ESA-Astronaut Matthias Maurer will der nächste Deutsche im All werden

ESA-Astronaut Matthias Maurer : Der Mann, der bis ganz nach oben will

Am 20. Juli jährt sich die legendäre Mondlandung zum 50. Mal. Für die raumfahrtbegeisterten Voltmers in St. Wendel ein Grund, zurückzublicken. Dafür hatten sie an diesem Samstag einen ganz besonderen Gast: ESA-Astronaut Matthias Maurer. Der Saarländer ist voraussichtlich der nächste Deutsche im All.

Ein großer Schritt für Matthias, ein kleiner Schritt für die Menschheit. Nur noch ein paar Lockerungsübungen. Achtung. Kamera an. Position einnehmen. Konzentration. Daumen hoch! Ein Knipser, zwei, drei, vier. Blitzlicht auf das Modell von Apollo 13. Erde an Matthias. Passiert das gerade wirklich? Der 30-jährige Astro-Fan darf sich an diesem Samstagnachmittag für einige Minuten wie ein Star fühlen. Posiert in seinem silbernen Raumfahrtanzug mit US-Flagge wie ein Vollprofi, sieht dabei aus wie der jüngste Mann auf dem Mond. Ein Star neben einem anderen Star. Dass er und sein großes Idol auch noch den gleichen Vornamen tragen, muss eine Fügung des Himmels sein. Matthias Kreisel wäre am liebsten Astronaut, und der andere ist es schon: Neben dem kleinen, strahlenden Mann mit Brille steht der große Matthias Maurer, der Mann, der voraussichtlich als nächster Deutscher nach Alexander Gerst ins All fliegen wird. Der gemeinsame Schnappschuss wird schon vorher im Kunstkalender der Neunkircher Lebenshilfe landen.

Eine kleine, große Begegnung im Weltraumatelier von Familie Voltmer bei St. Wendel. Ein Atelier, das schnell unter dem Blitzlichtgewitter der Kameras versinkt. Wohl die einzige Art von „Lichtverschmutzung“, die der astronomiebegeisterte Gastgeber Sebastian Voltmer duldet. Ein ganzes Jahr lang hat er auf den hohen Besuch gewartet. Und der reißt sich zur Begrüßung in Superman-Manier kurzerhand den Astro-Blaumann auf, um stolz sein T-Shirt mit dem gelben Ortsschild zu präsentieren: „Astronautendorf Gronig, Gemeinde Oberthal“. Da kommt Maurer her, ein waschechter Saarländer. Alle zwei Monate ist er so wie jetzt für ein paar Tage in der Heimat. Er ist das, was Landrat Udo Recktenwald am Rande der vielen Foto-Sessions stolz „einen Botschafter für die Region“ nennt. Ein Botschafter, der schwer beschäftigt ist. Vor allem, seitdem er im September 2018 seine Ausbildung zum Astronauten abgeschlossen hat, seitdem klar ist, dass er der Nachfolger von „Astro-Alex“ werden würde (als „Astro-Matze“ will Maurer aber ausdrücklich nicht in die Geschichte eingehen).

Allzeit bereit abzuheben, aber nicht abgehoben: ESA-Astronaut Matthias Maurer zeigt stolz sein T-Shirt mit der Aufschrift seiner Heimatgemeinde. Foto: B&K/Bonenberger/

Sein fester Arbeitsplatz ist das europäische Astronautenzentrum in Köln, eine 40-Stunden-Woche hat er dennoch nur auf dem Papier. Denn wenn er gerade kein Training in Kanada, Russland oder China absolviert, hält er Vorträge, klärt über seine galaktische Arbeit auf. Und wie er das tut!

