1. Saarland
  2. Saarlouis
  3. Wallerfangen

Sie praktiziert Sozialarbeit online"Man muss dorthin, wo die Jugend ist"

Sie praktiziert Sozialarbeit online"Man muss dorthin, wo die Jugend ist"

Schwalbach. "Darf ich mit 13 knutschen? Meine Mutter hat's mir verboten." Wäre die Jugendpflegerin und Streetworkerin für die Gemeinde Schwalbach nicht auf Kommunikationsplattformen wie Facebook oder Twitter dienstlich unterwegs, diese Frage hätte sie wohl nie erreicht. Und wahrscheinlich wüsste Tina Henschel heute selbst nicht, wie das mit dem Knutschen geregelt ist

Schwalbach. "Darf ich mit 13 knutschen? Meine Mutter hat's mir verboten." Wäre die Jugendpflegerin und Streetworkerin für die Gemeinde Schwalbach nicht auf Kommunikationsplattformen wie Facebook oder Twitter dienstlich unterwegs, diese Frage hätte sie wohl nie erreicht. Und wahrscheinlich wüsste Tina Henschel heute selbst nicht, wie das mit dem Knutschen geregelt ist.Denn viele Fragen, die sie über die neuen Plattformen erreichen, kann sie auf Anhieb selbst nicht beantworten. Da hilft es ihr in vielerlei Hinsicht, dass sie nicht spontan im Gespräch reagieren muss: "Ich kann mich selbst erst einmal über ein Thema informieren und mir dann genau überlegen, wie ich es formuliere", sagt die 31-Jährige.

Von den richtigen Worten hängt oft ab, ob die jungen Menschen sie ernst nehmen und ihr vertrauen. Wohl am wichtigsten: Ohne ihre "Sozialarbeit online" hätte sie nicht schon vielen Fragestellern helfen können. In der Halb-Anonymität von Facebook redet's sich eben einfacher über geplatzte Kondome, eine mögliche Homosexualität oder den Zoff am Ausbildungsplatz. Solche Themen, die mit Angst, Scham oder Peinlichkeiten besetzt sein können, erreichen Henschel ausschließlich übers Internet, berichtet sie.

Im Schwalbacher Rathaus seien die Zugänge zu Kommunikationsportalen gesperrt. Aber fürs Jugendbüro sei die Online-Präsenz so bedeutsam, dass man ihr alles ohne Probleme freigeschaltet habe. Schon 2008, als sie ihre Tätigkeit in Schwalbach begann, baute sie die "Sozialarbeit online" auf.

"Diese neue Form der Sozialarbeit praktizieren leider erst wenige Gemeinden", sagt Henschel. Vorurteile gegenüber den neuen Medien, das Alter der Jugendpfleger oder oft eine Unkenntnis und daraus entstehende Angst vor den Plattformen seien Hemmschwellen.

Henschel arbeitet täglich bei Facebook, Twitter oder Wer-kennt-wen im Internet, stellt bei selbst gesetzten Themenwochen wie "Beruf und Ausbildung" Infoblöcke online und reagiert auch öffentlich empört, wenn sie ein Graffiti am Juz entdeckt: "Ich habe sofort ein Foto hochgeladen und geschrieben, dass ich das uncool finde."

Natürlich ist Tina Henschel auch persönliche Ansprechpartnerin: Aber im Juz und draußen auf der Straße geht es eher um Freizeitangebote wie die nächste Party.

Sollte dort mal ein Pärchen knutschen, so weiß sie jetzt: Sind beide Küssenden 13 Jahre oder jünger, so hat der Gesetzgeber kein Problem damit, berichtet Tina Henschel. Sei jedoch einer 14 Jahre oder älter, der andere aber noch nicht so alt, dann verbiete das Gesetz tatsächlich das wilde Knutschen als Form der sexuellen Handlung (Sexualstrafrecht in den Paragrafen 172 bis 184 im Strafgesetzbuch).Frau Henschel, weshalb betrachten Sie das Internet als ein so wichtiges Arbeitsmittel speziell für ihre Tätigkeit als Jugendpflegerin und Streetworkerin?

