1. Saarland

Schonbezug fürs Schlachten-Gemälde?

Schonbezug fürs Schlachten-Gemälde?

Völklingen. "Völklingen und die Herausforderung Weltkulturerbe - Kulturpolitische Ziele einer Mittelstadt im deutsch-französischen Grenzraum", lautete, ein wenig kompliziert, das Thema der Diskussion, zu der die Saarländische Gesellschaft für Kulturpolitik am Montagabend ins Alte Rathaus Völklingen eingeladen hatte

Völklingen. "Völklingen und die Herausforderung Weltkulturerbe - Kulturpolitische Ziele einer Mittelstadt im deutsch-französischen Grenzraum", lautete, ein wenig kompliziert, das Thema der Diskussion, zu der die Saarländische Gesellschaft für Kulturpolitik am Montagabend ins Alte Rathaus Völklingen eingeladen hatte. Kurt Bohr, der Vorsitzende der Gesellschaft, umriss, worauf Völklingens Kulturpolitik reagieren müsse: Die Stadt sei "international", wegen des Weltkulturerbes, wegen vieler grenzüberschreitender Aktivitäten und nicht zuletzt wegen des hohen Anteils von Zuwanderern unter ihren Bewohnern.Auf dem Podium saßen - neben Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) - Gérard Bruck, Leiter des Musée la Mine im lothringischen Petite Rosselle, Weltkulturerbe-Chef Meinrad Grewenig und Georg Winter, Professor an der Saar-Kunsthochschule, der mit seinen Studenten in der Handwerkergasse des Weltkulturerbes arbeitet. Das versprach eine spannende Debatte. Die aber begann kräftig verspätet. Denn die erste Dreiviertelstunde des Abends nutzten Lorig, Volkshochschuldirektor Karl-Heinz Schäffner und der Schriftsteller Klaus Bernarding, der Stadt und ihrer VHS seit langem verbunden, zur (Selbst-)Darstellung der Völklinger Kultur und Kulturpolitik. Mit reichlich Eigenlob.

"Wozu führen wir diese Diskussion überhaupt?", fragte Moderatorin Sabine Ertz vom Saarländischen Rundfunk etwas spitz. "Es liegt doch offenbar nichts im Argen." Doch, antwortete Lorig, etwas fehle, und zwar in der Innenstadt: eine Galerie und ein Montan- und Stahl-Museum. Ja, sagte Bruck, das Vorzeigen der Industriegeschichte funktioniere: "Die Leute wollen sich ihre Kultur wieder zu eigen machen."

Grewenig sah die Sache komplizierter: Stadt und Weltkulturerbe hätten, bei aller Nähe, doch "unterschiedliche Bewegungsrichtungen". "Ich hab' den Eindruck, es geht alles etwas aneinander vorbei", sekundierte Winter. "Ganz Völklingen muss Weltkulturerbe werden", schlug er vor. Was er damit meinte: Die Völklinger sollten ihre Stadt stärker in die Hand nehmen. Und ihr mehr "Achtsamkeit" entgegenbringen.

Winter, Grewenig, Bohr und der frühere Landeskonservator Johann-Peter Lüth sprachen auch eine Sorge an: Wenn man - Sparzwang - voreilig bei der Kultur kürze, kappe man auch ökonomische Chancen. Denn Kultur-Publikum kurbele mit seinen Ausgaben die Wirtschaft an.

Die Diskutanten im Saal, etwa 40 Menschen, setzten andere Akzente. Insbesondere beim Umgang mit der Vergangenheit der Stadt. Die Sozialgeschichte der Hütte müsse endlich aufgearbeitet werden, forderte etwa Hubert Kesternich. Und der "Schinken" an der Festsaalwand - das Riesengemälde einer Szene aus der Schlacht bei Spichern - gehöre als unzeitgemäß verbannt. Oder übermalt, regte ein anderer Sprecher an. Nein, protestierte Lorig unter Beifall, es müsse bleiben: als Mahnung an einstige Feindseligkeit, die Deutsche und Franzosen heute überwunden hätten. Für besondere Gelegenheiten, sagte Winter, sei diese Mahnung ja gut; aber vielleicht könne man dem Bild für den Alltag einen Schonbezug verpassen? Doch die schlitzohrige künstlerische Ironie kam nicht recht an; die Fronten blieben unversöhnlich. "Wir dürfen keine Blindstellen in der Geschichte erzeugen", appellierte Bohr an die Runde. Und erinnerte ans Ringen um die KZ-Gedenkstätte an der Goldenen Bremm.

Die Gitarristen Frank Brückner und Dietmar Kunzler, die den Abend musikalisch rahmten, hatten fürs Finale leise Klänge ausgewählt. Doch schon nach dem schnellen, quirligen Mittelteil ihres Stücks brandete Beifall auf; nur zögernd ließ das Publikum im Saal sich auf den nachdenklichen Ausklang ein. Das passte zur Stimmung des Abends: viel Ungeduld, manche Eitelkeit, wenig Zuhören.

Der SR strahlt die Diskussion am Samstag, 15. September, 10 Uhr, auf Antenne Saar aus.

"Ganz Völklingen muss Weltkulturerbe werden."

Georg Winter, Professor an der Hochschule für Bildende Künste Saar mit Arbeitsort Völklinger Handwerkergasse