1. Saarland

Serie Saarbrücker Wie Saarländer das Kriegsende erlebten

Horst Bernard aus Bischmisheim : Zum Widerstand geboren

Horst Bernards Kindheit war geprägt von der ständigen Angst, enttarnt zu werden. Seine Eltern boten in Frankreich Geflüchteten Unterschlupf.

Sich politisch gegen den Nationalsozialismus zu engagieren, wurde Horst Bernard aus Bischmisheim in die Wiege gelegt. Schon seine Eltern Leander und Irene Bernard waren sehr aktiv im saarländischen Widerstand gegen Hitler-Deutschland: „Ich wurde schon als Kleinkind auf die Veranstaltungen meiner Eltern mitgeschleppt. Sie riefen zur Wahl für den ‚Status quo’ des Saarlandes bei der Wahl 1935 auf.“ Horst Bernard war damals drei Jahre alt.

Dass sich mehr als 90 Prozent der Saarländer am 13. Januar 1935 dafür entschieden, ins nationalsozialistische Deutsche Reich heimzukehren, war für die Familie ein „herber Schlag“. Die Bernards waren bekannt für ihren antifaschistischen Widerstand. Sie boten flüchtenden Juden Unterschlupf, weshalb sie von einigen Nazis bedroht wurden. Der Vater war selbst Jude und musste nach dem 13. Januar 1935 dringend ins Exil. Nachdem er nach Frankreich emigriert war, wurde Horsts Mutter unter Druck gesetzt, den Vater zurückzuholen. Sie selbst war gebürtige Deutsche. Irene Bernard machte sich deshalb auf den beschwerlichen Weg nach Luchon in den Pyrenäen. Dort hatten die französischen Behörden den Vater hingeschickt. Horst Bernard erinnert sich, dass dies eine der schlimmsten Erfahrungen für seine Mutter war. Sie musste allein und ohne Essen mit der drei Monate alten Schwester Alice und dem zweijährigen Horst aus Saarbrücken flüchten. In einer Kirche, wo sie eine Nacht lang schliefen, saßen alle drei nur noch weinend nebeneinander.

In Luchon halfen ihnen die Ortsansässigen. Nachbarn organisierten eine Wohnung und für den Vater einen Job als Hilfsarbeiter. „Hier haben wir zum ersten Mal selbst erfahren, wie wichtig es ist, als Flüchtende von der neuen Nachbarschaft gut aufgenommen zu werden.“ Der Vater schloss  sich dort direkt einer Gewerkschaft an und half anderen Emigranten: „Es gab ein Zimmer in unserer Wohnung, das wir nutzten, um Flüchtenden eine Unterkunft zu bieten.“ Der Widerstand ging weiter. Horsts Eltern klärten weiter über das Vorgehen der Nazis auf und organisierten Aufenthaltsgenehmigungen für Flüchtende.

1938 wurde Horst in Luchon eingeschult. Die Lehrer im Ort kannten die Geschichte der Familie und halfen, wo sind konnten. Zur selben Zeit spitzte sich in Deutschland die Lage für die jüdische Bevölkerung zu. Zwei Schwestern und ein Bruder des Vaters lebten noch dort – die drei letzten Verbliebenen in Deutschland von neun Geschwistern. Seinem Bruder und dessen Familie hat Leander Bernard das Leben gerettet. Er half, die Familie in die USA zu bringen. Nur wenige Wochen vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Warum die Schwestern des Vaters seine Unterstützung nicht annahmen, weiß Horst Bernard nicht. „Eine der Schwestern ist in Auschwitz ermordet worden. Die andere kam per Massentransport nach Kaunas ins Lager. Juden wurden zu der Zeit dort hingebracht, um ihr eigenes Grab auszuheben. Sie mussten am Rand der Grube stehen, als die Nazis sie erschossen haben.“

Als im September 1939 der Krieg mit Frankreich begann, wurden alle in Frankreich lebenden, deutschen Staatsbürger verhaftet. Horsts Vater kam zunächst in ein Internierungslager nach Catus. Die Familie hatte Glück. Kurz darauf, am 5. Mai 1940, kam das dritte Bernard-Kind, Guy, zur Welt. Da nun ein „echter“ Franzose in der Familie war, galt der Vater nach damaligem Bodenrecht nicht mehr als Staatsfeind. „Unglaublich, so ein kleines Würmchen, das für uns alles geändert hat“, erinnert sich Horst Bernard. Sein Vater war aber nur kurzzeitig frei. Paris wurde von den deutschen „kassiert“ und der Waffenstillstand im Juni ausgehandelt. Regelmäßige Razzien waren nun an der Tagesordnung. Wer keine Papiere hatte, wurde in Arbeitslager nach Deutschland gebracht. Ein befreundeter französischer Polizist hat Horsts Mutter jedes Mal gewarnt, wenn eine Durchsuchung anstand. „Dann mussten meine Schwester und ich schnell los, unseren Vater auf der Arbeit in einem kleinen handwerklichen Betrieb finden und warnen. Er hatte dort eine kleine Kammer, in der er in solchen Fällen ausharrte, bis die Razzia vorbei war.“

Die Nationalsozialisten hatten Frankreich so rasant eingenommen, dass unzählige Geflohene in Paris eingekesselt waren. Erneut halfen die Bernards: „Sie kamen in unserem freien Zimmer unter. Wir ließen die Kontakte zur Gemeinde spielen, um Arbeitsgenehmigungen zu beschaffen, bis sie Wege fanden, irgendwo dauerhaft unterzutauchen.“ Darunter waren auch Ruth und Walter Kasel aus dem Saarland. Nach dem Krieg wurde Kasel der erste Kantor der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken.

