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"Die Gezeiten der Trauer ähneln einer Spirale"

"Die Gezeiten der Trauer ähneln einer Spirale"

Frau Dr. Smeding, Sie sind Expertin auf dem Gebiet der Trauerbegleitung. Warum ist sie wichtig?Smeding: Man muss die Trauerbegleitung zusammen mit der Palliativbegleitung sehen. Beide gehören zusammen

Frau Dr. Smeding, Sie sind Expertin auf dem Gebiet der Trauerbegleitung. Warum ist sie wichtig?Smeding: Man muss die Trauerbegleitung zusammen mit der Palliativbegleitung sehen. Beide gehören zusammen. Ich denke, dass es eine große Zahl von Menschen gibt, die als Trauernde unbeobachtet Probleme bekommen, die man vorher hätte abfangen können, wenn man besser hingeschaut hätte. Mit diesem Schmerz und diesem Leid muss man die Leute nicht alleine lassen, zumal ihre Situation als Trauernde ohnehin schon schwierig genug ist.Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? Smeding: Heute arbeite ich schwerpunktmäßig in der Ausbildung, aber früher war ich sehr viel stärker auch empirisch tätig. Es liegen heute viele Forschungsergebnisse vor, die unter anderem zeigen, welche verschiedenen Richtungen es auf diesem Gebiet gibt. Man kann verschiedene allgemeine Muster erkennen, mit denen man dann die einzelne Fälle vergleichen kann, um dann anschließend genau zu beobachten, wo man jeden Fall natürlich auch noch mal einzeln betrachten muss. Denn jeder Trauerprozess ist individuell.Wieso stellen wir bei unseren Mitmenschen so unterschiedliche Formen des Trauerns fest? Es hat den Anschein, als entwickle jeder seine eigene Methode, mit Trauer umzugehen.Smeding: Das hängt damit zusammen, dass die Individualisierung der Menschen voranschreitet.Viele glauben nicht mehr an allgemein gültige Patentrezepte. Wir dürfen aber angesichts dieser Entwicklung nicht vergessen, dass es dennoch übergeordnete Muster gibt. Wir erleben selbst in unserem Leben vielleicht acht bis zehn Fälle, in denen wir auf Menschen treffen, die trauern und nehmen jeden einzelnen Fall sehr individuell wahr. Wenn wir diese Einzelbeobachtungen dann aber einmal - mittels Forschung - zu größeren Scharen zusammenführen, dann stellen wir fest, dass es doch übergeordnete Muster gibt, in denen diese Einzelfälle sich wiederfinden.Ziehen sich diese Kategorien, die sich in der Masse ergeben, auch durch alle Kulturkreise?Smeding: Es ist schon kulturell oder religiös sehr stark bedingt, wie die Menschen mit Trauer umgehen. Das zeigt sich zum Beispiel in sehr unterschiedlichen Arten, Trauer zu äußern. Die Schmerzen, die ein Trauernder erlebt, die mögen universell sein und überall auf der Welt in ähnlicher Form erlebt werden. Aber die Äußerungsmuster sind je nach Religion und Kultur sehr unterschiedlich.Ist Religion eine Antwort der Menschen auf die Herausforderung, mit Trauer umzugehen?Smeding: Das ist heute teilweise für viele Leute noch so. Früher sah es die Religion ja so, dass derjenige, der in Trauer geriet, nicht richtig gläubig war: Der Verstorbene war ja jetzt bei Gott, hatte es somit besser. Dieser Ansatz hat sich inzwischen doch als für die Hierbleibenden nicht als ausreichend hilfreich erwiesen. Religion kann enorm viel Trost verbreiten und dem Trauernden Hilfestellung geben, um durchzuhalten und weiter durchs Leben zu gehen. Andererseits sind wir Menschen heute sehr viel individualisierter als früher. Religion hingegen hat einen viel weiter reichenden Ansatz und zielt, in ihren großen Ritualen, auf eine sehr große Schar an Menschen. Die individuellen Unterschiede beim Trauern müssen wir aber stets berücksichtigen. Religion vermittelt mehr ein idealtypisches Bild, das aber in einer konkreten Trauersituation erst mal, über den individualisierten Weg, an diesen Menschen heran gebracht werden muss, um es dann in einen größeren Horizont wieder erleben zu können, sagt