Besuch in den Hochwassergebieten „Seit 36 Stunden Ausnahmezustand“ – Bundeskanzler Scholz verspricht dem Saarland Hilfe

Saarbrücken · Kanzler Olaf Scholz hat sich am Samstag nach den Unwettern selbst ein Bild von der Lage im Saarland gemacht. Unter anderem in Kleinblittersdorf sicherte er Hilfe zu.

 Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) beim Pressestatement Kleinblittersdorf.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) beim Pressestatement Kleinblittersdorf.

Foto: dpa/Harald Tittel

Cebrail Kaya schaut etwas ungläubig. „Der Kanzler kommt gleich?“, fragt er zurück. Dabei steht sein rechter Fuß auf einem Wasserschlauch, der in einem Keller verschwindet. Das Untergeschoss des alten Bauernhauses ist vollgelaufen. Die Pumpe läuft, das Wasser fließt aus dem Schlauch weiter die Elsässer Straße, die Hauptstraße des Ortes, hinunter. „Ich habe das Haus erst vor vier Wochen gekauft“, sagt Kaya am Samstag. Und: „Ich wohne noch nicht hier.“

 Cebrail Kaya, Kanzler Olaf Scholz (Mitte) und die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger.

Cebrail Kaya, Kanzler Olaf Scholz (Mitte) und die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger.

Foto: Michael Kipp

„Da kommt der Kanzler“

Er hat den Starkregen am Freitag in Saarbrücken erlebt. Mehr als 100 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden. Bei einem vergangenen Starkregen im Jahr 2018 ist Kleinblittersdorf bereits schwer betroffen gewesen. Auch daher wollte Kaya nach dem Rechten sehen. Dabei fand er das Wasser im Keller. Es kommt vom Regen, von den höher liegenden Wäldern und Feldern, von dort rauscht es in den Ort. Wie 2018, als viel kaputt ging. Die Saar, die an dem Tag ein paar Meter wie ein wilder Strom über alle Ufer fließt, bringt in der Elsässer Straße den Rest.

Es war der Regen, der am Freitag gegen 8 Uhr dazu führte, dass das Lagezentrum den Katastrophen-Alarm für Kleinblittersdorf ausrief, wie 2018 traf es besonders die Scherbachstraße, aber auch die Elsässer Straße. Und Kaya.

„Da kommt der Kanzler“, sagt ein Junge. Kaya schaut die Straße hinauf, ein Menschenpulk kommt herunter, viele Kameras, noch mehr Mikrofone, Personenschützer, Polizisten, mittendrin Olaf Scholz, der Kanzler. Neben ihm die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, Innenminister Reinhold Jost (alle SPD), aber auch Saarbrückens Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU). Kaya fixiert immer noch den Schlauch. Rehlinger sieht das und lenkt den Kanzlerpulk inklusive Kanzler zu Kaya. Sie schüttelt ihm die Hand, stellt Scholz vor, auch er schüttelt die Hand. Der Kanzler trägt schwarze Gummistiefel und schaut in den Keller – und mitleidig Richtung Kaya. Uwe Conradt wünscht alles Gute, findet, dass das Haus schön ist – und der Pulk geht weiter die Elsässerstraße hinunter. In einer Kuhle sammelt sich das Wasser, die Straße ist nicht mehr passierbar, mehrere Häuser sind ohne Gummistiefel nicht zu erreichen. Menschen stehen auf den Balkonen und schauen auf den Kanzler herunter.

Hochwasser-Katastrophe im Saarland – Bilder aus allen Landkreisen​
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Foto: Ruppenthal

„Das Saarland befindet sich seit rund 36 Stunden im Ausnahmezustand“

Scholz redet weiter mit Anwohnern, wünscht Ihnen Kraft, lässt sich die vergangenen 24 Stunden schildern, er hört zu, redet leise. Kurze Zeit später ist Zeit für ein Pressestatement. Der Pulk fächert sich auf der Straße auf, Rehlinger und Scholz reden in die Kameras und Mikrofone. Mitten auf der Elsässer Straße in Kleinblittersdorf. Inzwischen reist der Himmel etwas auf.

