Schwere Vorwürfe gegen TV-Team: Spiegel TV soll Abhängigen bezahlt haben

Schwere Vorwürfe gegen TV-Team : Spiegel TV soll Abhängigen bezahlt haben

Der Leiter des Saarbrücker Drogenhilfezentrums erhebt schwere Vorwürfe gegen ein Spiegel TV-Team. Die Stadt Saarbrücken hat Programmbeschwerde eingelegt.

Eine Großaufnahme zeigt, wie der Drogenabhängige die Spritze vorbereitet. Danach filmt die Kamera, wie er nach dem Spritzen in die Knie geht und sich offenbar nur noch auf die Mauer gestützt einigermaßen aufrecht halten kann. Diese Bilder wurden letzte Woche von Spiegel TV unter dem Titel „Saarbrooklyn – Der Randbezirk der Gesellschaft“ gezeigt. Der ehemalige Saarbrücker Polizeichef Peter Becker, heute Geschäftsführer des Drogenhilfezentrums Saarbrücken, kennt den Abhängigen aus dem Beitrag. Er sei beinahe täglich im Drogenhilfezentrum und habe seit dem Dreh auch mit den Mitarbeitern geredet. „Er hat uns erzählt, dass er Geld bekommen hat“, sagt Becker der Saarbrücker Zeitung. 20 Euro soll er von den Spiegel TV-Mitarbeitern erhalten haben, bevor er sich vor der Kamera gespritzt hat. „Man hat mir gesagt, dass er zunächst 20 Euro bekommen hat, was für ihn sehr viel ist. Er hat dann aber dem Fernsehteam gesagt, dass er gerne mehr hätte“, sagt Becker. Daraufhin sollen die Spiegel-TV-Mitarbeiter ihm versprochen haben, dass er den Rest nach dem Dreh bekommen würde. Nach dem Spritzen der Dosis, die Becker als „grenzwertig“ bezeichnet, hätte das Team ihn alleine gelassen, ohne ihm weiteres Geld zu geben oder sich um seinen körperlichen Zustand zu kümmern.

Neben dem „überaus verantwortungslosen“ Umgang mit dem Drogenabhängigen, attestiert Becker dem Bericht unsaubere Recherche und Berichterstattung. Die Spiegel- TV-Mitarbeiter hätten keinen Kontakt zum Drogenhilfezentrum gesucht und das obwohl es nur wenige hundert Meter von den Drehorten entfernt liegt. Den Beitrag mit mehr begleitenden Informationen auszustatten, wäre sinnvoll gewesen, meint Becker. Stattdessen sei der Satz, in dem das Drogenzentrum erwähnt wird, sogar missverständlich. „Heute hat er seinen Stoff umsonst am Drogenzentrum bekommen“, heißt es dort. „Wir haben schon eine E-Mail aus Hamburg bekommen, in der wir gefragt werden, ob wir hier jetzt mit Heroin substituieren“, sagt Becker. Die Aussage im Bericht sei offensichtlich missverstanden worden. „Hier kriegt man natürlich keine Drogen. Das wäre eine Straftat.“

In einem Statement, das Spiegel TV am Donnerstagabend auf Facebook veröffentlicht hatte, verteidigte das Magazin den Bericht. Es habe nicht den Anspruch, sich beliebt zu machen. Immerhin attestiere der zukünftige Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU), dass der Beitrag „den Finger in die Wunde lege“. Wenn man so etwas mache, müsse man sich aber auch der Verantwortung bewusst sein und sauber berichten und recherchieren, wendet Becker ein. Und genau das habe er bei dem Beitrag vermisst.

Inzwischen hat die Landeshauptstadt Saarbrücken eine Programmbeschwerde gegen den am 15. Juli ausgestrahlten Beitrag eingelegt. In dem Schreiben, das der Saarbrücker Zeitung vorliegt, weist Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) darauf hin, dass die Ausstrahlung „in den sozialen Medien sowie innerhalb öffentlicher und privater Stellen“ von Saarbrücken auf „große Empörung“ gestoßen sei. Die Medien seien verpflichtet, „ausgewogen und sachlich“ zu berichten. Nicht berechtigt seien die Medien „zur Darstellung von Halbwahrheiten, einseitiger und verzerrter Berichterstattung“. Darüber hinaus gehöre es sich bei einer Berichterstattung über Missstände, den verantwortlichen Stellen Gelegenheit „zu Äußerung und Bewertung“ zu geben. Dies sei von Spiegel TV unterlassen worden.

Eine Anfrage unserer Zeitung zu den Vorwürfen hatte Spiegel TV bis Redaktionsschluss nicht beantwortet.

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