Tina Henschel: Die größten Veränderungen, die das Internet bewirkt hat, betreffen den Umgang junger Menschen mit Informationen, die Art und Weise, wie sie miteinander kommunizieren, und teilweise auch ihr Verhältnis zu gesellschaftlichen Institutionen. Gerade deshalb ist es für das Jugendbüro Schwalbach so wichtig geworden, sich dort zu positionieren, wo sich die Jugend aufhält, im Internet. Auch wenn das Internet Gefahren mit sich bringt, öffnet es uns auch jede Menge neue Türen. Eins ist sicher, für die Zukunft wird das Internet eines der wichtigsten Medien bleiben. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich auch die Sozialarbeit, ganz besonders die in der Kinder- und Jugendarbeit, für solche Kommunikationsplattformen öffnet.

Sie sagen, das Jugendbüro sei grundsätzlich für alle Fragen offen. Können Sie denn auch alles beantworten?

Henschel: Wir wissen nicht alles. Aber wenn wir nicht weiterhelfen können, vermitteln wir an die Stellen, die es können. Das Geschriebene behandeln wir stets vertraulich. Wir geben keine Infos weiter.

Sprechen die Nutzer des Online-Jugendbüros tatsächlich auch alle Themen, insbesondere vielleicht peinliche Dinge, an?

Henschel: Ja. Manche Themen, hauptsächlich, wenn es um Sexualität geht, werden ungern Face-to-Face besprochen. Durch die Sozialarbeit online ermöglicht das Jugendbüro Schwalbach vielen, nicht nur Jugendlichen, über ihre Gefühle, Gedanken und Probleme zu schreiben. Das betrifft auch Themen wie Familie, Freunde oder Beruf. Dabei ist es keine völlig anonyme Kommunikation, denn die Namen der Schreibenden sind ja angegeben und daher bekannt. "Diese neue Form der Sozialarbeit praktizieren leider erst wenige Gemeinden."

Tina Henschel

Meinung

Erst umdenken, dann mitreden

Von SZ-RedakteurinMichaela Heinze

Offen gestanden gehöre auch ich zu denjenigen, die sich Facebook und Co. privat verschließen. Ich hasse es, wenn jemand am Restaurant-Tisch mehr aufs I-Phone als auf sein menschliches Gegenüber achtet. Und es nervt mich, wenn Jugendliche zur Kommunikation mehr ihre Daumen auf dem Handy als ihre Stimme nutzen. Aber ich weiß: Ich kann es nicht ändern. Ich laste den Nutzern der neuen Medien keinerlei Schuld an dieser Entwicklung an. Sie sind damit groß geworden. Sie sind Außenseiter, wenn sie nicht heftig mittwittern, simsen, i-phonen und facebooken. Doch wenn ich verstehen will, warum und was die jungen Leute dort tun, wenn ich wirklich einen Draht zu ihnen suche, wenn ich sie zu vorsichtigem Umgang mit den neuen Kommunikationsformen ermuntern will, dann muss ich bei mir anfangen: Erst wenn ich mich den Medien öffne, kann ich mitreden. Dazu muss ich sie keineswegs lieben lernen. Aber ich gebe mir eine Chance, ihren Nutzen zu erkennen. Den gibt es gewiss, das zeigt die Arbeit der Streetworkerin Tina Henschel.

Auf einen Blick

Das Jugendbüro Schwalbach kann man unter folgenden Links erreichen: Auf der Gemeinde-Homepage www.schwalbach-saar.de im Menüpunkt "Kinder und Jugend" unter "Kummerkasten", auf www.twitter.com unter "Jugendnews", bei www.wer-kennt-wen.de und www.facebook.de jeweils unter dem Profil "Jugendbüro Schwalbach".

 Berät die Jugendlichen auch über Facebook: Streetworkerin Tina Henschel. Foto: Thomas Seeber
Berät die Jugendlichen auch über Facebook: Streetworkerin Tina Henschel. Foto: Thomas Seeber

Einen Workshop "Facebook & Co. für Eltern" gibt es am Mittwoch, 30. Januar, von 17 bis 19 Uhr im Haus der Jugend in Schwalbach. Anmelden können sich Eltern übers Jugendbüro unter der Telefonnummer (06834) 57 11 52. mcs