| 20:12 Uhr

Saartalk mit drei Künstlerinnen
„Die Tür geht jetzt nicht mehr zu“

Anny Hwang, Christiane Motter und Edda Petri (von l.) stellen sich den Fragen von Peter Stefan Herbst ( SZ, vorne rechts) und Norbert Klein (SR).
Anny Hwang, Christiane Motter und Edda Petri (von l.) stellen sich den Fragen von Peter Stefan Herbst ( SZ, vorne rechts) und Norbert Klein (SR). FOTO: Oliver Dietze
Die Schauspielerinnen Edda Petri und Christiane Motter und die Pianistin Anny Hwang über Frauen in der Kultur.
Esther Brenner

Der Saartalk ist ein gemeinsames Format von SR und SZ. Diesmal stellen sich die Schauspielerin und Kulturmanagerin Edda Petri, Staatsschauspielerin Christiane Motter vom Saarländischen Staatstheater und die Pianistin Anny Hwang den Fragen der Chefredakteure Norbert Klein (SR) und Peter Stefan Herbst (SZ). Esther Brenner hat das Gespräch in Auszügen dokumentiert.


HERBST Vergleicht man Gagen von Schauspielerinnen mit denen ihrer männlichen Kollegen, dann ist der Unterschied oft sehr groß. Haben Sie das auch schon erlebt?

PETRI Ja, natürlich. Es soll zwar laut Vertrag über die Gage Stillschweigen herrschen, aber manchmal bekommt man es doch raus (...).



KLEIN Der Schauspielberuf gilt ohnehin nicht als sehr solide, was die soziale Absicherung angeht. Wie kann man sich als Schauspielerin sozial absichern?

MOTTER Versuchen, gut zu verhandeln. Es gibt auch ein Ensemble-Netzwerk und „Pro Quote Bühne“ und sehr viele Theaterschaffende, die jetzt versuchen, diese Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen (...). Seit zwei Jahren ist da sehr viel passiert (...).

HERBST Ist das in der Musikbranche auch so?

HWANG Ich bin freischaffend, da verhandelt man je nach Projekt seine Gage (...). Ich höre von anderen Musikerkollegen aber (...), dass es tatsächlich diese Unterschiede gibt.

HERBST Wenn man so lange mit dem Staatstheater verbunden ist wie Sie, verfolgt man auch die öffentlichen Debatten um das Haus. Welche Bedeutung hat das SST für Saarbrücken und das Saarland?

MOTTER Ich habe das Gefühl, dass die Saarländer großen Wert auf ihr Theater legen. Das sieht man an den Zuschauerzahlen (...). Auch damals, als die politische Debatte hochkochte unter Kurt Josef Schildknecht (Intendant 1991-2006, Anm. der Red.). Wir hatten großen Zuspruch von der Bevölkerung, die ihr Theater so behalten wollte wie es war. Natürlich mussten auch wir sparen. Es hat sich viel geändert, aber ich denke, wir haben es gut hingekriegt. Das Theater ist hier anders als in vielen anderen Städten ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens.

KLEIN Theater ist eine Kunst, die offline passiert, wo alles Mögliche online passiert. Theater ist analog. Hat das Vorteile?

MOTTER Es ist unser Auftrag, die Leute ins Theater zu bitten, ihnen Zeit zu geben, zur Ruhe zu kommen. Es ist wichtig, dass wir uns nicht gleichschalten mit digitalen Medien.

HERBST Frau Petri, hat die Kultur im Saarland genug Rückhalt?

PETRI Ja, schon. Die Spardebatte ist zwar geführt worden. Aber ich finde, dass es dem Theater auch eine gewisse Öffnung beschert hat. Alle mussten schauen, wie sie neues Publikum rekrutieren (...). Dass das Angebot niederschwelliger geworden ist, finde ich eine tolle Entwicklung.

HERBST Frau Petri, Sie sind jetzt auch Integrationsmanagerin. Was machen Sie da?

