Betend den Gipfel erklimmen

Freisen. Karfreitag, kurz vor acht Uhr. Strahlend ist hinter der Freisener Kirche die Frühlingssonne aufgegangen. Sie wärmt die Pilger, die sich dort versammelt haben und auf den Beginn der Bittprozession zum Füsselberg warten. Ortsvorsteher Gerd Staudt nimmt das Mikrofon in die Hand, in das er gleich die Gebete sprechen wird. Der Zug setzt sich in Bewegung

Freisen. Karfreitag, kurz vor acht Uhr. Strahlend ist hinter der Freisener Kirche die Frühlingssonne aufgegangen. Sie wärmt die Pilger, die sich dort versammelt haben und auf den Beginn der Bittprozession zum Füsselberg warten. Ortsvorsteher Gerd Staudt nimmt das Mikrofon in die Hand, in das er gleich die Gebete sprechen wird. Der Zug setzt sich in Bewegung. Anfangs sind es nur etwa einhundert Menschen. Unterwegs gesellen sich immer mehr dazu. Größere Gruppen warten an der Schulstraße und in der Schlagbaumstraße. Bald sind es mehr als 400. Früher war es den Familien eine heilige Pflicht, dass aus jedem Freisener Haus wenigstens eine Person mitgeht. Das ist heute nicht mehr so. Dennoch hat sich die Zahl der Pilger seit Jahren auf hohem Niveau eingependelt. Nach einer Viertelstunde haben die Beter die letzten Häuser hinter sich gelassen und streben über den Feldweg dem Füsselberg zu. "O Herr, bewahre uns vor Pest, Hunger und Krieg" betet Gerd Staudt. "Heilige Maria, Muttergottes" antwortet die Gemeinde. Schon im 19. Jahrhundert haben die Freisener Bauern so gebetet. Ihre Existenz war bedroht, nachdem ihnen wegen einer Seuche ihr Vieh eingegangen war. Sie hofften auf Gott und baten ihn, dass er sie künftig von einem solchen Schicksalsschlag verschont. Sie gelobten vor dem Dorfschulzen, immer am Karfreitag zum Füsselberg zu gehen. "Pest und Hunger sind bei uns heute ja nicht mehr aktuell", sagt ein 47-jähriger Prozessionsteilnehmer. "Aber es gibt genügend aktuelle Anliegen, in denen man beten kann. Man braucht nur an Winnenden zu denken". Ein älterer Herr erinnert an die Arbeitslosigkeit, von der auch in Freisen viele Menschen betroffen sind. Eine Frau macht sich Gedanken um die Probleme in den Familien. Bald wird der Anstieg zum Füsselberg steiler. Die Prozession zieht langsamer, zumal auch viele ältere Leute dabei sind. "Schon als kleiner Bub bin ich mit meinem Opa mitgegangen", erzählte der 71-jährige Helmut Müller. "Das war der Jakob Becker, der im Dorf als ,Lehne Job' bekannt war und eine große Landwirtschaft hatte". Nach einer guten Stunde ist der Gipfel erreicht, auf dem vor langer Zeit das Steinkreuz errichtet worden ist. Noch einmal greift Gerd Staudt im Gebet die vielen Anliegen auf, die die Gläubigen zum Füsselberg getragen haben: das Eintreten für die Gewaltlosigkeit, das Annehmen der verachteten Menschen als Brüder, das Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege. Er vergisst auch nicht die Kranken und die Verstorbenen. Dann löst sich die Prozession still auf. Die Menschen streben auf einem der vielen Wanderwege wieder dem Dorf zu. gtr