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Der Umgang mit Menschen hat viel Spaß gemacht

Der Umgang mit Menschen hat viel Spaß gemacht

Frau Morsch, Sie sind im November 1990 als Kandidatin der CDU bei der Bürgermeisterwahl angetreten. Ihre Wahl war eine Überraschung?Sigrid Morsch: Das kann man wohl sagen. Damals wählte der Gemeinderat den Verwaltungschef. Die SPD hatte 1990 im Gemeinderat mit 14 Sitzen gegen 13 Stimmen der CDU die Mehrheit

Frau Morsch, Sie sind im November 1990 als Kandidatin der CDU bei der Bürgermeisterwahl angetreten. Ihre Wahl war eine Überraschung?Sigrid Morsch: Das kann man wohl sagen. Damals wählte der Gemeinderat den Verwaltungschef. Die SPD hatte 1990 im Gemeinderat mit 14 Sitzen gegen 13 Stimmen der CDU die Mehrheit. Ich bin aber mit 14:13-Stimmen zur Bürgermeisterin gewählt worden, der SPD Kandidat unterlag. Bei der Kommunalwahl 1994 hat dann die CDU mit 15:12 Sitzen die Mehrheit gewonnen und seitdem ausgebaut.Wie sah die Gemeinde Oberthal vor 17 Jahren aus?Morsch: Die Gemeinde hatte Ende der achtziger Jahre den Ortskern von Oberthal als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Dort, wo heute das Brühlzentrum steht, lag der alte Sportplatz, das sanierungsbedürftige Feuerwehrgerätehaus und ein alter Schulpavillon, der wegen Asbestverseuchung geschlossen war. Die gesamte Ortsmitte war öd und leer. Ziel der Sanierung war es, diesen ganzen Bereich attraktiver zu gestalten, ein richtiges Ortszentrum zu schaffen.Was war das erste Projekt der Kernsanierung?Morsch: 1991/92 wurde die Poststraße in der heutigen Form verkehrsberuhigt ausgebaut.Und dann?Morsch: 1994 suchte Edeka, im Haus Weirich untergebracht, einen neuen Standort. Edeka vermittelte den Kontakt mit dem Investor Hermann Link. Der wollte das Einkaufszentrum Brühlzentrum bauen und vermarkten. Trotz Kommunalwahljahr ging alles ganz schnell. Im Februar 1994 gab es das erste Gespräch mit dem Investor, im Mai war die erste Beratung im Gemeinderat, im Januar 1995 folgte der Spatenstich und im Juni 1996 war Eröffnung. Das war die wichtigste Investition für die Gemeinde Oberthal. Wir haben erreicht, dass wir Geschäfte leicht erreichbar und zentral in der Ortsmitte angesiedelt haben und nicht auf der grünen Wiese.Der Bau des Brühlzentrums zog weitere Projekte nach sich?Morsch: Parallel dazu haben wir ein neues Feuerwehrgerätehaus am Schulzentrum gebaut. Die Gerätehäuser in Oberthal und Gronig hätten saniert werden müssen, der gemeinsame Neubau war die beste Lösung. Beide Löschbezirke haben fusioniert, als erste im Saarland. Dieser Zusammenschluss hat sich bewährt. Der Löschbezirk Oberthal-Gronig ist heute der größte im Landkreis St. Wendel. Übrigens, wir haben neben dem Brühlzentrum auch den Kirmesplatz neu angelegt. Und wir haben an die Anbindung der Ortsteile gedacht.Inwiefern?Morsch: Ein zentrales Einkaufszentrum muss auch erreichbar sein. Wir haben in den neunziger Jahren den City-Bus eingeführt. Der fährt im Stundentakt alle Ortsteile an und verbindet diese mit dem Zentrum Oberthal.Die Ortskernsanierung ist aber auch eine aktuelle Aufgabe?Morsch: Die Ortskernsanierung hat mich meine ganze Amtszeit begleitet. Weitere Missstände galt es in den folgenden Jahren zu beseitigen. Die Grundschule war marode. 2004 haben wir eine neue Schule gebaut. Auch das eine vorausschauende Investition. Denn wir haben nun eine moderne Grundschule für die Kinder aus allen Ortsteilen der Gemeinde. 