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Dillinger Hütte bereitet den BodenEine kleine Terrierhündin ist der eigentliche Star

Dillinger Hütte bereitet den BodenEine kleine Terrierhündin ist der eigentliche Star

Merzig. Mal metallisch glänzend, mal mit leichtbrauner Patina überzogen - der neue Boden für die Bühne der Merziger Zeltoper ist eine riesige Stahlkonstruktion. Unter großem logistischem Aufwand wurde der neuen Opernproduktion im Merziger Zeltpalast, "Carmen", im wahrsten Wortsinn der Boden bereitet

Merzig. Mal metallisch glänzend, mal mit leichtbrauner Patina überzogen - der neue Boden für die Bühne der Merziger Zeltoper ist eine riesige Stahlkonstruktion. Unter großem logistischem Aufwand wurde der neuen Opernproduktion im Merziger Zeltpalast, "Carmen", im wahrsten Wortsinn der Boden bereitet. Die von der Dillinger Hütte zur Verfügung gestellten anderthalb Zentimeter dicken Platten wurden zu einem Bühnenrund verschweißt. "Wir sind total begeistert. Die freundliche Zusammenarbeit mit der Dillinger Hütte kam ganz ohne Schwierigkeiten zustande", bemerkt Zeltopernchef Joachim Arnold zur ungewöhnlichen Sponsorenleistung. Nach dem Plan der jungen Bühnenbildnerin Azizah Hocke wurden in Dillingen die schweren Stahlplatten mit 16 Millimeter Dicke eigens mit Lasern zurecht geschnitten und für das Bühnenrund optimiert. "Unsere Techniker haben dann die gelieferten Teile mit einem Kran abgeladen und Stück für Stück auf der Unterkonstruktion verschweißt", betont Arnold spürbar stolz auf seine Mannschaft. Der zwischen den Farbtönen rostbraun und metallischgrau schimmernde Bodenbelag fügt sich so nahtlos in den Charme des übrigen Designs von Hocke ein: Ein wie aus dem Sperrmüll zusammen gesammeltes Möbelinventar, stereotypes Vorstadtwellblech in blau und rot, ein variabler Baucontainer als Zentralpunkt mit einem Schuss spanischer Fußball-WM-Euphorie und Zuhälterkneipenatmosphäre vermischt. Ein fast schon klischeehaftes Vorstadtszenario, in denen das Graffiti und ein paar Blümchenstoffreste aus den 70ern den einzigen Kontrast im rostbraunen Gewimmel bilden. "Hart, brutal, archaisch" - Joachim Arnold spart nicht an markanten Worten für den Bodenbelag. Auch den Stil der 2010er "Carmen"-Version meint er. Robust und alltagsgetreu kommt die Inszenierung daher. Zeltopernintendant Joachim Arnold ist mit seiner 2010er-Besetzung zufrieden: "Wir haben echte Typen besetzt. Dadurch, dass wir an kein festes Ensemble gebunden sind, können wir die Sänger ganz auf die Inszenierung hin auswählen." Im Zusammenspiel darf man sich also über klare Persönlichkeiten und neue markante Gesichter freuen. Die Geschichte der schönen Zigeunerin, die dem Soldaten Don José vollends den Kopf verdreht und ihn - geblendet von Liebe - nach und nach ins Verderben stürzt, bekommt hier den Touch einer Dokumentation aus den brasilianischen Favelas. Joachim Arnold sieht die Inszenierung als Chance, das Carmenbild neu zu interpretieren. "Carmen lebt abseits der normalen Gesellschaft, ist vulgär, unverschämt und in ihrer Persönlichkeit als renitenter Underdog für ein Leben nach klassischem Muster nicht tragbar." Straßengangs dominieren in dieser Welt statt altbackene Schmugglerbanden. Regisseurin Aurelia Eggers indes setzt Akzente für den gesamten