„Das Saarland befindet sich seit rund 36 Stunden im Ausnahmezustand“, sagt Rehlinger gegen 13 Uhr. Viele hätten einen „massiven Schaden“ zu beklagen. Privates Eigentum, Infrastruktur: Das Ausmaß der Schäden sei noch nicht klar. Sie versprach Bürgerinnen und Bürgern sowie Kommunen Unterstützung. „Es soll niemand im Regen stehen bei dieser schwierigen Lage“, sagte die Ministerpräsidentin. Sie betonte auch, es herrsche „die schwierigste Lage seit dem Jahrhunderthochwasser vor 30 Jahren“. Vielerorts sei die Gefahr noch nicht vorbei, die Pegelstände noch nicht auf dem Maximum.

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Foto: BeckerBredel

Der Kanzler zeigte sich bei dem Besuch beeindruckt davon, „welche Gewalt die Natur hat“. Es sei wichtig, sich „immer wieder auf solche Ereignisse vorzubereiten“. Scholz lobte die gute Zusammenarbeit der Einsatzkräfte und auch zahlreicher ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer: „Auf so etwas werden wir immer wieder angewiesen sein.“ Die Katastrophe sei „ein Aufruf zur Solidarität und das wird auch so sein“, sagte Scholz. Aktuell stehe die akute Hilfe im Vordergrund, danach werde es weiter „darum gehen, dass man verabredet, was man tun kann“. Hier könnten sich „alle darauf verlassen, dass das im besten Sinne geschieht“. „Wir haben da eine gute Praxis der Solidarität.“ Denn: „Leider ist das ja hier nicht das erste Mal, dass wir eine große Naturkatastrophe zu bewältigen haben und deshalb werden wir natürlich schauen, was hier jetzt zu tun ist und was notwendig ist“, sagte der Kanzler, der in Saarbrücken für Samstag ursprünglich eine Dialogveranstaltung mit rund 400 Bürgern zur Europa- und Kommunalwahl am 9. Juni geplant hatte. Und abgesagt hatte. Das wäre unpassend gewesen, wenn im Saarland Innenstädte wie in Ottweiler unter Wasser stehen. Oder Straßen wie in Kleinblittersdorf.

Das Wasser war weg, Schlamm und Zerstörung blieben

Nächster Kanzlerhalt: die Freiwillige Feuerwehr Kleinblittersdorf. Danke sagen. „Wir haben die ganze Nacht durchgeschafft“, erklärt Karl Macke von der Feuerwehr. Er findet es gut, dass der Kanzler hier sei. Auch Apotheker Patric Zilch fand den Kanzlerauftritt gut. Die Menschen im Ort hätten noch sehr mit den Ereignissen von 2018 zu kämpfen, erklärt er. Er habe dieses Mal Glück gehabt, seine Apotheke sei 2018 unter Wasser gestanden. Dieses Jahr sei das Wasser nur bis zum Bordsteinrand gekommen. „Ich habe heute Nacht in der Apotheke geschlafen“, erklärt er.

Armin Neusius kommt auf seinem Fahrrad dazu. „Ich habe dem Kanzler ein Buch geschenkt“, sagt er. Welches? „Meins. ,Nachts, als das Wasser kam‘“, heißt es. Auf 150 Seiten dokumentiert Neusius in seinem Buch die Starkregennacht vom 31. Mai 2018, lässt darin Betroffene zu Wort kommen, Augenzeugenberichte, die Sicht der Feuerwehr, des Technischem Hilfswerk (THW) des Deutschem Roten Kreuz (DRK). Alle, die auch am Freitag im Einsatz waren. Auch Die DLRG, die Malteser, die (Bundes-)Polizei. Sein Buch war auch ein „Dankeschön an die Hilfsorganisationen“.

Das war aus ihrer Sicht auch der Kanzlerbesuch. Der ging weiter zur Rußhütte nach Saarbrücken. Auch dort mussten Retter in der Nacht zuvor Menschen mit Amphibienfahrzeugen und Booten in Sicherheit bringen. Die Fischbachstraße war besonders betroffen.

Am Samstag war das Wasser weg, was blieb, ist Schlamm und Zerstörung. Auch das schaute sich der Kanzler an, sprach Mut zu, dankte Helfern. Auch im Ludwigsparkstadion, seiner letzten Station. Im dortigen Lagezentrum traf er sich mit Vertretern der Hilfsorganisationen, die mit ihren ehrenamtlichen Helfern vielen Saarländern helfen konnten – und weiterhin werden. Kaya – und alle anderen Betroffenen wissen es zu schätzen.

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