Ehrenamt stärkt Dörfer ist Ergebnis von Landaufschwung in St. Wendel

Kostenpflichtiger Inhalt: Das St. Wendeler Land im Blick : Das Ehrenamt als Quell dörflichen Lebens

Wenn es um die Zukunft des ländlichen Raumes geht, dann sind auch die Bürger als Mitgestalter und Mitmacher gefragt. So das Ergebnis eines Ehrenamts-Kongresses zum Abschluss des Modellprojektes Landaufschwung.

„Dort, wo das Ehrenamt funktioniert, funktionieren die Dörfer.“ Mit diesem Satz brachte Moderator Hugo Kern von der Firma Kernplan die Bedeutung des Ehrenamtes für die Entwicklung des ländlichen Raumes auf den Punkt. Damit fasste Kern auch die Vorträge des Kongresses „Ehrenamtliches Engagement im ländlichen Raum“ zusammen, zu dem der Landkreis St. Wendel in das Gymnasium Wendalinum geladen hatte. In mehreren Vorträgen zogen Experten Bilanz der Ehrenamtsprojekte innerhalb des Bundesmodellvorhabens Landaufschwung, das Ende diesen Jahres ausläuft. In einem ersten Kongress ging es vor wenigen Wochen um die Zukunft der Dörfer (wir berichteten). Um diese zu gestalten und attraktiv zu halten, ist die freiwillige Mitarbeit von Bürgern dringend notwendig. „Der Charakter eines Dorfes wird geprägt von den Menschen, die sich engagieren“, unterstrich Landrat Udo Recktenwald (CDU) in seiner Begrüßung. Die Zeiten seien schwieriger geworden, das gelte auch für das Ehrenamt. „Wie schaffen wir es, Menschen zu gewinnen, die sich ehrenamtlich engagieren?“, fragte er. Antworten darauf wurden auch im Modellvorhaben Landaufschwung gesucht. Unter anderem mit den Leitprojekten „Paten mit Herz“ und „Mitmacher gesucht – Verein(t)“.

  • Mitmacher gesucht – Verein(t): Bei diesem Projekt gehe es darum, das Ehrenamt zu unterstützen und zukunftsfähig zu machen, erklärte bei dem Kongress die verantwortliche Koordinatorin Tina Noack. Da gab es zum Beispiel 241 Vereinsgespräche mit 1099 Teilnehmern, bei denen konkrete Fragen der Vereine beantwortet wurden. Es gab 48 Seminare und Workshops mit 830 Besuchern zu unterschiedlichen Themen wie Datenschutzgrundverordnung, Haftung des Vorstandes oder Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile werden sogar Web-Seminare getestet, bei denen sich Teilnehmer von Zuhause aus im Internet zuschalten können. In vielen Vereinen werde gute Arbeit geleistet, so Noack. Vereine könnten von guten Lösungen anderer Vereine lernen, man bringe diese zusammen. Noack: „Dann berichten die Referenten aus der Praxis für die Praxis“. Man habe zudem ein Netzwerk mit Fachleuten aufgebaut. Eine wichtige Plattform ist die Internetseite vereinsplatz-wnd.de. Hier können sich nicht nur Vereine präsentieren. Auf dieser findet sich auch eine Wissensdatenbank, werden häufig gestellte Fragen beantwortet. Neu ist dabei eine digitale Sprechstunde. Noack: „Diese Webplattform ist möglichst praxisnah und entwickelt sich ständig weiter.“
  • Paten mit Herz: „Ehrenamtliche unterstützen ältere, alleinstehende Menschen vor Ort im Alltag“, so beschreibt Koordinatorin Monika Krächan das Projekt „Paten mit Herz“. Dabei geht es zum einen um ältere Menschen, die nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus noch Hilfe brauchen, damit sie wieder Zuhause zurechtkommen. Und es geht um Ältere, die alleine leben. „Einsamkeit macht krank“, unterstreicht Krächan. Die Paten übernehmen keine Pflege, sie machen auch keine hauswirtschaftlichen Arbeiten. Sie verbringen Zeit mit den Älteren, besuchen sie, plaudern mit ihnen, gehen spazieren und begleiten diese auch schon mal beim Arztbesuch. „Gemeinsam gegen einsam“, so Krächan: „Unsere Paten sind Zeitschenker.“ So manche Freundschaft sei so schon entstanden. Seit Projektstart 2016 haben im Landkreis 51 Paten 80 Ältere unterstützt, aktuell sind es 36 Paten und 43 ältere Menschen. Das Modellprojekt Landaufschwung läuft Ende des Jahres aus. Die Folgefinanzierung von Paten mit Herz ist für 2020 und 2021 aber gesichert. Das hat Sozialministerin Monika Bachmann (CDU) zugesagt.
  • Wie wichtig  das Engagement der Bürger in ihrem Heimatort ist, das zeigte sich auch bei zwei weiteren wichtigen Projekten zur Dorfentwicklung, so beim sozialen Dorf Hasborn-Dautweiler und beim Smart Village Remmesweiler.
  • Soziales Dorf Hasborn-Dautweiler: Warum leben Menschen so gerne in Hasborn-Dautweiler und warum kommen so viele, die weggezogen waren, wieder zurück? Können andere Dörfer daraus lernen? Diese Fragen sollte das Vorhaben beantworten. Projektkoordinator Tobias Scheid nannte zwei Stärken des Dorfes: die gute Infrastruktur und das rege Vereinsleben. In Hasborn-Dautweiler gibt es eine gute Nahversorgung, einen nahen Autobahnanschluss, Kirche, Kindergarten und Grundschule. 43 Vereine zählt das Dorf. Jeder Bürger ist im Schnitt in zwei bis drei Vereinen aktiv. Langsames Internet, fehlende Räume für Vereine und neue Events bemängelten die Bürger hingegen in einer Befragung. Dem wird abgeholfen. So wird das  ehemalige Schwesternhaus zurzeit mit viel Eigenleistung in ein Vereinshaus umgebaut, feierten die Bürger vor wenigen Wochen den ersten Tag der Hasborn-Dautweilerer. Drei Bürgerpaten kümmern sich als Ansprechpartner um Neubürger. Und als erstes Dorf im Saarland hat der Ort jetzt eine eigene Dorf-App, den Dorffunk. 400 Bürger haben sich diese App heruntergeladen, erfahren Neues aus ihrer Heimat und können miteinander diskutieren. Großes Thema aktuell: Der Fuchs im Dorf.
  • Smart Village Remmesweiler: Smart meint hier klug, erklärte Projektkoordinator Uwe Luther. Die Idee: In Remmesweiler selbst können die Menschen nicht mehr einkaufen, mit Hilfe der Digitalisierung wollte man andere Wege der Nahversorgung suchen. Hat man auch gefunden. Einmal in der Woche kommen Remmesweiler Bürger im Dorfgemeinschaftshaus zusammen, frühstücken gemeinsam und bestellen über eine Internetplattform Lebensmittel und mittlerweile auch Non-Food-Artikel aus der Region, die dann nach Remmesweiler gebracht werden. Ein Erfolgskonzept, bei dem mittlerweile sechs Dörfer der Stadt St. Wendel mit eingebunden sind und mehrere Geschäfte aus der Region. Und das auch im Landkreis Merzig-Wadern verwirklicht wird. Ziel könnte es laut Uwe Luther sein, das Vorhaben im gesamten Landkreis St. Wendel zu realisieren. Allerdings trage es sich finanziell nicht selbst. Luther: „Es muss öffentlich gefördert werden.“ Es sei elementar für die Daseinsvorsorge, stärke den ländlichen Raum.

