Auswanderer aus St. Wendel erzählen von Bränden in Australien

Kostenpflichtiger Inhalt: Hilfsbereitschaft, Angst und Wut : Die Katastrophe in Australien — so fern und doch so nah

Auf dem Kontinent am anderen Ende der Welt herrscht Chaos. Brände haben zehn Millionen Hektar Land zerstört, eine Milliarde Tiere getötet und tausende Häuser ruiniert. Auswanderer aus dem St. Wendeler Land und ein Einheimischer erzählen, wie sie das Unglück erleben.

Von Sarah Konrad

Feuerwehrleute kämpfen bis zur Erschöpfung gegen die Flammen, Tiere verbrennen bei lebendigem Leib, Menschen verlieren ihre Häuser – schon seit Monaten erreichen uns diese schrecklichen Nachrichten vom anderen Ende der Welt. Rund 15 000 Kilometer ist Australien vom St. Wendeler Land entfernt. Und doch gibt es zahlreiche Verbindungen. Die Saarbrücker Zeitung hat über das soziale Netzwerk Facebook nach Menschen aus dem Landkreis gesucht, die zurzeit in Down Under verweilen und über die verheerenden Buschbrände berichten möchten. Nach und nach meldeten sich unter anderem Auswanderer, Rucksacktouristen und Urlauber. Wir haben stellvertretend drei von ihnen ausgewählt. Auf dieser Seite berichten sie, wie sie die Feuerkatastrophe erleben.

„Wenn ich die Bilder im Internet sehe, bricht es mir das Herz“

Robert Fischer ist Australier und lebt in Winston Hills, einem Vorort von Sydney im Bundesstaat New South Wales. Der 52-Jährige ist seit Weihnachten zu Besuch bei seiner Lebensgefährtin in Hülzweiler. Anfang Februar wird er wieder zurückfliegen.

Robert Fischer kommt aus Winston Hills im Bundesstaat New South Wales. Regelmäßig besucht er seine Lebensgefährtin im Saarland. Foto: Fischer

„Wir haben schon oft Buschbrände erlebt. Die gibt es in Australien jedes Jahr. Der Unterschied dieses Mal ist, dass den Feuern eine langanhaltende Dürre vorausgegangen ist. In einigen Gebieten hat es seit mehr als zwei Jahren nicht mehr geregnet. Daher ist der Boden und der Wald sehr trocken.

Anfangs haben wir noch gedacht, es wären die üblichen Brände und die Feuerwehr würde diese unter Kontrolle haben. Daher waren wir nicht allzu besorgt. Aber als immer mehr Rauch aufstieg, haben die Menschen begonnen, sich Gedanken zu machen. Wir kennen alle jemanden, der in der Nähe von Buschländern lebt. Als Bekannte uns vom Ausmaß der Feuer erzählt haben, hat uns das schon verängstigt. Als dann die ersten Häuser von den Bränden zerstört wurden, haben wir uns gewundert, warum die Politiker nicht mehr unternehmen. Wir haben nur eine begrenzte Anzahl an Feuerwehrleuten und freiwilligen Helfern. Sie haben keine Chance, die riesigen Wälder vor den Feuern zu schützen oder die Brände dort zu bekämpfen. Das Militär hätte schon viel früher zur Unterstützung in die betroffenen Gebiete geschickt werden müssen. Aber das ist nicht geschehen, das hat die Menschen frustriert.

Das linke Foto hat Robert Fischer um 8 Uhr aufgenommen. Zu sehen ist die Innenstadt von Sydney, inklusive der Saint Mary's Cathedral. Drei Stunden später fotografiert Fischer noch einmal die gleiche Szene, wegen des Rauchs ist auf diesem Bild allerdings kaum noch etwas zu erkennen. Foto: Robert Fischer

Es wird viel über den Klimawandel gesprochen und ich gebe zu, der ist ein Teil des Problems. Aber ein weiteres Problem ist, dass Demonstranten die Behörden daran gehindert haben, Teile der Wälder kontrolliert zurückzubrennen – wegen der Tiere, die dort leben. Aber wenn man die Wälder nicht kontrolliert zurückbrennt, breiten sie sich aus. Dann genügen ein Sturm und ein Blitzeinschlag, um ein Feuer auszulösen. Ein weiteres Problem ist, dass die Menschen immer weiter weg von den Städten ziehen. Sie bauen ihre Häuser dichter an die Buschländer. Zum einen, weil es dort günstiger ist, zum anderen, weil sie in der Natur wohnen möchten. Kommt es dann zu Bränden, haben diese Häuser kaum eine Chance, unbeschadet davonzukommen. Egal wie viele Vorbereitungen man trifft.