Zuschauerraum und fordert die Präsenz nach allen Richtungen. Während der laufenden Proben wirbelt die Regisseurin, die im Jahr 2000 Mozarts Zauberflöte als kunterbuntes Fantasydrama inszenierte, über die Zuschauerränge und um die Bühne. Streng prüft die Theatermacherin das mimisch-gestische Spiel und koordiniert sich mit ihren Assistentinnen und dem musikalischen Leiter Alexander Mayer. Die Saarbrücker Zeitung wird in den nächsten Tagen regelmäßig berichten. Karten für die Vorstellungen vom 20. bis zum 29. August können über Telefon (0 68 61) 9 91 00 und im Internet bezogen werden.www.musik-theater.deMerzig. Wer spielt mit? Mit Ann-Kathrin Naidu hat Musik und Theater Saar eine Aufsehen erregende Besetzung für die Carmen gefunden. Sie gibt ihrer Carmen die notwendige Leidenschaft und ist nicht nur sängerisch, sondern auch optisch eine Erscheinung. Eine Freude für die Kenner der Zeltoper ist sicher die erneute Hauptrollenbesetzung mit Timothy Richards. Der sympathische walisische Tenor war schon als "Pinkerton" in "Madama Butterfly" (2009) und als "Caravadossi" in "Tosca" (2008) zu hören. Wer ihn auf der Bühne erleben möchte, sollte aber einen Blick auf die Abendspiellisten werfen. Sowohl bei den Besetzungen des Don José, der Carmen und der musikalischen Leitung wird es zahlreiche Wechsel innerhalb der Aufführungen geben. Fachkundige Besucher aus der Kulturszene schauen aber natürlich zuerst die Medien- und publikumswirksam besetzte Partie der "Frasquita": Die durch die Fernsehcastingshow "Das Supertalent" bekannte Saarbrückerin Vanessa Calcagno bekommt im Merziger Zelt ihre erste Opernrolle und eine große Chance. Wie wird sie wohl von den Musikhochschulabsolventen und Bühnenprofis akzeptiert? Bei den Proben zum zweiten Akt, die die Presse begleiten darf, zeigt sie weder Scheu noch wirkt sie deplatziert. Ganz im Gegenteil - man merkt ihr deutlich an, wie sehr sie sich integrieren möchte. Zum absoluten Star der Inszenierung wird aber nicht unbedingt eine Sängerin oder ein Sänger. "Sita", die erst halbjährige, kleine Terrierhündin stiehlt ihrem Besitzer "Remendado" (Eberhard Lorenz) die Schau. Das weiße Jungtier mutiert zum Statussymbol des markanten Clanmitglieds und kontrastiert mit seiner natürlich ausstrahlenden Unschuld geradezu ideal das Machobild und die Vortäuschungen, die sonst in "Carmen" vorherrschen. Details zu der Zelt-opern-Besetzung finden sich im Internet (siehe unten). dcowww.musik-theater.de "Wir sind total begeistert. Die Zusammenarbeit mit der Dillinger Hütte kam ganz ohne Schwierigkeiten zustande."Joachim Arnold, Zeltoper-Macher

HintergrundWas unterscheidet die "Carmen"-Inszenierung von 1999 von der 2010? Im Vergleich zur erfolgreichen Zeltoperninszenierung des Jahres 1999 sieht diese "Carmen" ganz anders aus. Kein historisierendes Allerweltsmärchen sondern harte Alltagsrealität zwischen Straßenstrich und Industriebrache. Dadurch bekommt der Stoff aber auch aktuelle Bezüge, wirkt nicht sonderlich abgehoben oder verklärend, ist leicht zu verstehen und vergrault weder die klassischen Operngänger noch neues Publikum. Die versierten Opernprofis dürfen sich aber schon mal auf die originalgetreuen französischsprachigen Arien freuen. Für Übertitelung ist gesorgt und die Dialoge bleiben in deutscher Sprache. dco