Museum Haus Saargau Gisingen zeigt bäuerliche Leben im Lothringerhaus

Museumsserie : Aus Bauernhaus wird museales Schmuckstück

Im Lothringerhaus lebten einst drei Generationen mit ihren Tieren unter einem Dach. Wie der bäuerliche Alltag aussah, zeigt das Haus Saargau.

Das Bett war zu kurz, um sich darin auszustrecken. In der Küche gab es keinen Strom, Wasser nur draußen im Brunnen, ein Plumpsklo hinter dem Haus. Und zu allem kam eine kräftige Portion Aberglaube. Eine Vorstellung vom bäuerlichen Leben früherer Zeiten vermittelt das „Haus Saargau“ in Gisingen. Es ist eine Art Bauernhaus, das nur in Regionen zu finden ist, wo einmal das Herzogtum Lothringen von Westen her bis zur Saar reichte. So im Landkreis Saarlouis und teilweise in Merzig-Wadern.

Dieses sogenannte Lothringerhaus erwarb der Landkreis Saarlouis Anfang der 1990er-Jahre. 130 000 Mark für den Kauf finanzierte die Kreissparkasse Saarlouis über Spenden, 770 000 Mark für die Ausbaukosten kamen über Zuschüsse und Eigenmittel. Damit sanierte der Landkreis das Gebäude und machte es zum musealen Schmuckstück.

Lothringerhäuser entstanden vor allem zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert. In Gisingen bestanden sie aus Sandstein und Muschelkalk. Das „Haus Saargau“ stammt im ältesten Teil aus der Zeit zwischen 1735 und 1750. Dieser Bereich liegt links vom Hausflur. Er weist eine dicke Wand auf, die ihn vom später angebauten rechten Teil trennt, wo unter anderen Stall und Scheune liegen. Mensch und Tier lebten unter einem flach geneigten Dach, das mit Hohlziegeln gedeckt war. Zwischen Obergeschoss und Dach lag noch das Drempelgeschoss, ein halbhohes Geschoss mit Luftluken zur Lagerung von Getreide und Frucht. Mindestens drei Generationen beherbergte das Gisinger Lothringerhaus, bis in die 1950er Jahre.

In den Räumen links vom Flur ist auf zwei Etagen ein bäuerliches Kleinmuseum eingerichtet. Von einer typischen Dreiraumstruktur spricht Jeanette Dillinger, zuständig für Kulturtourismus bei der Tourismus-Information des Landkreises Saarlouis. Das heißt, eine Stube liegt vorne zur Straße, hinten ist eine Kammer und dazwischen eine fensterlose Küche. Von der wurden die angrenzenden Räume aufgeheizt. Dazu befand sich hinter der Feuerstelle, dem Harsch, eine sogenannte Takenplatte aus Gusseisen. Die war in der Wand zum Nebenzimmer eingelassen, wo sie ein schließbarer Takenschrank umgab. So gelangte Wärme von der Feuerstelle nach nebenan.

Eine Sammlung massiver Takenplatten hat der Heimatkundler Wolfgang Kremer als Dauerleihgabe bereit gestellt. Die älteste von ihnen trägt die Jahreszahl 1634 und Lilien der Bourbonen. 18 von ihnen hängen in Räumen, im ehemaligen Stall und der Scheune, sie zeigen mythische Motive oder das Wappen Lothringens.

Im ersten Zimmer links im Erdgeschoss steht ein weiß bezogenes Bett mit Baldachin. Es erscheint zu kurz zum Schlafen. Doch in früheren Zeiten schliefen die Menschen sitzend oder zur Seite geneigt. Zudem waren sie im Vergleich zu heute deutlich kleiner; das lassen die niedrigen Türrahmen erkennen. Aber auch der Aberglaube spielte dabei eine Rolle: „Weil nur die Toten komplett flach liegen“, erklärt Dillinger dazu.