Landaufschwung ist ein Modellprojekt, die finanzielle Förderung des Bundeslandwirtschaftsministeriums läuft aus. Ohne Anschlussfinanzierung stehen einzelne Projekte vor dem Aus. Das will der Landkreis nicht hinnehmen und fordert einmal, dass der Kreis dafür selbst Geld in die Hand nehmen darf, dass die Zukunftsentwicklung des ländlichen Raumes eine gesetzliche Aufgabe wird. Bisher ist das nicht der Fall. Zum anderen bemüht sich der Kreis um neue Fördermittel.

  • Hauptamt stärkt Ehrenamt: Zum Beispiel aus dem Programm „Hauptamt stärkt Ehrenamt“. 18 Landkreise aus ganz Deutschland dürfen hier mitmachen. Das St. Wendeler Land erhält hier ab dem kommenden Jahr drei Jahre lang Zuschüsse in Höhe von rund 450 000 Euro, erklärte Thomas Gebel, Leiter des Amtes für die Entwicklung des ländlichen Raumes. Und so kann der Kreis mit diesem Geld auf dem Projekt „Mitmacher gesucht“ aufbauen, so dass es dort nahtlos weitergeht.
  • Der Motivator: „Ohne Ehrenamt geht es nicht“, unterstrich auch Jimmy Hartwig, Integrationsbotschafter beim Deutschen Fußballbund, dreifacher Deutscher Meister und ehemaliger Nationalspieler. Er referierte in einem Impuls-Vortrag zum Thema: „Die Bedeutung des Ehrenamtes für die Gesellschaft mit besonderem Augenmerk auf den Fußball.“ Millionen Menschen engagierten sich freiwillig, das sei ein gewaltiges Geschenk für den Sport. Das Ehrenamt sei das Fundament des Fußballs, so der Mutmacher: „Willst Du froh und glücklich leben, lass ein Ehrenamt Dir geben.“
  • Ehrenamt schafft Zukunft: In einer abschließenden Podiumsdiskussion ging es auch um die weitere Finanzierung von Landaufschwung-Projekten. Dazu sagte Sozialministerin Monika Bachmann: „Wenn wir wollen, dass die Menschen in den Dörfern bleiben, müssen wir die Voraussetzungen schaffen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das, was sich bei Landaufschwung bewährt hat, dringend weitergeführt werden muss.“ Eine Ehrenamtsstiftung sei auf den Weg gebracht, sagte die CDU-Bundestagsabgeordnete Nadine Schön. Damit sollen Vereine und Verbände unterstützt werden. „Wir müssen die Möglichkeit bekommen, Geld in die Hand nehmen zu dürfen“, unterstrich Landrat Recktenwald: „Wenn wir Daseinsvorsorge wollen, müssen wir das auch tun dürfen, natürlich gemeinsam mit den Kommunen.“  „Ehrenamt ist ein Stück Wertschöpfung und Werterhaltung“, betonte Uwe Luther.

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