Am 28. Januar 1944 wurde Gérard Duvergé verhaftet. Er galt als Spitze des Widerstands im südwestfranzösischen Raum, der Libération. Im Gestapogefängnis wurde er gefoltert. Die Leute in der Umgebung erzählten danach von seinen „schrecklichen Schmerzensschreien, bis es schließlich still wurde“. Im Gegensatz zum üblichen Vorgehen der Gestapo, wurde seine Leiche für die Beerdigung an seine Familie übergeben. Die Freunde im Widerstand waren klug genug, dies als Falle zu erkennen. „Die Nazis haben wohl gehofft, auf der Beerdigung möglichst viele seiner Genossen stellen zu können. Da meine Eltern der Witwe trotzdem ihren Respekt erweisen wollten, schickten sie mich zur Beerdigung in das Dorf in der Nähe von Agen. Nachdem der Trauerzug auf dem kleinen Dorffriedhof ankam, wurden plötzlich die Friedhofstore geschlossen und Schüsse fielen.“ Die Falle war zugeschnappt. „Ich weiß noch, dass ich einfach gerannt bin, über Gräber und dann über die Friedhofsmauer.“ Auf dem Friedhof haben sich grausame Verfolgungsszenen abgespielt: „Die Ausschreitungen in Chemnitz 2018 kommen meinen Erfahrungen auf diesem Friedhof doch erschreckend nahe. Ich habe noch gesehen wie ein Bus voll beladen mit SS-Leuten zum Friedhof fuhr.“ Ein Teil der Trauergäste ist direkt getötet worden.

Ab diesem Zeitpunkt versteckte sich Horsts Mutter mit ihren zwei Jüngsten bei einem Bauern ungefähr 30 Kilometer entfernt. Der damals zwölfjährige Horst musste nun das Gymnasium besuchen. Seine Eltern wollten nicht, dass er den Unterricht verpasst. Er kam bei einem älteren, befreundeten Ehepaar unter. Leander Bernard, der sich auch in der Nähe versteckte, traf eine Abmachung mit dem jungen Horst: Täglich zu einer bestimmten Zeit sollte dieser auf einer bestimmten Seite der Hauptstraße spazieren gehen; auf der anderen Seite lief sein Vater und nickte ihm zu. So wussten beide, dass es dem anderen gut geht. „Das war wirklich schlimm. Ich war ja ganz alleine und hatte ständig die Befürchtung: Was ist, wenn mein Vater einmal nicht zur verabredeten Zeit kommt?“ Im August 1944 mussten die SS-Divisionen in den Norden Frankreichs, um dort den Vormarsch der Alliierten zu verhindern. Es entstand ein Militärvakuum im Süden, der nun von der Widerstandsbewegung eingenommen werden konnte. Die Bernards fanden wieder zusammen.

Nie hätten seine Eltern gedacht, dass sie erst elf Jahre nach der Flucht wieder in Saarbrücken ankommen würden. „Als ich mit meiner Mutter vom Saarbrücker Bahnhof aus durch die zertrümmerte Bahnhofstraße gelaufen bin, wollte ich sofort wieder zurück. Es herrschte eine bedrückende Atmosphäre.“

Als Bernard aufs Gymnasium wechselte, änderten seine Eltern den Vornamen Horst in den französischen Namen Henri, um nicht als Deutsche aufzufallen. Foto: Robby Lorenz Foto: Robby Lorenz
Zwei Jahre alt war Horst Bernard, als seine Mutter mit ihm und seiner Schwester 1935 von Saarbrücken nach Frankreich geflohen ist. Foto: Robby Lorenz Foto: Robby Lorenz

Bernard hat sich nicht zuletzt wegen seiner eigenen Erfahrungen sein Leben lang politisch engagiert. Er war der Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) im Saarland. Bis heute hält er Vorträge und hat unzählige Berichte über die NS-Zeit und KZ-Überlebende geschrieben. Im Dezember 2019 hat er das Bundesverdienstkreuz für sein herausragendes Engagement erhalten: „Ich habe den Bundespräsidenten gefragt, wie es sein kann, dass der VVN die Gemeinnützigkeit aberkannt werden soll. Gerade in der heutigen Zeit, wo sich so viele Politiker mit einer Zunahme rechtsextremer Weltanschauungen konfrontiert sehen. Für mich ist das nicht nachvollziehbar.“