Überall konnten Geister sein, glaubten die Menschen damals. Sie kamen auch über die Feuerstelle in der Küche. Die war nach oben wie die Esse einer Schmiede gebaut. Mit dem Luftstrom im Kamin drangen gute oder böse Geister der Ahnen ein, was passende Amulette erforderte. Gegen das Böse mussten aber auch Bräute geschützt werden: Sie trugen schwarz, weil Geister im Volksglauben diese Farbe nicht sehen können, weiß Dillinger.

Hinten im Erdgeschoss liegt die kleine Küche. Gekocht, gebraten und gebacken wurde ohne Strom oder Gas. Beispielsweise mussten Waffeleisen auf der Herdplatte erhitzt werden. Lange Zeit war der Speiseplan recht karg, berichtet Dillinger. Grütze aus Getreide wurde mit Wild- und Heilkräutern verfeinert, mit Gemüse oder Obst. „Rezepte waren oftmals das Geheimnis der Frauen und wurden der nächsten Generation überliefert.“ Und, einst selbstverständlich: „Brot wurde selbst gebacken“, erklärt Dillinger. „Das war Brauchtum der Frauen im bäuerlichen Leben.“

Der Eindruck, den die Räume vermitteln, entspricht schon einem gehobeneren Niveau, sagt Dillinger. Grundlage dafür ist die sogenannte Pinck’sche Sammlung mit aufwändig restauriertem alt-lothringischen Mobiliar des 18. Jahrhunderts. Das sammelte Abbé Dr. Louis Pinck, ein Volkskundler und katholischer Priester der Diözese Metz. Seit 1998 stehen sie als Dauerleihgabe im „Haus Saargau“.

Schwerpunkte des Hauses waren bisher die Vermittlung bäuerlicher Kultur sowie Kunstausstellungen in Stall und Scheune. Der Naturpark Saar-Hunsrück hat hier eine Informationsstelle, einen Treffpunkt haben das Kunstforum Saarlouis sowie die moselfränkische Mundartgruppe von Jean-Louis Kieffer. Bis etwa März 2020 findet nun ein behutsamer Wandel statt, der zusätzlich das Leben in der Grenzregion in den Fokus rücken wird.

Das „Haus Saargau“ lag im alten Dorfkern Gisingens. In der Nähe stehen drei weitere Lothringer Bauernhäuser, die einen Eindruck vom früheren Straßenbild vermitteln. Die Zuwege zu Haus und Stall sind gepflastert, dicke Bäume überdecken den Vorplatz. Der gemauerte Brunnen draußen ist 13 Meter tief. Er führte noch Wasser, wenn im Sommer ringsum viele andere trocken waren.

Hinter dem Haus entstand 1998/99 ein 1000 Quadratmeter großer Bauerngarten. Wege und Beete bilden eine Kreuzform. Bei der Überarbeitung 2014/15 wurde er als Duft- und Würzgarten ausgerichtet, etwa mit Duftrosen, Teepflanzen und Küchenkräutern. Er ist Teil des internationalen Projektes „Gärten ohne Grenzen“.

Alle Serienteile finden sich im Internet:

Die Sammlung von Takenplatten und das heutige Trauzimmer befinden sich im ehemaligen Stall mit alten Trögen. Foto: Johannes Bodwing
Das Museum Haus Saargau in Gisingen ist ein für die Region typisches Lothringer Bauernhaus. Rechts ist der Brunnen zu sehen. Foto: Johannes Bodwing
Jeanette Dillinger zeigt ein Geheimfach an einer Kommode. Foto: Johannes Bodwing
Die ehemalige Scheune und die Tenne des Bauernhauses sind für Ausstellungen hergerichtet. Foto: Johannes Bodwing
Die älteste Takenplatte im Haus Saargau trägt die Jahreszahl 1634 und die Lilien der Bourbonen. Foto: Johannes Bodwing
Ein Bauern- und Duftgarten wurde hinter dem Haus in Gisingen angelegt. Foto: Johannes Bodwing
Ein Bett, das zu kurz zum Schlafen erscheint, dazu eine Wiege und Spinnrad aus früheren Zeiten: Ein Blick in eine der Wohnstuben des bäuerlichen Kleinmuseums im Lothringerhaus. Foto: Johannes Bodwing

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