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Senioren-Residenz der Awo in Marpingen setzt ein Zeichen gegen Rassismus

Kostenpflichtiger Inhalt: Marpingen : Senioren setzen Zeichen gegen Rassismus

Jugendliche, Bewohner und Mitarbeiter des Marpinger Awo-Seniorenheims beziehen gemeinsam Position gegen Fremdenfeindlichkeit.

Fast sah es so aus, als ob der Foto-Termin ins Wasser fällt. Strömender Regen ging an diesem Dienstagnachmittag in Marpingen nieder, an dem die Seniorenresidenz „Zur alten Mühle“ der Arbeiterwohlfahrt (Awo) geladen hatte. Der Schauer war zwar heftig, aber auch schnell wieder vorüber. So konnten sich die Bewohner des Seniorenheims und die Gäste vor dem Eingang des Gebäudes für den Schnappschuss in Stellung bringen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Auf drei Etagen verteilten sie sich, hielten Schilder mit der Aufschrift „Ich bin gegen Rassismus“. Die Schülervertretung der Gemeinschaftsschule Marpingen hatte außerdem ein großes Bettlaken mit unzähligen Hand-Abdrücken mitgebracht. Auf dem Laken hatten sich alle Schüler und Lehrer der Schule verewigt, indem sie einen Abdruck ihrer Hand darauf hinterlassen haben, erklärte Reka Klein vom Jugendbüro Marpingen.

Die Einrichtung beteiligt sich am Tag gegen Rassismus am 21. März (siehe Infokasten). Die Idee kam von der Awo-Residenz selbst, erzählen Einrichtungsleiter Christian Zonker und Pflegedienstleiterin Sonja Kaster. Die Awo engagiere sich deutschlandweit schon seit Jahren am Tag gegen den Rassismus. „Der ist ja erst am 21. März, aber wir haben den Foto-Termin jetzt schon gemacht, damit wir vorbereitet sind“, erklärt Zonker.

Der Tag gegen den Rassismus wurde zunächst zur Woche und schließlich zu den Wochen gegen Rassismus ausgeweitet. Diese finden vom 16. bis zum 29. März statt und stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Gesicht zeigen – Stimme erheben“. In dieser Zeit engagieren sich Menschen weltweit, um ein deutliches Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit zu setzen. Deutschland ist Angaben der Stiftung gegen Rassismus, die die Wochen in Deutschland organisiert, weltweit das Land mit den meisten Veranstaltungen zu den UN-Aktionswochen. Im vergangenen Jahr fanden laut Angaben der Stiftung deutschlandweit während der Aktionswochen über 1850 Veranstaltungen statt.

Da macht man auch in Marpingen mit. „Wir engagieren uns immer schon für den Tag gegen Rassismus“, sagt der stellvertretende Pflegedienstleiter Ruben Henschke. „Aufgrund der aktuellen politischen Situation dachten wir uns, wir machen das dieses Mal ein bisschen öffentlicher und laden auch außer den Bewohnern so viele wie nur möglich ein, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.“ So hatten sich an diesem Nachmittag neben Bewohnern der Seniorenresidenz und deren Angehörigen und den Mitarbeitern der Awo auch die Schüler der Gemeinschaftsschule Marpingen, Vertreter des Jugendbüros Marpingen sowie Marpingens Bürgermeister Volker Weber (SPD) und der Marpinger Ortsvorsteher German Eckert anwesend. Sie alle hatten es sich nicht nehmen lassen, an diesem Tag ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Gründe, sich zu engagieren, gibt es viele. Dass das Thema Rassismus in Deutschland so aktuell ist wie nie, zeigen die vielen Taten von Rechts, die immer wieder verübt werden. Daher werde auch der Tag gegen Rassismus immer wichtiger, sagt Jürgen Miksch. Er war 1994 Mitbegründer des Interkulturellen Rats in Deutschland, der sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus engagiert hat. Seit damals organisiert Miksch auch die internationalen Wochen gegen Rassismus. Inzwischen wurde der Rat vom Abrahamischen Forum in Deutschland und der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus abgelöst.

„Auch früher gab es Rassismus. Neu ist, dass Hass und Menschenfeindlichkeit offen ausgesprochen werden“, erinnert sich Miksch. „Nach 25 Jahren hat sich die Situation grundlegend verändert. Antisemitismus und Rassismus sind (…) als Realität in Deutschland unbestritten“, sagt Miksch, der den Vorstand der Stiftung gegen Rassismus innehat. Hass und Nationalismus seien zentrale Themen, insbesondere im Netz und bei Wahlkämpfen.

So sieht es auch Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Botschafter der Internationalen Wochen gegen Rassismus in diesem Jahr. „Eine Gesellschaft, deren Sprache durch Hass geprägt wird, die keine Tabus mehr kennt und in der völkisch-nationalistisches Gedankengut und die Hetze gegen ‚die Fremden‘ um sich greifen, bereitet Fanatismus und Gewalt den Boden“, sagt Hoffmann. „Deswegen stellen wir uns mit aller Entschlossenheit gegen jede Art von Faschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit.“ Und weiter: „Dort, wo kulturelle Vielfalt den Alltag prägt, da gelingt das Zusammenleben in unserer Einwanderungsgesellschaft weit besser als dort, wo es keine Gelegenheit zur täglichen Begegnung gibt“, sagt Hoffmann. „Wir brauchen viel mehr Orte der Begegnung, um Vorurteile abzubauen, um miteinander ins Gespräch zu kommen und so für einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sorgen. Und genau das ist es, was wir durch die Internationalen Wochen gegen Rassismus erreichen wollen.“

Im Landkreis St. Wendel beteiligt sich auch das Adolf-Bender-Zentrum (ABZ) an den Aktionswochen. Vertreter des ABZ arbeiten laut eines Sprechers von Dienstag, 24. März, bis Freitag, 27. März, an der Gemeinschaftsschule in St. Wendel mit Schülern unter anderem zum Themenkomplex „Vorurteile“ sowie zum Thema „Rechtsextremer Lifestyle heute“. Außerdem bietet das Zentrum am Mittwoch, 11. und Mittwoch, 18. März, ein Zeitzeugengespräch mit Horst Bernard an der Gemeinschaftsschule Freisen an. Da der 21. März auf einen Samstag fällt, will die Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle am Freitag, 20. März, eine Menschenkette um die Schule bilden, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

„Hass, Rassismus und Gewalt können überwunden werden“, sagt Jürgen Miksch. „Jede und jeder kann dazu etwas tun. Die UN-Wochen wollen dafür Mut machen.“

Wer sich am Tag gegen Rassismus beteiligen will, kann eine eigene Aktion oder ein Projekt ins Leben rufen. Diese können im Internet an die Stiftung gegen Rassismus gemeldet werden. Auf der Internetseite findet sich auch ein Veranstaltungskalender.

www.stiftung-gegen-rassismus.de/
veranstaltungskalender