zum Beispiel Erhard Weiher.Sie unterscheiden in ihrem Modell "Trauer erschließen" vier Abschnitte von Trauer, die sie als Gezeiten bezeichnen. Wie lassen sich diese Gezeiten beschreiben?Smeding: Im Einzelnen sind das: die "Schleusenzeit", das ist die Zeit zwischen dem Eintritt des Todes und der Bestattung; die "Januszeit", in der die Angehörigen des Verstorbenen ein sehr starkes Gefühl des Gespalten-Seins empfinden zwischen der Zeit, als der/die Verstorbene noch lebte, und der jetzigen Zeit; die "Labyrinthzeit", in der die Trauernden auf unterschiedliche Weise den eigenen Weg mit dieser Trauer nun suchen, Wege, um es in ihrer Biografie irgendwie aufzunehmen, ihre Welt neu zu ordnen, den Verlust eines Menschen zu bewältigen; die "Regenbogenzeit", in der die Trauernden wieder Lebensfreude gewinnen und ihren persönlichen Lebensweg ohne die verstorbene Person fortsetzen, aber eben ohne diese zu vergessen oder die Bindung unbedingt zu durchschneiden oder beenden zu müssen. Mit all diesen Zeiten in Berührung steht das, was ich als "das Loch" bezeichne. Es befindet sich in der Mitte des Modells und gab ihm seinen Leitsatz: "Das Loch in das ich fiel, wurde zur Quelle, aus der ich lebe." Es sind keine Abschnitte im Sinne eines linearen Verlaufes, es sind also keine Phasen, die aufeinander folgen. Man muss das eher als eine Spirale sehen. Die Bezeichnung Gezeiten spielt hier nicht auf Ebbe und Flut an, sondern meint mehr solche natürlichen Phänomene wie Schneefall im Mai oder einen Frühlingseinbruch kurz vor Weihnachten. So ähnlich ist es mit dem Erleben dieser Trauer-Gezeiten: Sie sind nicht planbar und vorhersehbar, sondern können völlig unvermittelt über einen hereinbrechen. Darum kann es auch passieren, dass ein Trauernder im Verlaufe eines Tages alle vier Gezeiten in unterschiedlicher Reihenfolge durchläuft und am Ende doch wieder da steht, wo er begonnen hat. Das macht die Trauerbegleitung auch so unglaublich schwierig. Mit Ausnahme der "Schleusenzeit" kann der Trauernde sich in jeder Stufe seines Trauerprozesses in einer der genannten Zeiten befinden, und das mehrmals an einem Tag. Das ist nicht als Rückschritt zu sehen, sondern als Entwicklung, darum auch das Bild mit der Spirale.Wie wenden Sie dieses Modell der Trauer-Gezeiten in der Begegnung mit Trauernden an? Erklären Sie das doch näher?Smeding: Uns ist sehr wichtig, dass die Trauernden lernen, ihren Zustand selbst zu diagnostizieren. Unsere Trauerbegleitung soll nicht so ablaufen, dass die Begleitung die persönliche Situation der Betroffenen analysiert, um ihnen dann zu sagen, ihr steht da und da. Vielmehr lehren wir die Betroffenen, die einzelnen Gezeiten zu unterscheiden, so dass sie selbst zu der Erkenntnis kommen, dass sie sich zum Beispiel in der "Januszeit" befinden. Wer in der Lage ist, seine eigene Situation richtig einzuschätzen, weiß auch besser, was ihm dann möglich ist und was nicht. Es geht hier um ein Lehr-Lern-Modell: Die Betroffenen lernen bei uns, was sie brauchen, um sich zu helfen. Sie können besser einschätzen, was für sie die nächsten Schritte sind, um aus ihrer Beklemmung zu kommen. Das von mir entwickelte Modell ist, im Gegensatz zu vielen anderen Trauerbegleitungsmodellen, ein Befähigungsmodell. Welche dieser Zeiten ist aus Ihrer Erfahrung am schwierigsten zu bewältigen?Smeding: Das kann man so pauschal nicht sagen. Das hängt sehr von den Umständen ab, unter denen der Betroffene in die Trauersituation hineingekommen ist. Sicher ist es so, dass die erste Phase der "Januszeit", meistens die ersten sechs Wochen, aber manchmal auch sehr viel länger, je nach den Umständen, sehr schwer auszuhalten sind. Vor allem beim plötzlichen Verlust, was ja nun nichts mit der Palliativmedizin zu tun hat, ist diese Zeit unglaublich schwer zu ertragen. Ich bin aber auch erst vor kurzem einer Witwe