1. Saarland
  2. St. Wendel
  3. Marpingen

Gertrud Rohner aus Urexweiler wird an diesem Freitag 100 Jahre alt

100. Geburtstag in Urexweiler : Statt zu Filmbällen ging es in den Stall

Ein volles Jahrhundert: Gertrud Rohner aus Urexweiler wird an diesem Freitag 100 Jahre alt. Die waren nicht immer einfach.

Das seltene Fest eines 100. Geburtstages erleben nicht viele Menschen. In Urexweiler sind nach Angaben von Ortvorsteherin Margret Geiger lediglich bekannt: 1973  Katharina Schnur, 1986  Barbara Recktenwald, 2013 Philomena Recktenwald, Mai 2020  Alwina Rohner. Als Fünfte (und Zweite innerhalb eines Monats) tritt Gertrud Rohner am heutigen Freitag, 5. Juni, dieser Runde bei. Dabei fällt auf: Alle, die diesen Geburtstag feiern durften, sind Frauen. „Eindeutiger Beweis: Sie sind das stärkere Geschlecht“, scherzt Geiger.

Sucht man nach Gemeinsamkeiten im Lebenslauf der fünf Damen, tragen familiäre Gene möglicherweise zum Erreichen dieses hohen Alters bei. „Ich glaube aber, dass auch ein zufriedenes und erfülltes Leben im familiären Umfeld und die soziale Einbindung in eine funktionierende und lebensfrohe Dorfgemeinschaft einen wesentlichen Anteil daran haben“, so Geiger weiter.

Die Wurzeln der jetzigen Jubilarin liegen allerdings nicht in Urexweiler. Gertud Rohner (genannt Trudchen) erblickte am 5. Juni 1920 in Trebisch im Kreis Schwerin das Licht der Welt. Heute heißt die Stadt Trzebizewo und gehört zu Polen. Ihr Vater arbeitete bei der Reichsbahn, und so fand Trudchen mit Eltern und drei Brüdern in Ostberlin, Am Prenzlauer Berg, eine neue Heimat. Neben dieser Stadtwohnung erinnert sich die Jubilarin auch heute noch besonders gerne an die Gartenlaube außerhalb Berlins, in der die Familie einen großen Teil ihrer Freizeit verbrachte und sie auch ein wenig auf das spätere Landleben in Urexweiler vorbereitete.

Aufregende und erlebnisreiche Erfahrungen sammelte Trudchen zunächst in ihrem Beruf als Kontoristin in einer Requisitenfirma in Berlin. Dieser berufliche Hintergrund brachte ihr Einladungen zu vielen Filmbällen und führte auch zu interessanten Bekanntschaften mit Filmstars und Schauspielern in der Glitzerwelt Berlins . Dies änderte sich grundlegend im Jahre 1940. Denn nach ihrer Heirat in Berlin folgte sie ihrem Ehemann Reinhold in dessen saarländisches Heimatdorf Urexweiler. Mit eleganten, aber völlig unpraktischen Stöckelschuhen und luftigem Kleidchen vom Ku’damm in Berlin in den damals noch unbefestigten Feldweg in Urexweiler, der sich Hauptstraße nannte, wechselte sie nicht nur garderobemäßig in eine andere Welt. Es muss schon ein Kulturschock gewesen sein für die junge, lebenslustige Hauptstädterin.

Unter strenger fachfraulicher Aufsicht ihrer Schwiegermutter „Althauser Lies“ lernte sie dann schnell (aber bestimmt nicht immer mit leidenschaftlicher Begeisterung) das Füttern und Melken von Bergmannskühen (Ziegen), das Ausmisten von Hühner- und Geisenställen und stellte sich mutig allen anderen alltäglichen Anforderungen an ein Landleben. Erschwerend hinzu kamen anfangs noch Verständigungsprobleme wegen der neuen Fremdsprache „saarländisch“. Noch heute spricht sie kein reines Exweller Platt, sondern nur Hochdeutsch mit Berliner Streifen.

Es folgten ganz sicher keine einfachen Zeiten für die junge Frau, denn zwei ihrer drei Brüder fielen mit 17 Jahren im Krieg, und die Mutter lebte im weit entfernten und schwer erreichbaren Ostberlin, das später zur DDR gehörte. Ein gegenseitiger Familienbesuch war sehr selten und nur unter schwierigen Umständen möglich. Trudchens Tochter Elvira erinnert sich noch sehr lebhaft an den missglückten Versuch der Großmutter, zur Kommunion ihrer Enkeltochter ins Saarland zu reisen. Über einen längeren Zeitraum schickte man Westgeld in Wurstdosen versteckt mit Paketen rüber, um die Reise zu ermöglichen. Als es endlich reichte, wurde sie an der DDR-Grenze damit erwischt und wieder zurückgeschickt. Letzten Endes fand die Familie mütterlicherseits aber wieder zusammen, denn Bruder Walter flüchtete ins Saarland, und die Mutter erhielt 1965 als Rentnerin die Ausreiseerlaubnis und lebte bis zu ihrem Tod in Urexweiler, wo sie sich sehr wohl fühlte.

Mittlerweile hatte sich Trudchen dank ihres aufgeschlossenen Wesens sehr gut und schnell in die Exweller Dorfgemeinschaft integriert. Sie liebte die gemeinsamen Ausflüge mit ihrem Mann auf der Vespa und später mit dem Auto (Isetta) und die engen Beziehungen und Feste mit guten Freunden. Sie war eine geschickte Näherin, wovon ihre Angehörigen auch profitierten.

Den schönsten Lebensinhalt und ihre wertvollste Aufgabe fand sie jedoch in der eigenen Familie. Auch nach dem Tod ihres Mannes 1983 war sie im Kreise ihrer vier Kinder und deren Familien immer wichtiger Mittelpunkt.Geschätzt wurde sie als stets hilfsbereite Ansprechpartnerin, gern gesuchte Ratgeberin und amüsante Geschichtenerzählerin. Ihr wacher Geist und ihr Humor, gewürzt mit einer leichten Brise „Berliner Schnauze“, haben sie in ihrer Stammtischrunde im ehemaligen Bistro bis vor wenigen Jahren zu einer gern gesehenen Gesellschafterin werden lassen.