1. Saarland

Sparen auf Kosten der Hygiene

Krankenhäuser : Sparen auf Kosten der Hygiene

Experten fürchten, dass Händewaschen und Desinfizieren im stressigen Klinikalltag im Saarland zu kurz kommen.

Die hohe Arbeitsbelastung von Pflege-Personal in saarländischen Krankenhäusern hat der Berufsverband der Hygiene-Inspektoren SaarLorLux mit "großer Sorge" aufgenommen. "Wie kann eine Pflegekraft bei einem so immensen Arbeitsdruck und Dokumentationsaufwand die im Krankenhaus notwendigen Hygiene-Maßnahmen angemessen umsetzen?", fragt Henning Adam, Sprecher des Verbandes. Der Verbund, dem derzeit 40 Mitglieder aus den Gesundheitsbehörden der Großregion angehören, reagiert damit auf ein Interview unserer Zeitung vom 28. April. Die saarländische Krankenschwester Tanja (Name von der Redaktion geändert) schilderte darin ihre katastrophalen Arbeitsbedingungen. Sie beschrieb unter anderem, dass sie nachts alleine für mehr als 40 zum Teil schwer kranke Patienten auf einer Station zuständig ist. "Man kann interpretieren, dass da wenig Zeit für die notwendigen Hygiene-Maßnahmen bleibt", sagt Adam, der selbst als Hygiene-Inspektor seit Jahren in Krankenhäusern unterwegs ist. Er kennt ähnliche Schilderungen von Pflegekräften aus seinem Alltag. Wenn eine Krankenschwester die notwendigen Maßnahmen zur Händedesinfektion adäquat beachtet, rechnet er vor, nehme dies pro Tag zwei Stunden der Arbeitszeit in Anspruch. Wichtige zwei Stunden. Denn: Fast eine Million (fünf Prozent) von insgesamt 19,2 Millionen stationären Patienten in Deutschland erkranken während ihres Klinikaufenthaltes laut der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) an einer Infektion. Studien "belegten eindrücklich den Zusammenhang eines nicht adäquaten Personalschlüssels in Kliniken und dem Auftreten dieser Infektionen während eines Krankenhaus-Aufenthaltes".

Nicht nur Gesundheits- und Krankenpfleger stünden unter einem enormen Arbeitsdruck, sagt Henning Adam, gleiches gelte für Reinigungskräfte im Krankenhaus, die innerhalb festgelegter Zeiten ihre Arbeiten erledigen müssten. In der Tat hat eine Umfrage der DGKH ergeben, dass sich in den vergangenen Jahren "die so genannte Flächenleistung für Reinigungspersonal mehr als verdoppelt hat, so dass die vorgegebene Leistung in der Zeiteinheit bei nicht angepasstem Personalaufwand nicht mehr realistisch erbracht werden kann". Inakzeptabel sei dabei auch die in Krankenhäusern vielfach geübte Praxis der Sichtreinigung an Wochenenden, bei der Personal Patientenzimmer nur dann reinigt, wenn sie sichtbar verschmutzt sind. Eine Praxis, die laut einer aktuellen Krankenhausbefragung von SR.de unter den 22 Kliniken im Saarland fast gängig ist.

Zwar verfügen die saarländischen Krankenhäuser nach Auffassung des Berufsverbandes der Hygieneinspektoren SaarLorLux über einen "sehr hohen Hygiene-Standard". Allerdings: "Hygiene im Krankenhaus ist eine sehr individuelle Sache. Es kommt sehr darauf an, wie kooperativ die Mitarbeiter sind, ob sie ein Bewusstsein für die Maßnahmen haben - oder unter welchem Arbeitsdruck sie stehen." Und/oder unter welchem Kostendruck die Klinik steht. Die DGKH beklagt seit Jahren, dass Kliniken aus Konkurrenzdruck im Bereich Hygiene und Reinigung zu viel sparen. Die Mehrheit der Krankenhäuser hat den Reinigungsbereich mittlerweile ausgelagert. Die Online-Umfrage ergab, dass auch im Saarland nur sieben der 22 Krankenhäuser - wenigstens in Teilen - eigens angestellte Reinigungskräfte beschäftigen.

"Outsourcing von Reinigungsleistungen in Risikobereichen wie Intensivstationen oder OP-Abteilungen", sagt Dr. Peter Walger, Vorstand der DGKH, im Gespräch mit unserer Zeitung, "sehen wir sehr kritisch". Denn es könne zu Lasten der Qualität gehen, wenn nicht mehr angestellte Mitarbeiter des Krankenhauses, sondern solche von externen Firmen oder Tochterfirmen diese sensiblen Bereiche übernehmen. Hygiene-Inspektor Henning Adam: "Ein Festangestellter identifiziert sich viel mehr mit dem Haus und seinem Leitbild als das ein Externer tun kann." Wie unsauber die Qualität ausgelagerter Hygiene-Dienstleistungen im Extremfall sein kann, hat man an den SHG-Kliniken Völklingen erlebt. "Vor Jahren hatten wir die Sterilisation von OP-Instrumenten outgesourct. Angeblich steriles OP-Besteck kam noch blutverkrustet hier wieder an. Daraufhin haben wir natürlich das Outsourcing durch teure Investitionen wieder rückgängig machen müssen", erklärt Dr. Franz Hausinger, Krankenhaushygieniker in den SHG-Kliniken. Sie haben heute eine hausinterne Abteilung für die Reinigung, die der Hauswirtschaft unterstellt ist. Hausinger: "Die sensiblen Bereiche wie OP oder Intensivstation reinigen unsere Angestellten. Ich weiß im Gegensatz zur Arbeit mit einer externen Firma genau, wer mein Ansprechpartner ist, habe persönliche und kurze Informationswege und damit eine gute Kontrolle."

Zum Thema:

1) Vor direktem Patientenkontakt, also Kontakt mit Haut, Schleimhäuten oder Wunden 2) Vor aseptischen Tätigkeiten, also etwa Anlegen von Verbänden, Injektionen, Punktionen, Katheder- oder Beatmungssystemen 3) Nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material (Sekret, Entfernen von Tuben, Verbänden) 4) Nach direktem Patientenkontakt, also nach Waschen, Puls messen 5) Nach Kontakt mit der direkten Patientenumgebung, also Wechsel der Bettwäsche, Kontakt zu Monitoren, Bett, Nachtschrank