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Auf den Spuren der Vorfahren in Brasilien

Auf den Spuren der Vorfahren in Brasilien

Winterbach. Lebensmittelarmut und weitere nicht mehr bekannte Gründe bewogen zur Jahreswende 1878/1879 den damals 72-jährigen Familienvater Matthias Weiand eine neue Heimat in Brasilien zu suchen. Mit ihm machten sich etwa fünf Prozent des damals etwa 600 Einwohner zählenden Ortes Winterbach auf den Weg in die Fremde. Matthias und Catherina Weiand hatten 13 gemeinsame Kinder

Winterbach. Lebensmittelarmut und weitere nicht mehr bekannte Gründe bewogen zur Jahreswende 1878/1879 den damals 72-jährigen Familienvater Matthias Weiand eine neue Heimat in Brasilien zu suchen. Mit ihm machten sich etwa fünf Prozent des damals etwa 600 Einwohner zählenden Ortes Winterbach auf den Weg in die Fremde. Matthias und Catherina Weiand hatten 13 gemeinsame Kinder. Seine Frau verstarb bereits im Jahre 1862 im Alter von 51 Jahren. Den Vater begleiteten zwei Söhne, drei Töchter, drei Schwiegersöhne und zehn Enkelkinder. Die neue Heimat sollte der Bundesstaat Rio Grande do Sul werden.Zu den daheim gebliebenen Söhnen im Jahr 1879 gehörte Peter Weiand der verheiratet war mit Catherina, die ihm sechs Kinder schenkte. Er ist der Urgroßvater des heutigen Winterbacher Ortsvorstehers Gerhard Weiand. Er besuchte mit Frau Martina und Tochter Daniela die Verwandtschaft in Brasilien.

Wohlhabender Bundesstaat

Peters Bruder namens Jacob (verheiratet mit Anna Maria Machry), der mit nach Brasilien ausgewandert war, hatte einen Sohn, den er ebenfalls Jacob nannte. Dieser wiederum war Vater von vier Söhnen und einer Tochter: Otto, Carlos, Benno, Elmiro Alberto und Cliceria. Die Nachkommen dieser Familien zu besuchen und ihre Heimat kennen zu lernen, das war das Ziel des jetzigen Besuches der Familie Weiand. Die Einladung ausgesprochen hatten Jacó, der Sohn von Elmiro Alberto, und Esther Weiand, die ihrerseits schon einmal das Saarland besuchten.

Für die Winterbacher begann eine unvergessliche Reise in die 10 000 Kilometer entfernte Südregion Brasiliens nach Rio Grande de Sol - hier sind heute etwa ein Drittel der Bevölkerung deutschstämmig. Es ist der größte der drei südlichen Bundesstaaten und zugleich einer der wohlhabendsten in ganz Brasilien. Die vorhandenen Industrien konzentrieren sich um die Städte Porto Alegre, Caxias do Sul und Novo Hamburg. Durch den Anbau von Reis, Soja und Mais wurde die Region unersetzlich. Auch Tabak, Matatee und vor allem Wein gedeihen hier vorzüglich. Innerhalb der Landwirtschaft spielt die Viehzucht eine bedeutende Rolle. Die ausgedehnten Grassavannen sind ideale Weideplätze für die Rinderherden. Stolz auf ihre Tradition als Viehzüchter nennen sich die Bewohner "Gauchos". Die ausgezeichneten Reiter sind traditionell gekleidet mit weiten Hosen, bestickten Hemden und Lederwesten, in der Hand das Lasso, mit dem sie die Rinder einfangen.

Dazu zählt auch Gastgeber Jacó Weiand, der mit seinen beiden Söhnen Gustavo (35) und George (30) zwei Farmen betreut. Auf einer Fläche von insgesamt 1200 Hektar weiden hier etwa 270 Pferde mit ihren Fohlen der Rasse "Cavalo", die alle einen Namen haben. Auf den immer grünen Weiden der beiden Farmen grasen etwa 2200 Rinder mit den Jungtieren.

