| 20:28 Uhr

Musikprojekt für benachteiligte Kinder
„Schau mich an! Ich glaube an Dich!“

„Unter dem Regenbogen“ hieß das Konzert, das Kinder aus dem Gemeinwesenprojekt Pädsak auf dem Saarbrücker Wackenberg mit Schülern der Arnulfschule, dem Kindergarten Melanchton und Kindern des Karnevalsvereins DDD aufgeführt haben.
„Unter dem Regenbogen“ hieß das Konzert, das Kinder aus dem Gemeinwesenprojekt Pädsak auf dem Saarbrücker Wackenberg mit Schülern der Arnulfschule, dem Kindergarten Melanchton und Kindern des Karnevalsvereins DDD aufgeführt haben. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Initiatoren eines Musikprojektes für Kinder aus sozial schwachen Familien auf dem Saarbrücker Wackenberg suchen dringend Spender. Von Christine Kloth
Christine Kloth

Der Applaus für die kleinen Künstler – er hallt noch lange nach an diesem Abend im Pius- Saal auf dem Saarbrücker Wackenberg. Der Applaus – er ist so wichtig für diese Kinder aus einem schwierigen sozialen Umfeld, mit hoher Arbeitslosigkeit und hoher Alleinerziehenden-Rate. Es sind Kinder, die es nicht gewohnt sind, im Rampenlicht zu stehen.


Heute aber gehört die Bühne des Festsaals für eine Stunde ihnen. Sie singen, tanzen, trommeln, rappen und moderieren, als hätten sie nie etwas anderes getan. Das Publikum sind ihre Familien: Mama, Papa, Oma, Opa, Geschwister, Tanten, Onkel und Nachbarn haben Platz genommen, um ihnen 60 Minuten Aufmerksamkeit zu schenken. Und Lob. „Mensch, das hast du aber toll gemacht. Ich wusste gar nicht, dass du das kannst“, sagt eine Mutter, als ihre Tochter von der Bühne kommt. Sie nimmt sie in den Arm. Das blonde Mädchen kuschelt sich an sie und lächelt verlegen.

Es sind genau jene Momente, die Beate Weiler den Erfolg ihrer Arbeit zeigen. Die Mitarbeiterin des Gemeinwesenprojektes Pädagogisch-Soziale Aktionsgemeinschaft (Pädsak) und ihre Kollegen haben die Konzertaufführung mit anderen Akteuren aus dem Stadtteil initiiert. „Es ist ein Highlight für die Eltern, ihre Kinder auf der Bühne zu erleben. Sie sehen: Mein Kind kann etwas. Die Kinder erleben umgekehrt, dass es sich lohnt, für etwas über Monate zu üben. Dass man Ängste abbauen, an Schwächen arbeiten kann und am Ende dafür belohnt wird“, sagt sie.



Keine Selbstverständlichkeit in sozial schwachen Familien, weiß auch Michael Dartsch, Violonist, Pädagoge und Professor an der Hochschule für Musik Saar (HfM). „Viele Kinder aus diesen Familien haben noch nie eine Harfe oder eine Geige gesehen oder wissen, was ein Orchester ist. Musik oder das Musizieren hat in ihrem Leben keinen Stellenwert. Dabei kann beides ihnen so viel geben.“

Denn Studien belegten, dass Musizieren den Spracherwerb von Kindern verbessert, das Sozialverhalten positiv beeinflusst und die Persönlichkeitsentwicklung stärkt. Kindern, die sich mit dem Schreiben und Sprechen schwer tun und in der Schule nicht so erfolgreich sind, biete Musik eine ganz neue Ausdrucksform. Eine, die sie gleichwertig mit anderen Kindern mache. „Musik verbindet. Das ist eine ganz wichtige Erfahrung für diese Kinder. Außerdem hat das Musizieren therapeutische Effekte: Ablehnung, Frust und alles, was im Leben nicht so läuft, können die Kinder so in eine Form bringen und verarbeiten“, argumentiert Dartsch.

Darum hat er keine Sekunde gezögert, als die Pädsak ihn im Jahr 2010 um Unterstützung bei ihrer musikalischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bat. Seit dieser Zeit haben an die 150 Kinder das Projekt durchlaufen. Das Besondere daran: die Kontinuität, ermöglicht es doch eine Teilnahme vom Kleinkindalter bis zur Schulzeit. Dartsch: „Oft gibt es beim Hobby Musizieren in der Pubertät aus den unterschiedlichsten Gründen einen Bruch. Wir wissen jedoch heute, dass Erwachsene das Musizieren eher wieder aufgreifen, wenn sie es möglichst lange im Kindesalter praktiziert haben.“

Der HfM-Professor entsendet regelmäßig junge Männer und Frauen aus dem Studiengang Elementare Musikpädagogik in die Pädsak. Dartschs Studenten sind verpflichtet, ein Praktikum im sozialpädagogischen Bereich zu machen. Ein laut ihm in Deutschland einzigartiges Konstrukt und „sozialpolitisches Projekt“. „Oft prallen da Welten aufeinander“, sagt er, „denn, wer Musik studiert, kommt aus einer ganz anderen Szene und muss sich in diesem raueren Umfeld erst einmal behaupten“.

Miranda Aliaj hat damit keine Probleme. Die Dartsch-Absolventin ist studierte Klarinettistin, Musikpädagogin und Mutter zweier Kinder. Eine echte Künstlerin mit Ausstrahlung, wie Dartsch sagt. Eine, die den Kindern Vorbild sein kann, weil sie für das brennt, was sie tut. Seit sieben Jahren arbeitet sie wöchentlich mehrmals mit den Kindern der Pädsak. Konzerte wie das im Pius-Saal seien quasi die Krönung dieser Arbeit, sagt sie. Aliaj singt mit den Kindern, tanzt, spricht über Musik oder weist ihre Schützlinge in Perkussions-Instrumente ein, die ohne langes Lernen einen schnellen Zugang ermöglichen. Zurzeit auf Honorarbasis.

„Ich kenne die Geschichten der Kinder nicht, und das ist auch gut so. Ich komme einfach nur, um mit ihnen Musik zu machen. Die Musik befreit sie für kurze Zeit von ihren Problemen“, sagt die Pädagogin. Natürlich hätten diese Kinder mehr Hochs und Tiefs als andere, Ängste und Frust forderten mehr Aufmerksamkeit ein. So etwas wie die Konzertaufführung im Pius-Saal durchzuziehen, sei für manche ein wahrer Kraftakt und erfordere viel Mut. „Wenn sie an sich zweifeln, erreichst du sie nur, wenn du echt bist. Ich sage dann: Schau mich an! Ich glaube an Dich! – und meistens funktioniert das.“ An diesem Sonntagabend im Pius-Saal hat es funktioniert. Die Kinder verbeugen sich unter dem tosenden Applaus ihrer Eltern und steigen hinab von der Bühne – zurück in ihren Alltag.

Musikpädagogin Miranda Aliaj
Musikpädagogin Miranda Aliaj FOTO: Oliver Dietze
Michael Dartsch, Professor an der Hochschule für Musik Saar
Michael Dartsch, Professor an der Hochschule für Musik Saar FOTO: Bert Roman / Bert Romann