekannten“ durch Jolanthe Lewandowski und Crazyna Koziol erläutert die heutige Mitarbeiterin im Schullandheim, Antoinette Lösch, warum und wie das Emil-Wagner-Haus entstanden ist und welchen Zwecken es früher und heute dienen sollte. Bei einem Rundgang durch die renovierten Räume wurden Erinnerungen wach und lebhaft ausgetauscht. Auch eine liebevoll hergerichtete Stellwand im Aufenthaltsraum, bestückt mit Fotos und Zeitungsartikeln, ließ die Zeit um 1989/90 noch einmal Revue passieren.

Nach den Worten des damaligen Gemeindemitarbeiters Kreuz war die zentrale Unterbringung im Schullandheim Berschweiler für die Aussiedler und die Mitarbeiter der Verwaltung ein Glücksfall. Zwar seien die lagermäßigen Wohnverhältnisse und das Fehlen jeglicher Privatsphäre nicht ohne Probleme gewesen. „Dennoch konnte man zum Nutzen aller vieles leichter organisieren, auch dank der Mithilfe vieler, zum Beispiel des DRK-Marpingen-Urexweiler in der Person Walter Stauch, der Caritas St. Wendel und vieler engagierter Einzelpersonen“, berichtete Kreuz. Und weiter: „Man denke hierbei aber auch an die Hilfe aus den eigenen Reihen, etwa an die liebenswerte, inzwischen jedoch leider verstorbene Oma Hildegard Korz, die bei Verständigungsschwierigkeiten stets zur Stelle war. Gleiches gilt für den jungen, immer hilfsbereiten Übersetzer Christoph Leonhardt.“ Nicht vergessen dürfe man in diesem Zusammenhang auch das Hausmeisterehepaar Therese und Klaus-Dieter Staub. „Bei einer dezentralen Unterbringung hätten man auf all diese Dienste weitgehend verzichten müssen.“

Bei Kaffee und Kuchen wurde schließlich vieles wieder in Erinnerung gerufen, wurden Erfahrungen ausgetauscht und über die Erlebnisse der vergangenen 30 Jahren geplaudert. Heute könne man feststellen, dass ausnahmslos alle, die der Einladung ins Schullandheim gefolgt sind, ihren Schritt zur Aussiedlung nicht bereut haben, durchweg einen guten Weg gegangen sind und Fuß gefasst haben als Krankenschwester, Musiker, Metall-Facharbeiter, Lehrerin, Messtechniker oder Modedesigner.

Gesellschaftlich gelten die Aussiedler heute als voll integriert und sprechen fast perfekt Deutsch. Lediglich der etwas andere Akzent lässt gelegentlich erahnen, dass das Gegenüber nicht im Saarland aufgewachsen ist.