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Coronavirus im Landkreis St. Wendel: „Große Veranstaltungen wird es im Sommer nicht geben“

Coronavirus im Landkreis St. Wendel : „Große Veranstaltungen wird es im Sommer nicht geben“

Der Krisenstab des Landkreises St. Wendel versucht, das Coronavirus einzudämmen. Normalität erwarten die Leiter so schnell nicht wieder.

Was tun, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen und Infektionsketten zu unterbrechen? Diese Frage beschäftigt derzeit Wissenschaftler, Mediziner und Politiker auf der ganzen Welt. Auch Landrat Udo Recktenwald (CDU) und Dirk Schäfer, Leiter des operativ-taktischen Stabs, setzen sich täglich mit dem Thema auseinander. Im Interview mit der Saarbrücker Zeitung sprechen sie über ihre Arbeit, die Fallzahlen und ihre Strategie im Kampf gegen die Pandemie.

Herr Schäfer, was ist die Aufgabe des Krisenstabs?

Dirk Schäfer Wir befassen uns jetzt seit vier Wochen mit dem Thema Corona. Am 27. Februar haben wir uns das erste Mal im Landratsamt zusammengesetzt, vorbereitende Maßnahmen getroffen und überlegt, wie wir mit einer Krise umgehen könnten. Am 3. März haben wir den Verwaltungsstab ins Leben gerufen. Als am 11. März die ersten Corona-Fälle im Landkreis bekannt wurden, haben wir zusätzlich den operativ-taktischen Stab gegründet. Er koordiniert beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen und den Kommunen. Zusammengefasst könnte man sagen, der operativ-taktische Stab setzt das, was der Verwaltungsstab beschlossen hat, in die Praxis um.

Dirk Schäfer. Foto: Evelyn Schneider

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Udo Recktenwald Vor vier Wochen haben wir montags in der Dezernentenrunde im Landratsamt getagt, ergänzt um einzelne Besprechungen im Gesundheitsamt. Doch dann hat sich die Lage zugespitzt. Als am 11. März auf einen Schlag acht positive Testergebnisse im Landkreis gemeldet wurden, haben wir beschlossen, das Lagezentrum und den Verwaltungsstab komplett ins Gesundheitsamt zu verlegen. Wir haben uns direkt mit den Bürgermeistern getroffen, den Umgang mit Veranstaltungen und die Sicherstellung der Verwaltungsarbeit besprochen. Im Gesundheitsamt arbeiten beide Stäbe nun zusammen. Wir treffen uns jeweils zwei Mal pro Tag, um 8 Uhr und um 15 Uhr. Allerdings nur in kleiner Runde, sprich mit dem Kernteam. Dort werden Strategien besprochen, die Sicherstellung der Kontaktverfolgung, aktuelle Fragen, die sich immer wieder ergeben und wo schnelle Antworten gefordert sind. Da ich ganztägig im Gesundheitsamt bin, kann vieles zwischendurch geregelt werden, direkt oder digital. Täglich finden Telefon- und Videokonferenzen mit Land, Kommunen und anderen Landräten statt. Im Übrigen auch zu anderen Themen, die zu regeln sind. Zum Tagesablauf gehört auch die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit. Da zählt dann schon auch ein Anruf aus dem Gesundheitsamt nachts um 2 Uhr zur Situation im Krankenhaus dazu.

Wie schützen Sie sich vor einer Ansteckung?

Recktenwald Wir halten den empfohlenen Mindestabstand zueinander ein und lassen fremdes Personal nur strukturiert ins Gebäude. Meistens halten sich im Lagezentrum aber ohnehin nur die Mitglieder des Krisenstabs auf. Ich pendele ohnehin nur noch die paar Meter zwischen Wohnhaus und Lagezentrum. Meine Tochter habe ich schon zwei Wochen nicht mehr gesehen, das schmerzt. Spaziergänge am späten Abend zu zweit, genug Schlaf, gesunde Ernährung, Waldlauf. Fit bleiben ist wichtig. Was mir fehlt, ist der direkte Kontakt, Veranstaltungen, das Leben in der Stadt.


Schäfer Wir sitzen quasi schon seit 14 Tagen in Quarantäne. Wir sind ja immer den ganzen Tag hier. Wenn man abends nach Hause kommt, geht man vielleicht mal noch eine Runde spazieren, um abzuspannen. Aber das war‘s dann auch. Kontakt zu anderen Menschen haben wir daher kaum.

