Das Lamm steht für die Opferung Christi. Zu Besuch bei einem Schäfer im Ostertal.

Ostern : Der Mann, der sich gern belämmern lässt

Das Lamm steht für den Opfertod Christi. Auf den Spuren eines Tieres, das das Osterfest symbolisiert, zu Besuch bei einem Schäfer im Ostertal.

Wenn er noch mal ganz von vorne anfangen könnte, würde er alles genauso wieder tun. Nein, falsch: Er hätte wahrscheinlich schon als Kind damit angefangen, Schafe zu füttern. Denn er hat ihn nicht mit der Muttermilch aufgesogen, diesen Hang zu Tier und Natur. Florian Rolshausen kommt aus Malstatt, „aus der Stadt“, wie er gleich zu Beginn klarstellt. Er ist der einzige Landwirt in der Familie. „Sozusagen das schwarze Schaf“, erklärt er und lacht. Eine Frohnatur inmitten von blühendem Grün. Dort wo er jeden Tag von morgens bis abends – im wahrsten Sinne des Wortes – ackert, riecht es nach Hühnermist und Heu.

In Oberkirchen bei St. Wendel, etwas fernab der zugverbundenen Zivilisation, da wo sich Huhn und Lamm gute Nacht sagen. Im Innenhof steht ein runder Holztisch, links der Hofladen, rechts geht es zu den Hühnern. Heute scheint die Sonne prall auf den Stall. Zehn Hektar Land wie aus dem Bilderbuch.

Impressionen aus dem Schafstell

Määääh-Rufe in Dauerschleife. Mal tiefer, mal etwas höher in der Tonlage. Ein Naturchor aus 50 ostfriesischen Milchschafen, orchestriert von einem Mann, der ihnen offensichtlich gerne den Ton angibt. Und das schon um 7.15 Uhr morgens. Hellwach steht Florian Rolshausen in grünen Gummistiefeln hinter sechs Schafen. Die Schläuche seiner Melkmaschine hängen an den Zitzen zweier Tiere. Allein ein Schaf bringt 400 Liter im Jahr. Pro Tag pumpt der 36-Jährige 60 Liter Rohmilch aus 45 Schafen. Morgens 30, abends 30. Die beiden, die jetzt vor ihm mit dem Hinterteil zappeln, sind drei Jahre alt, mit vier erreichen sie „ihre Höchstleistung“, mit zehn Jahren sind sie bereit für den Schlachthof. Für den jungen Mann der vertraute Rhythmus. Füttern, streicheln, melken, verkaufen. „Man muss einen Mittelweg zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierwohl finden.“

Oktober bis Februar ist milchfreie Zeit, im Frühjahr kommen die Jungtiere zur Welt. Rolshausen hält neben den 50 erwachsenen Schafen derzeit 73 Lämmer. Wenn sie neun Monate alt sind, bringt er einige von ihnen zum 13 Kilometer entfernten Wendelinushof. „Selber schlachten könnte ich nicht“, sagt Rolshausen, der seine Schafe vor dem Melken streichelt und jedem Einzelnen einen Namen verpasst hat. Sein Lieblingsschaf ist Belana. Sie hat einen eigenen Stall mit Wärmelampe. Ihr Lämmchen ist gerade einmal zwei Wochen alt. Im großen Stall blökt das Geschwisterpaar Sturm und Stille. Sturm erwarb sich seinen ungestümen Namen, als er wiederholt mit dem Kopf gegen ein Blech hämmerte. Stille ist, wie der Name schon andeutet, der Ruhe-Gegenpol. Zum Melken kommt heute auch Pechmarie. „Sie hatte als Lamm Durchfall. Deswegen habe ich sie so getauft.“ Rolshausen lacht und kippt Biokraftfutter nach. Sechs Schafe treten ab, sechs andere traben in den Melkstand. Gegen Viertel nach acht sind 28 Schafe an den Schläuchen gewesen. Das reicht für heute. Jetzt wird sauber gemacht.

Obwohl er kaum Urlaub hat und auch am Wochenende die Zitzen in die Hand nimmt, wirkt Rolshausen lebensfroh und gut gelaunt. „Man muss für diesen Job gemacht sein.“ Sein Hof, den er vor sieben Jahren erworben hat, ist nicht als Biohof zertifiziert. Das sei aber auch nicht nötig, um gut mit den Tieren umzugehen, sagt er. Vor jedem Melkgang prüft er, ob ein Euter entzündet ist. Wenn ein Lamm zur Welt kommt, ist er die Hebamme, päppelt die Jungtiere notfalls mit der Flasche auf. „Viel Schlaf bekomme ich dann nicht ab“, sagt der Junggeselle, der eine scherzhafte Anspielung auf die RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“ mit einem „Das ist mir zu niveaulos“ quittiert. Um dann herzhaft darüber zu lachen.