Wenn ich die Bilder von Australien im Fernsehen oder im Internet sehe, bricht es mir das Herz. Ich weiß, was all die Familien und die Wildtiere gerade durchmachen. Auch wenn die Feuer gelöscht sind, steht uns noch einiges bevor. Es ist noch kein Ende in Sicht. Der Freund meiner Schwester lebt in Mogo im Bundesstaat New South Wales. Er hat durch die Brände alles verloren. Sein Haus, sein Geschäft. Das waren schreckliche Neuigkeiten. Die Feuer sind auch bis auf 20 Kilometer an meinen Heimatort herangerückt. Ich persönlich sehne mich gerade danach, zurück in Sydney zu sein. Es fühlt sich so an, als sollte ich dort sein mit all den anderen.“

„Die Feuerwehrleute sind hier
gerade die Landeshelden“

Katrin Kockler ist 30 Jahre alt und kommt aus Selbach. Nach ihrer Promotion hat die Wissenschaftlerin einen Job an der Universität in Brisbane angenommen. Sie lebt seit zwei Jahren im Bundesstaat Queensland.

Katrin Kockler aus Selbach ist vor zwei Jahren nach Australien ausgewandert. Sie lebt und arbeitet seitdem in Brisbane, Queensland. Foto: Kockler

„Die Feuer waren an einigen Tagen nur etwa eine halbe Stunde Fahrt von Brisbane entfernt. Die Luftqualität in der Stadt war deswegen teilweise sehr schlecht. Für gewöhnlich können wir vom Ende der Straße bis in den Nationalpark schauen. Aber wegen des Qualms war die Sicht manchmal so schlecht, dass wir das Ende unseres Vorgartens nicht mehr erkennen konnten. Es war eine dicke Asche-Schicht auf unseren Fensterbänken. Und die Hängematte auf unserer Veranda riecht, als würde sie neben einem Lagerfeuer stehen. An einigen Tagen gab es auch Warnungen, man sollte das Haus möglichst nicht verlassen.

Die ersten Brände haben bereits im September 2019 gelodert. In Queensland war der Höhepunkt im November. Seit Ende Dezember hat sich die Lage hier jedoch beruhigt. Es gibt keine akuten Warnungen und es werden keine Menschen mehr evakuiert. Wir haben wohl das Schlimmste überstanden. In den vergangenen drei Wochen hatten wir ein paar Stürme und relativ viel Regen. Die Temperaturen sind von 40 auf 28 Grad gefallen. Aber sobald es wieder richtig warm und trocken wird, kann die Situation auch schnell umschlagen.

Die Menschen hier sind zurzeit echt wütend auf die Regierung. Vor allem Premierminister Scott Morrison wird von allen Seiten bombardiert. Auf der anderen Seite überwiegt die Hilfsbereitschaft. Man merkt, dass alle versuchen, einander zu helfen. Im Dezember und Januar beispielsweise gab es im Internet eine Webseite, auf der Australier ihr Haus für Menschen, die evakuiert werden mussten, anbieten konnten. Es wird auch unheimlich viel gespendet. Die Hilfsorganisationen sind teilweise sogar überfordert, weil sie nicht wissen, wie sie mit den ganzen Sachspenden umgehen sollen. Und die Feuerwehrleute sind hier gerade die Landeshelden. Sie werden überall gefeiert. Auch die Tierhilfsorganisationen sind sehr aktiv. Sie kümmern sich zum Beispiel darum, dass die Tierärzte ganz dicht an die betroffenen Gebiete rankommen und die Tiere gleich vor Ort behandeln können. Die Koalas sind ganz besonders betroffen. 80 Prozent deren Lebensraums ist abgebrannt. Deshalb wird auch hier zu Spenden aufgerufen. Sie brauchen Futter und die Wälder müssen neu angepflanzt werden, damit die Tiere wieder ausgewildert werden können.

Meine Mama wird auch oft angesprochen und gefragt, wie man am besten von Deutschland aus helfen kann. Da empfehle ich immer, an die großen Organisationen zu spenden. Dazu gibt es viele Infos im Internet, hier einige Beispiele. Für die Tiere: Wildlife Rescue RSPCA Australia, WIRES New South Wales, Animals Australia. Für die Feuerwehr: NSW Rural Fire Service.“

„Meine Tochter durfte im Kindergarten nur noch drinnen spielen“

Die 34-jährige Kirsten Edwards kommt aus Urexweiler. Mit ihrem Mann Blake und ihrer zweijährigen Tochter Matilda lebt sie in Sydney.

