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Mit der dramatischen Kraft ihrer Worte

Mit der dramatischen Kraft ihrer Worte

Saarwellingen. Fast alle Wege auf dem Saarwellinger Campus Nobel führen - symbolisch gesehen - nach Stockholm. Denn die meisten Straßennamen auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik, das heute nach dem Chemiker und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel benannt ist, erinnern an Personen, die in der schwedischen Hauptstadt Nobelpreise erhielten

Saarwellingen. Fast alle Wege auf dem Saarwellinger Campus Nobel führen - symbolisch gesehen - nach Stockholm. Denn die meisten Straßennamen auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik, das heute nach dem Chemiker und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel benannt ist, erinnern an Personen, die in der schwedischen Hauptstadt Nobelpreise erhielten.Die einzige Frau unter den honorigen Straßen-Paten des Viertels ist die deutsch-jüdische Schriftstellerin Nelly Sachs, die den Preis des Stifters Nobel 1966 erhielt.

2005 beschloss der Saarwellinger Bauausschuss die Benennung des Nelly-Sachs-Wegs, sagt Stefan Becker vom Bauamt der Gemeinde. Karl-Josef Dennemärker vom Liegenschaftsamt ergänzt die Begründung: Neben männlichen Preisträgern wie Max Planck oder Albert Schweitzer sollte auch eine ausgezeichnete Dame qua Straßenschild zu Ehren kommen.

Den Nobelpreis für Literatur erhielt Nelly Sachs für die dramatische Kraft ihrer Worte, mit denen sie in ergreifender Eindringlichkeit gegen das Unfassbare anschrieb. Die Kraft, ihr persönliches Schicksal zu ertragen, verließ die Lyrikerin am 12. Mai 1970.

Fast 79 Jahre zuvor - am 10. Dezember 1891 - wurde Leonie Sachs in Schöneberg als einziges Kind einer großbürgerlich-jüdischen Familie geboren. Erste Gedichte schrieb die stets kränkliche Tochter mit 17 Jahren. Der erste Gedichtband der Unverheirateten erschien 1921. Im Berlin der Zwischenkriegszeit begann der Schicksalsweg der Jüdin. Nach dem Tod des Vaters und der Verfolgung durch die Gestapo konnten Mutter und Tochter 1940 aus Nazi-Deutschland nach Schweden fliehen - vor einem bevorstehenden Abtransport in ein Konzentrationslager.

Ab 1943 verfasste Nelly Sachs, die sich als Wäscherin und Übersetzerin verdingte, ihre dramatische Literatur über das Grauen des Holocaust. In "Wohnungen des Todes" oder "Die Leiden Israels" legte sie die Kraft, die ihr im Leben zunehmend fehlte. Zwar veröffentlichte sie nach dem Tod der geliebten Mutter noch preisgekrönte Literatur, lebte aber in ärmlicher Isolation und wurde psychisch krank.

1966 nahm die entkräftete Autorin den Nobelpreis entgegen - das Preisgeld verschenkte sie. Nach ihren letzten Jahren in einer Nervenklinik erlag Nelly Sachs einem Krebsleiden. Begraben ist sie auf dem jüdischen Friedhof in Stockholm.

Auf einen Blick

Wegweisende Frauen wie Nelly Sachs, die wir in dieser SZ-Serie vorgestellt haben, sind im Landkreis Saarlouis gegenüber männlichen Straßenpaten zwar deutlich in der Minderheit. Doch durch heiligen Beistand erhöht sich die magere Frauenquote auf Straßenschildern beträchtlich.

Kreisweit erinnern nämlich viele Straßen oder Wege an weibliche Heilige wie Barbara, Maria, Cäcilia oder Odilie, Luise oder Anna. Ihre Vornamen kommen auf Straßenschildern etwa in Saarlouis, Wallerfangen, Dillingen, Schwalbach, Bous oder in Schmelz vor. kes

Hintergrund

Nelly Sachs Foto: SZ.

Zu Nelly Sachs gibt es noch kein Straßenschild. Vorgesehen ist, auf dem Campus Nobel in Saarwellingen eine Straße nach der deutsch-jüdischen Schriftstellerin zu benennen. Allerdings liegt sie in einem Teil des Neubaugebietes, das noch nicht fertig erschlossen ist, genauer gesagt, die Straße befindet sich derzeit erst im Vorstufenausbau und hat daher noch kein entsprechendes Hinweisschild. Deshalb hat die SZ entschieden, ein Foto der Schriftstellerin abzudrucken. hth