Neben den 123 Schafen und Lämmern hat Rolshausen noch 120 Hühner, 50 Masthähnchen und 15 Gänse. Alleine könnte er nur die Schafe betreuen. Seine Eltern, die auf dem Hof im ersten Stock  leben, packen mit an. An diesem Dienstag vor Ostern ist ein Onkel zu Besuch. Ihm bleibt auch nichts anderes übrig, als die Määährufe zu erhören. Muuuh- und Mecker-Rufe hat Rolshausen bewusst vermieden, obwohl es, so wie er erklärt, einfacher wäre, Kühe oder Ziegen zu halten. Schafe bräuchten festere Zäune, weil sie eher ausbrechen. Milchschafe seien anfälliger für Entzündungen. Auch die Wolle verschenkt er, weil es sich bei 60 Cent pro Kilogramm nicht rentiere, sie zu verkaufen. Aber, wie schon für den Menschen gilt auch für das Schaf: Auf die inneren Werte kommt es an. „Ihr Charakter passt am besten zu mir. Sie sind so gemütlich.“

Gemütlich? Määähhhh…mähhhhhh….määhhh aus jeder Ecke. Jetzt sind seine Schützlinge vor allem eines: ziemlich laut. Was Rolshausen mit „gemütlich“ meint, versteht man erst ein paar Minuten später, nachdem er die Verriegelung löst und die Lämmer zu ihren Mutterschafen lässt. Innerhalb weniger Sekunden wird aus dem Dauer-Geblöke das Schweigen der Lämmer. Ein Anblick, der Potenzial hat, selbst den härtesten Tiermuffel zu berühren.

Jetzt ist Ruhe im Stall, Rolshausen kann sich seiner Milch widmen. Ein paar Meter weiter verarbeitet er den Rohstoff zu einer bunten Käseplatte: Weichkäse nach Feta-Art, Schnittkäse und Camembert. All das verkauft er direkt auf seinem Hof. Oder auch mal auf Bauernmärkten. Genauso verfährt er mit den Hähnchen, dem Lammfleisch und den Eiern. Die Kundschaft sei nach sieben Jahren stabil, die laufenden Kosten von 3000 Euro monatlich: mehr als gedeckt. Wenn nicht plötzlich ein Wolf auftauchen sollte („das wäre fatal“), ist das Geschäft stabil. An diesem sonnigen Vormittag marschiert ein älterer Herr mit Vollbart in den Hofladen, um Eier mitzunehmen.

„Ostern? Nö, da machen wir nix Besonderes“, sagt der Mann, dessen Hof, wie es der Zufall will, im Ostertal liegt. Der Fluss, in dessen Nähe seine Schafe weiden, ist die Oster. Aber nein, es wird kein Osterlamm geben. Nur Filet und Rücken vom Schaf. Für Sonderaktionen bleibt keine Zeit.

Eva Müller ist von diesem Pensum sichtlich beeindruckt. Die junge Frau ist heute mit ihrem Hund Wave vorbeigekommen, um sich Rolshausens Arbeit genauer anzusehen. Zum Schnuppern im Stall. Die 32-jährige Saarländerin hält selbst 20 Schafe in Altheim bei Blieskastel. Hauptberuflich arbeitet sie als Lehrerin mit behinderten Kindern. Ihr Traum: eine eigene „Erlebnisschäferei“. Schafehalten mit pädagogischem Auftrag. Auch sie kennt sich  gut aus, weiß auch um die Schattenseiten der Branche. Wenn Rolshausen an Bestandsregister und Meldungen für das Statistische Bundesamt denkt, vergeht selbst ihm das Lachen. „Ich hasse Büroarbeit“, sagt der gelernte Bürokaufmann. Davor war er vier Jahre lang bei der Bundeswehr. Landwirt lernte er bei einem Kuhbetrieb in Saarburg. Am Ende blieb er bei den Schafen, wie er erzählt. Bevor er das Gesagte mit einer Anekdote aus dem Vorjahr abrundet.

Rolshausen berichtet, wie er auf dem Weg zum Fest am Wendelinushof von seiner Mutter einen Anruf erhielt: „Die Schafe sind ausgebrochen.“ Wie er dann zurückfuhr und aufs Feiern verzichtete. Müller nickt. Die 32-Jährige kennt das Gebundensein, das die Tierliebe mit sich bringt. Immerhin findet die Geschichte mit den ausgebüxten Schafen ein gutes Ende. „Als ich sie rief, kamen sie alle sofort zu mir zurück.“ Klingt so, als könnten von Rolshausen nicht nur angehende Schäfer(innen) noch etwas lernen.

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