| 00:00 Uhr

Saar-Kliniken sind oft nicht auf Patienten mit Alzheimer eingestellt

Wallerfangen. Kommt ein Demenzkranker ins Krankenhaus, ist das weder für ihn noch für Ärzte und Pfleger leicht: Er muss intensiver betreut werden als ein Patient ohne Demenz. Die Saarländische Krankenhausgesellschaft hat dazu nun einen Runden Tisch ins Leben gerufen. Nora Ernst

Als die Patientin ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist sie bereits verwirrt, aggressiv und schlägt um sich. Die Lage verschlimmert sich, als sie wegen eines Keimes isoliert werden muss. "Warum habt ihr mich ins Gefängnis gebracht?", fragt sie ihre Angehörigen. Sie weiß nicht mehr, wo sie ist. Ein Krankenhausaufenthalt kann einen Demenzkranken in eine regelrechte Krise stürzen. Das gewohnte Umfeld fällt weg, die Patienten sind orientierungslos und ängstlich. Auch für Ärzte und Pfleger ist es nicht leicht: Oft reißen sich demente Patienten Venenzugänge ab, nehmen ihre Medikamente nicht, und sie müssen im Schnitt doppelt so lange bleiben wie andere Patienten.

Heute ist bereits jeder fünfte Krankenhauspatient dement, in den kommenden Jahren wird diese Zahl weiter steigen. Thomas Jungen, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Krankenhäuser im Saarland, spricht von einer "Tsunami-Welle", die auf die Krankenhäuser zurollt - und nur wenige sind darauf vorbereitet. So haben etwa die Kliniken der Kreuznacher Diakonie eigens Demenzbetreuer eingestellt. Patientenzimmer wurden farbig gestrichen, damit sie leichter wiedergefunden werden, und es wurden Ehrenamtliche geworben, die die Patienten beschäftigen. Vier katholische Kliniken starteten 2012 das Projekt "Demenz im Krankenhaus" (Dem-i-K), wissenschaftlich begleitet vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken (Iso). Dabei wurden unter anderem Pflegekräfte und Ärzte im Umgang mit Demenzpatienten geschult und spezielle Betreuungsräume eingerichtet. Allerdings investierten die Träger an jeder der vier Kliniken 95 000 Euro. Geld, das viele andere Krankenhäuser nicht aufbringen könnten, sagt Thomas Jakobs, Geschäftsführer der Saarländischen Krankenhausgesellschaft (SKG). Doch dass etwas geschehen muss, darin sind sich alle einig. Deshalb hat die SKG nun einen Runden Tisch ins Leben gerufen, an dem sich alle Krankenhäuser austauschen und von den Erfahrungen der anderen lernen können. Es wird einen Workshop für Ärzte und einen weiteren für Pflegekräfte geben. Das Ziel ist, mit wenig Geld viel zu bewirken. Gleichzeitig will man auch politisch ein Zeichen setzen. Denn die Krankenhäuser befinden sich laut Thomas Jungen in einem "Demenz-Dilemma". Demenzpatienten bräuchten intensive Betreuung, die Kliniken stünden aber unter Zeit- und Leistungsdruck. "Von den Kostenträgern kommt kaum Hilfe", sagt Jungen. Jakobs bestätigt das: Die Krankenkassen zahlten Fallpauschalen für die Hauptdiagnose, die aber die zusätzlichen Kosten, die durch die Nebendiagnose Demenz entstünden, nicht komplett abdeckten.

Die Krankenkassen weisen diesen Vorwurf zurück. AOK Rheinland-Pfalz/Saarland und der Landesverband der Ersatzkassen (VDEK) betonen sogar, dass die Fallpauschalen jährlich anhand von Stichproben in Krankenhäusern aktualisiert werden. Folglich müsste sich der höhere Pflegebedarf darin widerspiegeln. Das Saarland erhalte zudem bundesweit die zweithöchsten Pauschalen. Axel Mittelbach vom VDEK vermutet, dass viele Häuser vom Geld, das sie von den Krankenkassen für die Betriebskosten bekommen, einen Teil abzweigen müssten, um ihre Investitionskosten zu decken. Für die ist eigentlich das Land zuständig, das fahre seine Finanzierung aber seit Jahren zurück, sagt Mittelbach.