Als St. Wendel Zeiten des großen Sterbens erlebte

Als St. Wendel Zeiten des großen Sterbens erlebte

St. Wendel. Solange Menschen leben, werden sie von Seuchen geplagt. Vielfach gingen sie früher davon aus, dass alle Seuchen nur über die Mauern in eine Stadt eindringen konnten. Da die Tore bewacht und die Mauerkronen besetzt waren, glaubten sie, dass der Feind die Seuchen mit Pfeilen in die Stadt brachte

St. Wendel. Solange Menschen leben, werden sie von Seuchen geplagt. Vielfach gingen sie früher davon aus, dass alle Seuchen nur über die Mauern in eine Stadt eindringen konnten. Da die Tore bewacht und die Mauerkronen besetzt waren, glaubten sie, dass der Feind die Seuchen mit Pfeilen in die Stadt brachte. Sie sprachen von den Pestengeln und Dämonen, die diese geheimnisvollen Pfeile abschießen würden. Auch die St. Wendeler litten unter solchen Epidemien. Davon erzählte der Historiker Gerd Schmitt beim fünften der "Gespräche im Pfarrgarten" von St. Wendelin am Montagabend.Der Redner zeichnete zunächst ein Bild der Pestkatastrophe im Spätmittelalter, wie sie sich ausbreitete und wie sie von einem Land in das andere eingeschleppt wurde. "Die Ursache der Epidemie, die auch "Schwarzer Tod" genannt wurde, war rätselhaft", sagte Gerd Schmidt. "Mit den üblichen Mitteln war der Krankheit nicht beizukommen. Über 500 Jahre sollte es noch dauern, bis der Mensch dem Auslöser auf die Spur kam."Hinwendung zur Caritas Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an habe sich bei den Menschen ein Umbruch im Denken vollzogen. Auch in St. Wendel lasse sich eine verstärkte Hinwendung zur christlichen Caritas belegen. 1391 bildete sich die Schuhmacher- und Gerberzunft, die sich der in Not geratenen Mitglieder annahm. 1415 wird in der Stadt "St. Wendelins Haus" erwähnt, eine Herberge für arme Pilger, denen man "Obdach, Feuerung und Nahrung gewährte". Zu dieser Zeit stand bereits am Fuße des Gudesberges ein Siechenhaus, welches den Aussätzigen als Domizil diente. 1440 war wieder einmal eine Pestepidemie in St. Wendel ausgebrochen, die den Hunger im Gefolge hatte. "Die Leute haben damals das Stroh ihrer Hausdächer abgekocht, um ihr verhungerndes Vieh zu retten", erzählte Gerd Schmitt. Während dieser Drangsal kam es im Jahre 1441 zur Gründung der Bruderschaft des heiligen Sebastianus und Fabianus. Sie wurde zu dem Zwecke gestiftet, um für die Armen und Kranken in der Stadt Almosen zu sammeln und durch die Bruderschaftsmitglieder verteilen zu lassen. In den Geschichtsbüchern wird zwischen den Jahren 1440 und 1796 in der Stadt von zwölf Seuchen berichtet. Ob es sich dabei immer um die Pest gehandelt hat, ist nicht ersichtlich. Es konnte sich auch um andere Epidemie wie Typhus oder Cholera handeln. "In den Zeiten großen Sterbens nutzte man nach 1506 den Friedhof bei der westwärts von Alsfassen gelegenen St. Annenkapelle als Seuchenfriedhof", berichtete der Redner weiter. "Diese entlegene Kapelle der heiligen Anna scheint auch als Wallfahrtsort für die Bewohner der Stadt und des Umlandes in Zeiten von Epidemien gedient zu haben, vielleicht auch als Kirchort, wenn die Stadt gesperrt war." 1673 war durch französische Truppen der "Schwarze Tod" eingeschleppt worden. Der damalige Pfarrer Bartholomäus Weiler ließ am Chor der Kirche den so genannten Peststein einfügen. Die lateinische Inschrift lautet übersetzt: "Da schlimme Pest, Hunger und grausamer Krieg wüten, hilf, ich bitte Dich flehendlich, gnädige Dreieinigkeit." Die Pest raffte damals etwa 200 Menschen in der Stadt dahin. Auch Pfarrer Weiler wurde 1674 ihr Opfer. gtrDas nächste "Gespräch im Pfarrgarten" ist am Montag, 9. August, 19.30 Uhr. Das Thema lautet "Gründung und Geschichte des St. Wendeler Hospitals." Der Eintritt ist frei.

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