Irdischer kann man das All kaum erklären. Der 49-Jährige redet über Mondstrahlung so, als ob er jemandem den Weg erklären würde. Schritt für Schritt, Straße für Straße. Worte wie Hinweisschilder. Sie lassen die rund 40 Besucher – auch Mama und Papa Maurer sind gekommen – verstehen, weshalb die Menschheit so viele Milliarden in die Raumfahrt investiert. 570 Menschen seien bisher im All gewesen. Maurer will die Zahl erhöhen, um sich drei Kernfragen nähern zu können: Wie kam das Leben auf die Erde? Wie ist alles entstanden? Gibt es Leben jenseits unseres Planeten? „Auf dem Mondboden liegen die Antworten.“ Tief im Innern der Krater hat man Wasser entdeckt. Maurer ist überzeugt: Es gibt da draußen Lebewesen. Der Mond: ein Schlüsselhimmelskörper. Einige Wissenschaftler sagen, dass es ohne ihn kein Leben auf der Erde gäbe.

Die Astro-Fans Ulrike und Manfred Voltmer haben sich ausgerechnet am Tag der ersten Mondlandung, am 20. Juli 1969, kennengelernt. . Foto: B&K/Bonenberger/

2024 will die Nasa wieder Astronauten auf den Mond schießen, diesmal soll sogar die erste Frau auf dem begehrten Erd-Trabanten landen. Ja, apropos Frauen. Warum gibt es denn so wenige Astronautinnen, Herr Maurer? „Na ja, die Mädels trauen sich das oft nicht zu. Und die Jungs trauen sich oft mehr zu, als sie können“, so die Analyse, die Maurer lachend auf den Punkt bringt. In seinem siebenköpfigen Team in Köln – die einzigen sieben Astronauten in Europa – gebe es eine Frau.

Doch unabhängig vom Geschlecht: Den Mond erreichen die Wenigsten. Und ob es Maurer gelingt, steht auch noch in den Sternen. Zuerst muss die Orion-Kapsel, die Trägerrakete der Nasa, fertig werden. Immerhin: Eine Antriebseinheit für die Kapsel steuern Ingenieure aus Bremen bei. Das heißt: Die Esa-Astronauten können auf eine Mitflugberechtigung hoffen. Auch die Zusammenarbeit mit Fernost ist vielversprechend. Maurer ist einer der ersten europäischen Astronauten, die mit den Chinesen für den Weltraum trainiert haben. Trainings, die ihn, wie er sagt, immer „reif fürs Wochenende“ machen. Sechs Stunden im Astronautenanzug unter Wasser. Simulierte Schwerelosigkeit. Da wird das eifrige Chinesisch-Lernen für das Sprachtalent – Maurer spricht fünf Sprachen fließend – doch glatt zur Nebensache. „Von wegen Weltraumspaziergang. Das ist unfassbar anstrengend.“

Wie mühsam die Missionen sein müssen, sieht man auch den US-Mondveteranen Neil Amstrong und Charles Duke an. Sebastian Voltmer hat für die Besucher einen Film vorbereitet. Teneriffa im Juni 2011. Starmus-Festival, ein Wiedersehen der großen Astro-Legenden. Armstrong spricht über seine ersten Minuten auf dem grauen Himmelskörper, Duke – damals sein Verbindungsmann im Nasa-Kontrollzentrum von Houston – vergleicht den Geruch von Mondgestein mit dem von Schießpulver.

Bis Maurer in diese Fußstapfen treten kann, will er im erdnahen Orbit und auf der internationalen Raumfahrtstation ISS forschen. Am 20. Juli, wenn der „große Schritt für die Menschheit“ 50 Jahre alt wird, wird er das Jubiläum mit seinen europäischen Kollegen in Toulouse begehen. Eine Mondlandung bis zu seinem 50. Geburtstag am 18. März wäre natürlich ideal, aber derzeit unrealistisch. „Schön wär’s“, sagt Maurer und lacht. Aber wer dem trotz Abhebe-Neigung so geerdeten Mann zuhört, ahnt es schon: Es ist nur eine Frage der Zeit. Bis er den Mond erreicht hat – oder gar den Mars – geht es in großen und kleinen Schritten weiter. So wie auch für den „kleinen Matthias“, der an diesem Wochenende zumindest für einen kurzen Augenblick nach den Sternen greifen durfte.

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