2007 wurde das alte Gebäude abgerissen. Abgerissen haben wir auch den seit langem leer stehenden Komplex Caf&; Mörsdorf, früher ein Renommierbetrieb der Gemeinde. So ist ein Eingangstor zur Ortsmitte entstanden. Die Freifläche wird nun noch neu gestaltet. Ein kleiner Planungswettbewerb läuft. Das Ziel, ein neues Rathaus zu bauen, konnten Sie in Ihrer Amtszeit allerdings nicht verwirklichen.Morsch: Der Bebauungsplan ist rechtskräftig. Zur Zeit sind wir in Verhandlungen, um das Haus Weirich zu kaufen. Dies ist notwendig, weil es einer vernünftigen Planung im Wege steht. Es muss noch weg, damit das neue Bürgerservicezentrum gebaut werden kann. Dieses soll in Richtung Poststraße geöffnet sein. Der Neubau kommt, vielleicht schon im nächsten Jahr. Das alte Rathaus wird abgerissen. Hier werden Wohnhäuser entstehen.Was waren weitere wichtige Baumaßnahmen in den vergangenen Jahren?Morsch: Die Gemeinde hat den Neubau des katholischen Kindergartens in Oberthal in den neunziger Jahren bezuschusst. Wir haben das Gewerbegebiet Wallfeld erschlossen. Wir haben 1,5 Millionen Euro in die Sanierung der Bliestalhalle investiert. Alle Ortsdurchfahrten sind erneuert worden. Nicht zu vergessen der Bau des Wendelinusradweges. Mit diesem ist eine neue Brücke über der Landstraße in Gronig verwirklicht und ein Engpass beseitigt worden. Jüngstes Projekt ist der Neubau des Bauhofes, der noch läuft. Investitionen sind auch in alle Ortsteile geflossen, so haben wir zum Beispiel neue Dorfplätze gebaut und die Turnhalle in Güdesweiler saniert, den Kindergarten in Güdesweiler komplett saniert und neu gestaltet, Straßen in Gronig und Steinberg-Deckenhardt verkehrsberuhigt ausgebaut, den Friedhofsvorplatz in Güdesweiler ausgebaut, Baugebiete erschlossen und Sportplätze saniert. Wie haben sich die Aufgaben einer Gemeindeverwaltung und der Bürgermeisterin seit 1997 verändert?Morsch: Die Aufgabenstellung ist wesentlich vielfältiger und komplexer geworden. Gesetze und ihre Ausführbestimmungen ändern sich ständig. Als ich vor 40 Jahren bei der Gemeindeverwaltung in Friedrichsthal anfing, da gab es jahrelang keine Rechtsveränderungen. Wer sich beispielsweise die Vorschriften der Sozialversicherung angeeignet hatte, konnte jahrelang damit arbeiten. Heute ist die Halbwertzeit der Gesetze sehr kurz. Meine Mitarbeiter müssen sich ständig neu einarbeiten. Hinzu kommt, dass dazu auch die EDV-Programme ständig angepasst werden müssen und die Mitarbeiter auch die Anwendungsprogramme kennen müssen.Damit haben doch alle Kommunen zu kämpfen?Morsch: Richtig. Eine kleine Verwaltung wie Oberthal mit 18 Mitarbeitern, davon sieben in Teilzeit, muss aber die gleiche Aufgabenstellung im Pflichtbereich erfüllen wie eine größere Verwaltung wie zum Beispiel die Stadt St. Wendel. Die zunehmende Komplexität der Aufgaben und wachsende Bürokratisierung macht einer kleinen Gemeinde sehr zu schaffen.Reden Sie damit einer Zusammenlegung von Kommunen das Wort?Morsch: Nicht unbedingt. Gerade vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung müssen die Dienstleistungen einer Verwaltung vor Ort bleiben. Ich glaube auch, dass man man gemeindeübergreifend mit Ziel und Maß enger zusammenarbeiten kann. Der Gesetzgeber muss aber auch die Gemeinden finanziell besser ausstatten. Damit diese