begegnet, die mir gesagt hat, das zweite Jahr sei viel schwieriger als das erste. Und diese Aussage habe ich schon mehrfach gehört.Wer kann einem Trauernden in seiner seelischen Ausnahmesituation denn besser helfen: nahe stehende Menschen, also Freunde und Familie, oder jemand Fremdes, der völlig unbelastet und unbeeinflusst an die Bewältigung der Trauer herangeht?Smeding: Das ist kein Entweder-Oder, beides gehört dazu. Jemand, der sich als Begleiter unbelastet mit einem Trauernden beschäftigt, kann ihm über einen begrenzten kurzen Zeitraum wichtige Impulse geben. Aber auch die Stunden außerhalb dieser Zeit müssen noch gelebt werden, und dann sind die nahen Angehörigen unglaublich wichtig. Das sind oft nur ganz einfache Dinge: für jemanden da sein, mit ihm gehen, ihm zuzuhören, ihn ablenken, beschäftigen, auf andere Gedanken bringen, Lösungen für konkrete Probleme mitfinden. Das kann niemand so gut wie nahe stehende Menschen.Heute leben wir in einer Zeit der nahezu grenzenlosen Kommunikation, des uneingeschränkten gegenseitigen Austausches, Stichwort Internetforen. Welche Bedeutung hat dies für die Trauerarbeit?Smeding: Sie müssen sich nur einmal anschauen, wie viele virtuelle Trauerräume es im Internet gibt. Das kann einerseits, vor allem bei Jugendlichen, sehr helfen, weil sie sich leichter über ihre Empfindungen austauschen können. Andererseits bedeutet das gerade auf so einem persönlichen, ja intimen Bereich eine Anonymisierung, auch eine Abkehr von der Realität des Alltags, die einen doch immer wieder einholt. Und in dieser Realität ist der persönliche Kontakt oft nur schwer zu ersetzen. Welche Vorteile bietet in solch einer Situation das Internet?Smeding: Nehmen Sie nur das Beispiel der sehr interessanten Seite www.verwitwet.de. Die wurde von einem Witwer in Deutschland gegründet, der sich nach dem Tod seiner Frau allein um die Kinder kümmern musste. Wenn die dann abends im Bett waren und er einmal Zeit gehabt hätte, um sich mit jemandem über seine Trauer auszutauschen, war es für eine persönliche Begegnung oder das Beiwohnen einer Gruppe, meist schon viel zu spät. Das Internet konnte ihn hier von diesen zeitlichen Beschränkungen entbinden, es ermöglicht einen Austausch ungeachtet der Uhrzeit oder anderer Dinge, die einen einschränken. Das wird viel genutzt!Und welche Probleme können sich ergeben?Smeding: Was auch auf diesem Gebiet notwendig ist, was aber in Deutschland nach meinem Eindruck gut läuft, ist, dass die Jugendlichen geschützt werden. Es gibt auch bei diesen Trauerforen zu viele Menschen, die die Ausnahmesituation und die Verletzlichkeit der Betroffenen für unredliche Ziele ausnutzen wollen. Stehen den Trauernden heute mehr Werkzeuge zum Umgang mit ihrer Trauer zur Verfügung?Smeding: Ja, und das ist auch unbedingt notwendig. Früher stellte sich diese Frage gar nicht: Es gab festgelegte Rituale, vor allem durch die Religion, und alles, was außerhalb dieser Rituale lag, konnte öffentlich nicht vorkommen, war daher sehr viel komplizierter zu bewältigen. Wenn Sie heute alte Kirchenbücher in England auswerten, stellen Sie fest, dass die Pfarrer etwa im 17./18. Jahrhundert unglaublich viele Trauergespräche außerhalb der vom Glauben vorgesehenen Rituale geführt haben. Die Rituale und die Institutionen gibt es noch, aber die genügen vielen Menschen nicht mehr. Unser Leben und Denken ist sehr viel individualisierter geworden. Es gibt kaum ein Land, in denen in den letzten Jahren die Beschäftigung mit Trauer so geboomt hat wie in Deutschland. Das ist nicht immer alles so seriös, darum ist es sehr gut, dass sich in Deutschland in den vergangenen Jahren eine Arbeitsgruppe Trauerbegleitung entwickelt hat, die immer mehr Zuspruch erfährt. Diese Gruppe arbeitet daran, fundierte Standards für gute Trauerausbildungen zu entwickeln und erfährt darin große Resonanz.