Saarländischer Dialekt

Ihren Wohnsitz haben Esther und Jacó Weiand in der 70 000 Einwohnern zählenden Stadt Lajeado. Lajeado liegt etwa 120 Kilometer von Porto Alegre, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul, entfernt. Die Landessprache ist zwar portugiesisch, aber gesprochen wird sehr häufig im saarländischen Dialekt. Das Klima hier ist subtropisch, mit einer hohen Luftfeuchtigkeit und Temperaturen bis 40 Grad. Ohne Klimaanlage funktioniert hier nichts. Im Gegensatz zu den jetzigen Temperaturen bei uns, ist momentan Hochsommer in dieser Region. Die Schulkinder haben wegen der großen Hitze vom 15. Dezember bis zum 15. Februar Schulferien. "Weihnachten und den Jahreswechsel bei über 30 Grad Hitze zu feiern ist schon sehr ungewöhnlich", stellt Martina Weiand fest.

Besuch im Landesinnern

Für den vierzehntägigen Besuch hatten Jacó und Esther ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Ausflüge ins Landesinnere mit Besichtigungen der Städte Gramado, Canela, Caxias und San Vendelino. In dieser südlichen Region zeugen typische Häuser und Gaststätten von italienischer und deutscher Kolonisation. Berühmt sind hier vor allem die Hortensienalleen.

Was für das übrige Brasilien der Kaffee, ist in Rio Grande do Sul der Matatee, den man aus dem "Chimarao" trinkt, einem Gefäß das aus eine Kalibasse hergestellt ist. Neben dem "Churrasco" (gegrilltes Fleisch) hat die brasilianische Gastronomie noch eine Erfindung herausgebracht: die Kilo-Restaurants. Das sind heiße oder kalte Büffets in Gaststätten oder auch Supermärkten, in denen man sich selbst soviel auf den Teller legt, wie man will, bezahlt wird nach Gewicht - saftiges Rindfleisch brutzelnd vom Grill und so viel wie der Magen packt. Brasilien ist nichts für Vegetarier - obgleich die tropischen Früchte wie Ananas, Papaja, oder Melonen den Hunger und Durst gut löschen.

Beeindruckt während des Aufenthaltes haben vor allem die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit der Bewohner von Rio Grande do Sul. Ob im Supermarkt, in den Restaurants oder am Strand - überall wurde man auf die deutsche Sprache hin angesprochen. Voller Stolz erzählten die Frauen oder Männer, dass ihre Familiennamen Schneider, Scherer, Seibert, Diehl oder Görgen sind.

Nicht fehlen durfte natürlich der Besuch bei Bekannten und Verwandten der Familie Weiand. So trafen sich die "Weiands Buwe" zum gemütlichen Plausch um die Zeit der Vorfahren wieder aufleben zu lassen. Vor allem ließ man die letzten 50 Jahre noch einmal Revue passieren. Dabei wurde festgestellt, dass die Söhne von Jakob Weiand ein Imperium im Süden Brasiliens aufbauten. Heute zeugen große Autowerkstätten in Porte Alegre, Lajeado und Umgebung vom Fleiß und Energie der Vorfahren.

Ein unerschöpfliches Gesprächsthema der "Weiands Buwe" war der Werdegang der weiteren vier Kinder, die mit dem Vater auswanderten: die Töchter Catherina, Anna, Elisabeth und Sohn Wendel. In den Reihen dieser Nachkommen befanden sich mehrere Geistliche. Die hervorragendste Persönlichkeit war der Erzbischof von Porto Alegre, Johann Becker (geb. 23.02. 1870 in Winterbach, gest. 15.06.1946 in Porto Alegre), ein Sohn aus der Familie der Catherina. Wendel hatte 13 Kinder, die ihm 53 Enkel bescherten. Die Familie der Tochter Barbara wanderte 1881 in die USA aus. Tochter Anna brachte acht Kinder und Tochter Elisabeth 15 Kinder zur Welt. Jacob Weiand erblindete im Alter. Deshalb war sein letzter Wunsch, so wird berichtet, sich mit dem Gesicht nach Deutschland begraben zu lassen.

Auf einen Blick

Unter dem Arbeitstitel "Aus den Augen - aber nicht aus dem Sinn" sammelt Robert Groß Informationen für ein neues Projekt, das er nach Fertigstellung veröffentlichen will. "Es geht um die Winterbacher, die wir zu Hause aus den Augen verloren haben, also um die Auswanderer", erklärt Robert Groß. Daher sucht er Informationen über die Auswanderer, Fotos und weitere Schicksalsereignisse. red

Infos an Robert Gross, In den Baumgärten 20, 66606 Winterbach, Tel. (0 68 51) 37 63, E-Mail: robalgross@gmx.de