PETRI Das heißt vollständig „Integrationsmanagerin für Kunst und Kreativwirtschaft“. Es gibt das neu sanierte Kutscherhaus in Neunkirchen. Dort gibt es sieben Büros für Kreativschaffende. Die Stadt stellt ihnen das mietfrei zur Verfügung, dafür sollen die Künstler ideell etwas zurückgeben. Ich bin dafür zuständig, soziokulturelle Projekte ins Laufen zu bekommen und Veranstaltungen daraus zu bauen.

KLEIN Sie haben viele Projekte mit Ihrem ehemaligen Mann Joachim Arnold aufgebaut, zum Beispiel das Klassik-Open-Air in Losheim und die Merziger Zeltoper, wieder eine andere Sphäre...

PETRI Ich hatte immer schon eine Liebe für die Oper.

HERBST Wenn man Privat- und Berufsleben so eng verzahnt, ist das von Vor- oder von Nachteil?

PETRI Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen. Wenn es gut funktioniert, ist das sehr beglückend. Das störte unser Eheleben nicht.

HERBST Heute arbeiten Sie weiter zusammen, obwohl Sie getrennt sind. Gibt es Friktionen?

PETRI Ich spiele nur noch in der „Addams Family“. Aktuell sind keine weiteren gemeinsamen Projekte geplant.

HERBST Frau Hwang, Sie haben einen Sonderpreis für kulturelles Engagement vom Kultusminister bekommen, wofür genau?

HWANG Für das, was ich am Klavier mache und nicht unbedingt für das interdisziplinäre Programm, das sich „Annytime“ nennt. Es ist mir wichtig, breit aufgestellt zu sein. Mir hat es nie gereicht, nur Klavier zu spielen (...), sodass es immer mein Traum war, dieses Programm zu machen, um Künstler zusammen zu führen (...).

KLEIN Wie funktioniert denn „Annytime“?

HWANG Ich mache drei oder vier Abende im Jahr mit Künstlern aus verschiedenen Genres (...). Ich moderiere den Abend, und der wichtigste Punkt ist: Jeder kann machen was er will. Mir ist wichtig, dass man als Künstler die Freiheit auslebt und gleichzeitig auch teilt.

KLEIN Und die Location ist dann tatsächlich einfach Ihre Wohnung in Berlin?

HWANG Genau. Es hat bei mir angefangen. Ich bin vor elf Jahren nach Berlin gezogen für mein Studium und hatte so viel Platz in diesem Space (...). Da kam die Idee, dass ich diesen Abend gestalten wollte für jeweils 60 Leute (...).

KLEIN Harvey Weinstein und der Skandal in Hollywood um sexuelle Belästigung hat mit dazu beigetragen, dass die „#MeToo“-Bewegung ausgelöst wurde. Wie sieht das in der klassischen Musik aus? Wie an den Schauspielhäusern und im Film?

HWANG Es existiert einfach eine Hierarchie in der Branche. Und viele junge Künstlerinnen sind von Leuten abhängig, die eine hohe Position haben. Dementsprechend gibt es immer wieder mal seltsame Situationen. Ich selbst hatte als junges Mädchen schon seltsame Begegnungen gehabt.

MOTTER Es gibt jetzt auch beim Bühnenverein eine „MeToo“-Beauftragte, und es ist unglaublich, wie viele Anrufe sie bekommt (...). Natürlich ist mir das auch passiert als junges Mädchen (...), aber man hat darüber nicht diskutiert (...). Das war ein Tabu.

PETRI Ich kenne keine Kollegin, die noch nichts erlebt hat. Ich habe es selber auch erlebt, im Theater und beim Film. Das passiert, denn die Grenzziehung ist natürlich viel schwieriger, wenn Sie eine innige Liebesszene spielen, als wenn Sie ans Knie gefasst bekommen, wenn sie im Büro arbeiten.

HERBST Hat sich etwas nachhaltig verändert?

PETRI Ja. Die Tür geht jetzt nicht mehr zu.

MOTTER Das Bewusstsein, dass man gehört wird ist ein großer Schritt.