Aktuell gibt es im Landkreis St. Wendel 68 Corona-Fälle. Wie geht es den Patienten?

Recktenwald Zwei Betroffene befinden sich in einem kritischen Zustand. Allen anderen geht es den Umständen entsprechend gut. Wir haben fast nur leichte Verläufe.

Was schätzen Sie, wie viele Infizierte werden noch dazukommen?

Schäfer Das können wir nicht so einfach schätzen. Wir können nur eine Prognose aus den Fakten ableiten, die uns bisher vorliegen. Bei allen Fällen in der Region handelt es sich nachweisbar um Rückkehrer und deren Kontaktpersonen. Ich denke, es war ein kluger Schachzug, dass wir die Urlauber mit Symptomen gleich getestet und den anderen empfohlen haben, zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Dadurch und durch die intensive Kontaktverfolgung konnten wir die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Das beweist auch die Statistik. Die Fallzahlen-Kurve auf Landesebene steigt stark an. Unsere Kurve hingegen flacht ab.

Recktenwald Mit den acht positiven Fällen und vielen Kontakten auf einmal waren wir gleich zu Beginn gebeutelt. Da waren wir plötzlich der Landkreis mit den meisten Fällen. Aber das sind wir mittlerweile schon lange nicht mehr. Zwar ist auch bei uns noch eine gewisse Dynamik da und es kommen weitere Fälle hinzu, aber zurzeit nicht mehr so drastisch wie in anderen Landkreisen. Die Strategie, Kontaktpersonen intensiv zu verfolgen, ist die richtige. Daher unterstütze ich nachhaltig die Ausgangsbeschränkungen. Je weniger Kontakt die Menschen untereinander haben, desto größer ist die Chance, die Infektionsketten zu unterbrechen. Im Laufe der nächsten Woche werden wir sehen, wie sich die Ausgangsbeschränkungen auswirken.

Wie läuft es mit den Ausgangsbeschränkungen im Landkreis?

Recktenwald Gut, ich bin sehr zufrieden. Mittlerweile haben wohl die meisten Bürger den Ernst der Lage verstanden. Wenn ich durch die Stadt fahre, nehme ich kaum noch Leute wahr, schon gar keine Gruppen. Klar, ich weiß nicht, ob sich nicht vielleicht doch noch mehrere Personen irgendwo in einem Partykeller treffen. Aber das kann man auch nicht kontrollieren.

Ist eine Ausgangsbeschränkung Ihrer Meinung nach ausreichend oder müssen wir doch noch zur Sperre übergehen?

Recktenwald Die Ausgangsbeschränkungen sind erst mal für 14 Tage angesetzt. Die Schulen und Kitas bleiben auf jeden Fall bis zum Ende der Osterferien geschlossen. Aber es ist auch möglich, dass wir diese Maßnahmen verlängern müssen. Wir wissen einfach nicht, was in vier Wochen sein wird. Daher kann man die Menschen nicht komplett einsperren. Ein bisschen spazieren zu gehen und Sport zu treiben, halte ich für vertretbar und notwendig.

Das Thema Corona wird uns wohl noch eine Weile beschäftigen. Aber wenn alles überstanden ist, wie lange wird es dauern, bis im St. Wendeler Land wieder Normalzustand herrscht?

Recktenwald Es ist uns gelungen, den Schalter relativ schnell umzulegen und in den Krisen-Modus zu wechseln. Das hat mich positiv überrascht. Ich bin überzeugt, wenn all das vorbei ist, werden wir es schaffen, den Schalter auch wieder in die andere Richtung umzulegen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir ihn abrupt umlegen können. Ich denke eher, dass ein abgestuftes Verfahren nötig sein wird.

Was bedeutet das?

Recktenwald Es wird wohl nicht diesen einen Tag geben, an dem die Krise überstanden ist. Und am nächsten Tag steigt dann schon wieder eine Veranstaltung mit 10 000 Menschen. Wahrscheinlicher ist, dass Wellenbewegungen auftreten werden. Das heißt, die Fallzahlen gehen runter und wir können die Beschränkungen lockern. Irgendwann kommt jedoch eine neue Infektionswelle und dann müssen wir die Beschränkungen wieder anziehen. Denn kleine Wellen kann das Gesundheitssystem verarbeiten, riesige Wellen hingegen nicht. Ich kann mir im Moment ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass wir in diesem Sommer große Veranstaltungen haben werden. Das Thema Corona wird uns wohl noch den ganzen Sommer hindurch begleiten.