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Das Ende des Handyzeitalters

Das Ende des Handyzeitalters

Freisen. In der Erweiterten Realschule Freisen arbeiten die Schüler des siebten Schuljahres im fächerübergreifenden Unterricht derzeit an dem Projekt "Menschen schützen, verändern und gefährden ihren Lebensraum". Um hierzu weitere Fachinformationen zu erhalten, lud die Schule Professor Dr. Michael Bottlinger vom Umweltcampus Birkenfeld als Gastredner ein

Freisen. In der Erweiterten Realschule Freisen arbeiten die Schüler des siebten Schuljahres im fächerübergreifenden Unterricht derzeit an dem Projekt "Menschen schützen, verändern und gefährden ihren Lebensraum". Um hierzu weitere Fachinformationen zu erhalten, lud die Schule Professor Dr. Michael Bottlinger vom Umweltcampus Birkenfeld als Gastredner ein."Geht 2012 die Welt unter?" Der besorgte Siebtklässler will darauf die Antwort aus berufenem Mund hören. Seinen Lehrern könnte er jeden Tag diese Frage stellen, aber wann ist schon einmal die Gelegenheit, sich damit direkt an einen Wissenschaftler zu wenden? Professor Dr. Michael Bottlinger erklärt geduldig, dass es dafür wohl aus wissenschaftlicher Sicht keinerlei Anhaltspunkte gibt. Was man allerdings genau wisse, sei die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt eine alte Zeitrechnung des mittelamerikanischen Maya-Volkes zu Ende geht, denn deren tausende Jahre alter Kalender reicht nur bis dahin. Aber was der Dozent des Umwelt-Campus Birkenfeld/Fachhochschule Trier weiter mitzuteilen hat, ist durchaus beunruhigender: Das Handyzeitalter könnte in wenigen Jahren schon vorbei sein, weil zur Herstellung der Geräte weltweit schlicht die Rohstoffe fehlen.

Da macht sich Betroffenheit breit unter den Schülern der 7. Klassen der Erweiterten Realschule Freisen, denn auf die Dozenten-Frage nach persönlichem Handybesitz hatten sich zuvor fast alle gemeldet. Michael Bottlinger spricht die Kinder, die derzeit alle an dem Umwelt-Projekt arbeiten, als Schüler und Konsumenten gleichermaßen an. "Wiederverwertung und Lebenszyklus-Bewertung - Vom Leben eines nützlichen Dings" lautet der Titel der Schüler-Vorlesung, die der Professor für Verfahrenstechnik (Bottlinger: "Das ist Kleinhauen, Mischen und in Klumpen Zusammenschlagen.") in der Freisener Aula hält. Das Handy nimmt er dabei als beispielhaften Gegenstand, um schlüssig zu begründen, "warum Wegwerfen out ist".

Der Wissenschaftler lässt dazu Zahlen sprechen: 1,3 Milliarden Handys wurden im Jahr 2008 hergestellt. Zur Herstellung brauchte man 315 Tonnen Silber, 31 Tonnen Gold, zwölf Tonnen Palladium und dazu neben dem allgegenwärtigen Grundstoff Erdöl noch die Metalle Tantal, Antimon, Indium, Blei, Platin, Beryllium und schließlich Arsen. Mutmaßlich, so der Dozent, sind die Palladium-Vorräte dieser Erde bereits erschöpft. Problematisch sind neben der Knappheit der Rohstoffe auch die ökologischen und sozialen Eingriffe bei deren Gewinnung. Die Schüler sehen dazu im Vortrag Bilder von Quecksilbereinsatz bei der Goldgewinnung am Amazonas und einen Film über einen Bürgerkrieg um den Tantal-Ausgangsstoff Coltan im Kongo. Kriege und Umweltzerstörung im Namen der Rohstoffgewinnung und auch als Folge der Tatsache, dass lediglich drei Prozent aller Handys zur Wiederverwertung zurückgegeben werden. Der große Rest landet - unauffindbar für die Wiederverwertung - im Müll.

Hier setzt "Life-Cycle Assessment", die Lebenszyklus-Bewertung eines Produktes ein, bei der alle benötigten Ressourcen für dieses Erzeugnis von der Herstellung bis zur Entsorgung untersucht werden. Alle wichtigen Einflüsse auf die Umwelt werden dabei erfasst, verschiedene Produktionsweisen verglichen und sowohl die Nutzungs- wie auch die Beseitigungswege betrachtet. Daran orientiert sich dann das Maß für die Umweltverträglichkeit eines Produktes. Eine zukunftsorientierte Produktion, so Professor Bottlinger, müsse ohne Deponien auskommen. Das erklärte Ziel sei "Vermeiden und Verwerten". Dass dies heute schon in vielen Fällen funktioniert, erläutert der Referent dann an einzelnen Wegwerfgegenständen, die von den Schülern mitgebracht wurden. Ein leerer Milch-Tetrapack lässt sich mühelos in seine teilweise wertvollen Bestandteile zerlegen. Auch ein sperriger "Walkman", den längst ein winziger mp-3-Player als Musikmaschine abgelöst hat.

 Professor Dr. Michael Bottlinger informierte die Schüler.
Professor Dr. Michael Bottlinger informierte die Schüler.

Schwieriger wird es dagegen mit einem ebenfalls mitgebrachten Plüschbären aus vergangenen Kindertagen: "Ein wildes Gemisch aus verschiedenen Textilien", befindet der Fachmann. Wiederverwertung also zumindest fraglich. Der Gastvortrag öffnete sichtlich einen neuen Blick auf die Dinge des Alltags mit denen sich die Schüler umgeben. red