ihre Aufgaben erfüllen könnenWomit wir beim größten Problem der Gemeinde Oberthal sind.Morsch: Das größte Problem sind die Finanzen. Oberthal ist eine strukturschwache Gemeinde, wir haben keine hohen Gewerbesteuereinnahmen. Die Gemeinde lebt vom Finanzausgleich, der Zuweisung des Landes. Damit sind wir vergleichbar mit einem Sozialhilfeempfänger. Der verhungert auch nicht, aber er hat kein Geld zu investieren. Das ist auf Dauer keine Lösung.Die wäre?Morsch: Es muss eine Reform der Gemeindefinanzen gemacht werden. Der Finanzausgleich muss neu gerechnet werden. Und der Bundes- und Landesgesetzgeber muss endlich für Gesetze, die er beschließt, auch genügend Geld bereitstellen. Bisher ist es oft so, dass der Bund beschließt und die Kommunen die Finanzierungslücke schließen müssen. Wer bestellt bezahlt, das muss auch in der Politik gelten.Was hat Ihnen bei Ihrer Arbeit als Bürgermeisterin am meisten Spaß gemacht?Morsch: Die Vielfalt, die die Arbeit an der Spitze einer Verwaltung mit sich bringt, aber auch der Umgang mit den Menschen.Was hat Ihnen am wenigsten Spaß bereitet?Morsch: So mancher verbale Angriff und unsachliche Tiefschläge unterhalb der Gürtellinie.Was werden Sie am meisten vermissen?Morsch: Die Fülle der Arbeit. Wenn man gewöhnt ist, jeden Tag zu arbeiten, auch am Wochenende, fällt die Umstellung schwer.Was haben Sie sich denn für den Ruhestand nach dem 31. Mai vorgenommen?Morsch: An erster Stelle steht meine Familie. Dann habe ich ja noch ein paar Aufgaben, die nicht an mein Amt als Bürgermeisterin gebunden sind. Ich werde weiter in den Gremien des Saarländischen Rundfunks mitarbeiten. Ich bin Vorsitzende des Prüfungsausschusses für Verwaltungsfachangestellte. Ich bin ehrenamtliche Richterin am Bundesarbeitsgericht in Erfurt. Ich möchte mich stärker im Verein für Geschichte und Heimatkunde Oberthal engagieren und bleibe im Vorstand der Hospizhilfe und in weiteren Organisationen und Gremien ehrenamtlich tätig.Und darüber hinaus?Morsch: Ich habe mir fest vorgenommen, viel Schwimmen zu gehen, viel zu lesen. Und dann reise ich auch sehr gerne, und es gibt noch Vieles in dieser Welt, was ich sehen möchte.Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger?Morsch: Keinen. Jeder muss seinen eigenen Stil und seine eigene Arbeitsweise finden. Es steht mir nicht zu, dies vorzugeben. Allerdings stehe ich bereit, wenn mein Rat gefragt ist. Das ist doch selbstverständlich.Wenn Sie einen Wunsch für Ihre Gemeinde Oberthal frei hätten, was würden Sie sich denn wünschen?Morsch: Einen Geldregen, damit all die Dinge, die wichtig sind, auch gemacht werden können.

Zur PersonSigrid Morsch hat vor einigen Tagen ihr 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Ihre Laufbahn begann die gebürtige Bildstockerin als Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung Friedrichsthal. Später wechselte sie als stellvertretende Geschäftsführerin zum kommunalen Arbeitgeberverband nach Saarbrücken. Im November 1990 wählte sie der Gemeinderat Oberthal trotz SPD-Mehrheit mit 14:13-Stimmen zur Bürgermeisterin. Morsch trat das Amt am 1. Mai 1991 an. Sie lebt in Gronig. Mit 76,5 Prozent entschied sie im September 2000 die erste Bürgermeister-Urwahl in Oberthal für sich. Am 31. Mai scheidet die 66-Jährige auf eigenen Wunsch aus dem Amt aus. Nachfolger wird Stephan Rausch, der für acht Jahre gewählt ist. vf