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Ein Fenster ins Mittelalter geöffnet

Ein Fenster ins Mittelalter geöffnet

St. Wendel. Unter den Jubelrufen des Volkes begann am Samstag der Mittelaltermarkt rund um die Wendelinus-Basilika. Aufgefordert wurden sie von dem Junker Jörg von der Musikgruppe Adivarius aus Berlin, der sich selbst als Marktschreihals bezeichnete. "Leute kommt näher", rief er von der Bühne herab und verlas von einer Schriftrolle St

St. Wendel. Unter den Jubelrufen des Volkes begann am Samstag der Mittelaltermarkt rund um die Wendelinus-Basilika. Aufgefordert wurden sie von dem Junker Jörg von der Musikgruppe Adivarius aus Berlin, der sich selbst als Marktschreihals bezeichnete. "Leute kommt näher", rief er von der Bühne herab und verlas von einer Schriftrolle St. Wendels Marktrechte und das Jubiläum "dieser großartigen Basilika". Handwerker wollten auf diesem Markt zeigen, wie es vor 650 Jahren zuging, auch der Schmied. "Der hat seine schwarzen Pfoten seit 1360 nicht mehr gewaschen", versicherte der Junker. Seine neueste Botschaft versetzte die Marktbesucher in Staunen: Der Kurfürst habe vor, wieder eine Stadtmauer zu bauen und wolle deshalb eine Steuer auf den ausgeschenkten Wein erheben. "Also, Leute, sauft kräftig, es ist für eure eigene Sicherheit." Mit Schmunzeln vernahmen Pastor Anton Franziskus und Bürgermeister Klaus Bouillon des Junkers Worte. Das Stadtoberhaupt sprach von der guten Zusammenarbeit zwischen Zivil- und Kirchengemeinde: "Wir sind nicht wie damals Don Camillo und Peppone."St. Wendel im 14. und 15. Jahrhundert - davon konnten sich die vielen Marktbummler ein ziemlich authentisches Bild machen. Zum Beispiel am Stand der Buchbinderey, an dem Diethelm Büscher aus Zülpich für seine Kunden lederne Buchdeckel anfertigte. Mit der Pfeife im Mund betätigte der Schmied von Hand den Blasebalg, nahm anschließend mit der Zange einen eisernen Würfel aus dem Feuer. Ungeduldig wartete ein achtjähriger Junge darauf, bis der Handwerker endlich die 21 Punkte darauf eingehauen hatte. In der Riemenschneiderey duftete es angenehm nach Leder. "Das hier ist eine Geldkatze", erklärte der Standbetreiber, und hielt einen länglichen Lederbeutel für die Münzen hoch. "An den Gürtel gehängt haben die Beutelschneider keine Chance", meinte er. "Hallo Kinder, für zwei Thaler könnt ihr hier einen Ball filzen", warb Alexandra Hess aus Friedberg. Für die Großen hielt sie handgemachte Filzartikel wie Taschen, Hüte und Schuhe bereit. Rebeccas Gewandungen wurden viel bestaunt. Schon für fünf Thaler konnte man bei ihr einen Jungfernkranz mit Schleier erwerben. Hans-Ulrich Wieners aus Köln führte den Besuchern vor, wie früher mit zwei Rundsteinen aus Basalt Senf hergestellt wurde. "Senfähnliche Produkte gab es schon vor 3000 Jahren", wusste er zu berichten. "Vor langer Zeit wurden auch Senfkörner gemahlen und als Pulver über das Essen gestreut." Eifrig werkelte der Silberschmied, der Ringe und Münzen anbot. In der Specksteinwerkstatt konnten auch die Kinder dieses Hobby ausprobieren. Freifrau Martina aus Gießen unterwies die Besucher im Scriptorium, der mittelalterlichen Schreibstube, im Gestalten von verzierten Buchstaben. Dazu wurden der Schilfrohrfüller, Calamus genannt, und Tinte aus Kohlenstaub gebraucht.Für die Jungen und Mädchen gab es auf dem Markt viel Abwechslung. Auf dem nachgebauten Karussell auf der Mitte des 19. Jahrhunderts drehte die zwölfjährige Lena Munkes aus Urweiler für einen Goldrandtaler die ersten Runden. Das Schmuckstück mit den hölzernen Sitzen wurde von Hand mit einer Kurbel bedient. Bernd Grajewski aus Donsieders lehrte die Kinder das Schießen mit Pfeil und Bogen. Der neunjährige Oliver aus Namborn schaffte mit vier Pfeilen auch vier Treffer auf den hölzernen Bären. "Der läuft jetzt nicht mehr weit", meinte Grajewski anerkennend. Tolle Dinge zeigte der Zauberer, der aus drei ungleichen Seilen drei gleichlange machte. Holzwaffen und Visiere aus Pappe waren am Lummelland-Stand begehrt. "Wir haben alles, was die kleinen Ritter und die Burgfräuleins brauchen", versicherte Stefanie Schulz aus Duisburg. Gemütlich saß es sich im Café Weihrauch im Pfarrgarten von St. Wendelin. "Der hat seine schwarzen Pfoten seit 1360 nicht mehr gewaschen." Junker Jörg über den Schmied auf dem Mittelaltermarkt