1. Saarland
  2. St. Wendel

1930: Tödliche Messerstiche im Ostertal

Blutiger Streit mit politischem Hintergrund : 1930: Tödliche Messerstiche im Ostertal

Der Streit zwischen einem Kommunisten und einem Nationalsozialisten endete 1930 in Hoof tödlich. Wie kam es dazu? Der Regionalhistoriker Hans Kirsch, Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Ostertal, hat sich auf Spurensuche begeben. Hier seine Schilderung.

Die Weimarer Republik war von Anfang an durch rechtsradikale Anschläge auf führende Vertreter des Staates und durch revolutionäre kommunistische Aufstände am Leben bedroht. Ab 1925 konnte sie sich etwas konsolidieren, aber der wirtschaftlich-soziale Niedergang infolge der Weltwirtschaftskrise führte ab 1929 erneut zu einer starken Polarisierung in Politik und Gesellschaft. Immer wieder kam es zu gewalttätigen Demonstrationen und Auseinandersetzungen, hauptsächlich zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Ein solcher Fall, der tödlich endete, ereignete sich 1930 auch in dem Ostertaldorf Hoof, das damals zum pfälzischen Kreis Kusel gehörte.

In der Hoofer Gastwirtschaft Müller, genannt „Schul“, herrschte am Abend des 7. Juli 1930 reger Betrieb, wahrscheinlich infolge einer während des Tages hier stattgefundenen Gewerkschaftsversammlung, bei der es um die angespannte Wirtschaftslage und insbesondere um die Feierschichten der Bergleute gegangen war. Nach 23 Uhr kam es dann zwischen dem 29-jährigen Bergmann Karl Stamm und einem anderen Gast zu einem Disput, in den sich der 27-jährige ledige Bergmann Gustav Müller einmischte. Nun entwickelte sich zwischen Müller und Stamm ein heftiger Wortwechsel, den aber der Wirt beendete, indem er die beiden Kontrahenten aus dem Lokal wies.

Auf der Straße setzten die beiden Männer zunächst ihren Streit verbal fort. Dann kam Stamms Ehefrau und zog ihren Mann in Richtung Nebenhügel fort, wo sich ihre Wohnung befand. Nach einer kurzen Strecke riss Stamm sich jedoch los und lief zu Müller zurück, der sich auf den Weg zu seiner eigenen Wohnung (in der heutigen Neuen Straße) gemacht hatte. Unterhalb der Kirche kam es zwischen den beiden zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf Stamm mit einem Messer auf Müller einstach und ihm die tödlichen Stiche beibrachte.

Der Niederkircher Kaufmann Emil Sertel, ein ehemaliger Militärsanitäter, lud zusammen mit dem pensionierten Zollbeamten Bäbler aus Niederkirchen den schwerverletzten Müller in Sertels Personenwagen, um ihn nach St. Wendel ins Marienkrankenhaus zu bringen. Dabei gab es an der deutschen Zollstation am Ortseingang Leitersweiler noch einen längeren Aufenthalt, weil der diensthabende Zöllner trotz lauten Klopfens und Klingelns erst nach zehn bis fünfzehn Minuten erschien, um die verschlossene Schranke zu öffnen. Im Krankenhaus konnte der Arzt dann nur noch den Tod Müllers feststellen. War dies nun ein „normaler“ Wirtshausstreit, wie er in den Dörfern immer wieder einmal vorkam, oder gab es andere, vielleicht politische Hintergründe? Die Zeitungen, die in den nächsten Tagen über den Vorfall berichteten, bezeichneten übereinstimmend Stamm als „Angehörigen der kommunistischen Partei“ und Müller als „Nationalsozialisten“. Während es bei Stamm in dieser Hinsicht keine Zweifel gab, war die Zuordnung bei Müller weniger eindeutig. Er gehörte nämlich nicht der NSDAP an, sondern der SA. Doch nicht jeder SA-Angehörige war gleichzeitig Mitglied der Partei. Damit kann die Bezeichnung Müllers als „Nationalsozialist“ so verstanden werden, dass er als SA-Mann in parteipolitischer Hinsicht auf Seiten der Nationalsozialisten stand.

Einige Tage nach dem Vorkommnis versuchte ein Informant des „Kuseler Anzeigers“, den Vorfall als völlig unpolitisch darzustellen: „Der Disput bewegte sich lediglich um lokale Fragen, Fußballplatz und Gesangverein. Es handelte sich auch nicht um eine politische Einstellung der beiden Beteiligten, jedenfalls spielt hier irgendwelcher Parteigegensatz keine Rolle.“ Dem entgegnete jedoch schon am folgenden Tag ein anderer Informant in derselben Zeitung: „Es wirkt schon wie eine Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn von anderer Seite im gestrigen Kuseler Anzeiger versucht wird, die Ursache zu der hier vorgekommenen Bluttat auf ein anderes Geleise zu verschieben. Wenn auch die Parteipolitik nicht die unmittelbare Veranlassung zu dem traurigen Vorkommnis war, so bestand doch zwischen Täter und Getötetem seit der letzten Nationalsozialistenversammlung ein gespanntes Verhältnis.“ Wie zur Bestätigung dieser Entgegnung erschienen zur Beerdigung Müllers, die am 11. Juni stattfand, mit zwei großen Lastwagen rund 40 uniformierte Nationalsozialisten aus Kusel, Kaiserslautern und Zweibrücken, obwohl zu dieser Zeit ein Uniformverbot der bayerischen Staatsregierung bestand. Viele Trauergäste befürchteten schon Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, aber es blieb ruhig. Der SA-Führer Bachmann aus Zweibrücken, ein Vertrauter des Gauleiters Bürckel, sprach am offenen Grab.

Karl Stamm wurde am frühen Morgen des 8. Juli 1930 von der Gendarmerie Herschweiler-Pettersheim festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht. Die Gerichtsverhandlung fand am 4. November 1930 vor dem Schwurgericht Kaiserslautern statt. Bei der Beweisaufnahme wurde bekannt, dass Stamm zur Tatzeit stark unter Alkoholeinfluss gestanden hatte (16 bis 18 Glas Bier). Der Staatsanwalt legte ihm Körperverletzung mit Todesfolge zur Last und beantragte eine vierjährige Zuchthausstrafe. Vom Gericht wurde Stamm zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Stamm nahm das Urteil sogleich an. Die saarpfälzischen Nationalsozialisten aber versuchten in den folgenden Jahren, einen Mythos aufzubauen von Gustav Müller als einem „Blutzeugen der Bewegung“.Hans Kirsch