Kirsten Edwards, ihr Mann Blake und Tochter Matilda waren an Silvester in Sydney unterwegs. Im Hintergrund ist die verrauchte Stadt zu sehen. Foto: Edwards

„Ich wohne jetzt seit sechs Jahren in Sydney, mein Mann Blake hat sein ganzes Leben in Australien verbracht. Aber solche gravierenden Feuer haben wir beide noch nicht erlebt. Blake ist in der Navy (auf Deutsch: Marine, Anm.d.Red.). Er wurde früher aus dem Weihnachtsurlaub zurückgerufen. Sein Schiff ist sozusagen im Standby-Modus. Wir rechnen jederzeit damit, dass er zum Einsatz aufbrechen muss.

In der Woche vor Weihnachten war die Lage besonders dramatisch. Da wurde es den ganzen Tag über nicht richtig hell. Es war immer so ein orangefarbenes Licht wie bei der Dämmerung. Das kam von dem ganzen Qualm. In dieser Zeit blieben viele Schulen wegen der schlechten Luftqualität geschlossen. Meine Tochter durfte im Kindergarten nur noch drinnen spielen. In der Innenstadt sind viele Leute mit Atemmasken rumgelaufen. Durch den ständigen Rauchgeruch hatte ich oft Kopfweh, Husten und die Nase ging zu.

Zurzeit sind Freunde aus Alsweiler zu Besuch. Wir wollten einen Ausflug in die Blue Mountains unternehmen. Aber der Nationalpark in der Nähe von Sydney ist schon seit Wochen wegen der Brände gesperrt. Anfang Januar ist nur etwa zehn Minuten von uns entfernt ein Feuer ausgebrochen. An diesem Tag war es sehr windig und warm. Als wir am Abend um 22.15 Uhr auf der Terrasse saßen, hat das Thermometer immer noch 36 Grad angezeigt. Der Wind war richtig heiß und man hat ihn pfeifen gehört. Da kriegt man es schon so ein bisschen mit der Angst zu tun.

Weil wir seit August keinen Regen mehr hatten, müssen wir Wasser sparen. Wir dürfen zum Beispiel keine Autos mehr waschen und die Gärten nicht mehr gießen. Noch schlimmer hat es meine Schwiegereltern erwischt. Sie leben in der Nähe von Forster, etwa viereinhalb Stunden nördlich von Sydney. Wegen der Brände waren sie im Oktober/November fünf Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten. In einer Nacht kam das Feuer so nahe, dass sie evakuiert werden mussten. Letztendlich hatten sie aber noch Glück. Ihr Haus blieb verschont. Im Nachbarort haben die Flammen 100 Gebäude zerstört, dort ist auch eine ältere Dame gestorben.

Bei uns in Sydney hat sich die Lage seit Sonntagabend etwas entspannt. Da hat es endlich mal wieder geregnet und die Temperaturen sind etwas zurückgegangen. Die Feuerwehrleute können jetzt mal ein bisschen aufatmen. Allerdings steht das nächste Problem schon bevor. Zum Wochenende hin rechnen die Meteorologen mit Sturm und jeder Menge Regen. Allerdings sind die Wälder wegen der Dürre geschwächt. Jetzt befürchten die Experten, dass die Bäume, die von den Feuern verschont wurden, durch den Wind umknicken könnten. Im Moment scheint es keine Pause zu geben.

Für mich ist es schwer nachzuvollziehen, dass die Regierung in einem Land mit so einer einzigartigen Flora und Fauna nur so wenig für den Umweltschutz tut. Man merkt, dass sich die Australier von ihrer Regierung alleine gelassen fühlen. Vor allem Premierminister Scott Morrison muss gerade viel Kritik einstecken. Die Menschen sagen, er würde nur in die Krisengebiete fahren, um Fotos zu machen. Die Wirtschaft sei ihm immer noch wichtiger als der Klimaschutz. Das ärgert inzwischen viele. Vor Weihnachten, als die Brände schon wüteten, war Morrison im Urlaub auf Hawaii. Das hat viele hier wütend gemacht. In Sydney hat ein Straßenkünstler den Minister im Hawaiihemd und mit Blumenkette gemalt. Unter dem Bild stand ,Merry Crisis’ statt ,Merry Christmas’.

Aber die Hilfsbereitschaft ist riesig. Die Menschen interessieren sich dafür, was gerade in Australien passiert. In den vergangenen Wochen habe ich viele Nachrichten aus Deutschland bekommen. Auch Bekannte, von denen ich schon seit Jahren nichts mehr gehört hatte, wollten wissen, ob alles in Ordnung ist. In Australien hat sich eine Gruppe gegründet, um Spenden zu sammeln. Die hat am 3. Januar losgelegt und jetzt schon die 50 Millionen-Dollar-Marke geknackt. Diese Woche waren in Sydney auch einige Benefizkonzerte. Es ist schon krass, was auf die Beine gestellt wird.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Brände in Australien