Wallerfangen „Und das alles nur, weil wir Juden sind . . .“

Wallerfangen · Sechs Zeitzeugen aus Litauen berichten im Haus Sonnental in Wallerfangen über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges.

 Die Zeitzeugen im Haus Sonnental (von links, sitzend): Dovydas Leibzonas, Rozeta Ramoniene, Ela Glinskiene, Judita Mackeviciene, Izaokas Glikas und Liuba Stulgaitiene.

Die Zeitzeugen im Haus Sonnental (von links, sitzend): Dovydas Leibzonas, Rozeta Ramoniene, Ela Glinskiene, Judita Mackeviciene, Izaokas Glikas und Liuba Stulgaitiene.

Foto: Thomas Seeber

Als die Deutschen 1941 kommen, ist alles vorbei. Das Leben, wie es die Familie von Rozeta Ramoniene bis dahin kannte, gibt es nicht mehr. Rozeta kommt 1940 auf die Welt. Als kleines Kind muss sie ins Ghetto von Kaunas in Litauen – ohne Mutter, die erschossen wird, und ohne Vater, der nie von der Front zurückkehrt. Dass das Mädchen am Leben bleibt, verdankt sie einem Loch im Stacheldrahtzaun des Ghettos, durch das sie herausgeschmuggelt wird. Ein Mönch versteckt sie unter seiner Kutte und kann sie auf diese Weise retten. Eine litauische Familie nimmt sie anschließend auf. Um nicht aufzufallen, erhält sie einen neuen Namen – Johanna – und wird getauft.

„Und das alles nur, weil wir Juden sind“, sagt Rozeta Ramoniene. Wenn sie die Geschichte ihres Überlebens im Zweiten Weltkrieg heute erzählt, fällt es ihr nicht leicht. Aber sie findet es wichtig. Denn: „Wir sind die Letzten“, sagt sie und meint: die letzten Zeitzeugen der NS-Zeit. „Bald gibt es niemanden mehr, den man fragen kann.“

Noch geht das. So wie am Mittwoch im Haus Sonnental in Wallerfangen bei einem Informationsnachmittag der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) Saar. Die KEB organisierte das Treffen zusammen mit dem Freiburger Maximilian-Kolbe-Werk, das Überlebende der Konzentrationslager und Ghettos unterstützt. Sechs Zeitzeugen aus Litauen im Alter zwischen 77 und 81 waren eingeladen, neben Rozeta Ramoniene auch Ela Glinskiene, Judita Mackeviciene, Liuba Stulgaitiene, Dovydas Leibzonas und Izaokas Glikas. Glikas überstand den Krieg in einem Versteck im Wald, die anderen fünf mussten in Ghettos ums Überleben kämpfen.

Die Zuhörer fragen sich, wie die Gruppe die Schrecken und das Leid verarbeiten konnte. „Uns hat es geholfen, dass wir damals noch Kinder waren“, sagt Dovydas Leibzonas. Entweder habe man gespielt oder sei durch die Erwachsenen abgelenkt worden. Er wisse noch, dass er sich oft gewundert habe, warum die Erwachsenen so traurig seien. Später sei ihm das klar geworden.

„In Litauen wurde damals fast die gesamte jüdische Bevölkerung umgebracht“, sagt Rozeta Ramoniene. Wie die anderen aus der Gruppe ist sie ihren Rettern bis heute dankbar. „Immerhin war es für sie ebenfalls sehr gefährlich“, gibt Izaokas Glikas zu bedenken. Denn: „Wer erwischt wurde, musste damit rechnen, erschossen zu werden.“