Quellheiligtum Keltischer Sirona vertrauten auch die Römer

Ihn · Bis heute schimmert das heilige Wasser in der römischen Sandsteinfassung. Immer noch ein Geheimtipp für Touristen.

 Das Tempelchen gehörte zu einem Gutshof. Dessen Fundamente sind gut zu erkennen. Der Einzugsbereich des Heiligtums für die Heilungsgötter Sirona und Apollo war größer, wohl die ganze Region.

Das Tempelchen gehörte zu einem Gutshof. Dessen Fundamente sind gut zu erkennen. Der Einzugsbereich des Heiligtums für die Heilungsgötter Sirona und Apollo war größer, wohl die ganze Region.

Foto: Johannes A. Bodwing

Wem galt vor etwa 1700 Jahren der religiöse Kult am Sudelfels bei Ihn? Dieses gallo-römische Quellheiligtum wird zwar Sirona zugeschrieben, der Göttin für Fruchtbarkeit und Heilkunde, aber Inschriften auf Funden betonen vor allem Apollo, den Gott von Licht und Poesie.

Eine Göttin alleine genügte nicht. Im Quellheiligtum bei Ihn wurden neben Sirona unter anderen auch die römischen Götter Apollo und Merkur verehrt. Die gallo-römische Stätte am so genannten Sudelfels bei dem Wallerfanger Ortsteil Ihn zählte der Archäologe und Denkmalpfleger Andrei Miron 1994 „zweifelsohne zu den wichtigsten, wissenschaftlich aussagekräftigsten Kultplätzen der Römischen Kaiserzeit im Saarland“.

Aber wer ist diese Sirona eigentlich? Sie wurde häufig an Heilquellen verehrt, ist jedoch bislang ausschließlich aus Inschriften bekannt. Sie findet sich in keiner antiken Schriftquelle und hat keine eigene Geschichte. Genannt wurde sie häufig im Zusammenhang mit Apollo, dem Gott von Licht und Poesie. Bei Ihn gefundene Inschriften verweisen auf eingehaltene Versprechen und Gelübde. „Der Göttin Sirona“, heißt es da. „Die Silvinier Adiutor und Iubnianus haben ihr Versprechen gern und nach Verdienst eingelöst.“ Eine andere Schrift stammt von einem Sklaven und lautet: „Für Merkur und Rosmerta. Messor, der Freigelassene des Canus.“

Sironas Name wird gedeutet als erhabener und großer Stern, aber auch als Kalbin oder Färse. Dargestellt wird sie mit Traube und Ähre, oder wie in Ihn mit einer Schlange in den Händen. Sie dürfte im Zusammenhang stehen mit Fruchtbarkeit und Heilung. Inschriften zu Sirona gibt es von Rumänien über Österreich und Deutschland bis nach Frankreich. Häufig wird sie zusammen mit Apollo erwähnt. In Ihn ist sie auch als Einzelgottheit vertreten.

Das Sirona zugeschriebene Quellheiligtum bei Ihn bestand vom 2. bis zum 5. Jahrhundert und wurde dann aufgegeben. Dies überschneidet sich grob mit dem Ende der Besiedlung im „Vicus Contiomagus“ im heutigen Pachten. Schon 1850 erwähnte der für die Geschichte des Saarlouiser und Dillinger Raumes bedeutsame Pfarrer Philipp Schmitt römische Überreste bei Ihn.

Ins Blickfeld der Archäologen kam die Anlage ab 1903. Anlass war der Bau einer Wasserleitung für Nied­altdorf. Unter Zeitdruck führte das Provinzialmuseum Trier jedoch nur eine flüchtige Untersuchung durch. Die eigentliche Freilegung erfolgte in den Jahren 1980 bis 1984 unter Leitung von Hermann Maisant.

Ab 1988 führte der Landkreis in Abstimmung mit dem Landeskonservatoramt Sicherungsarbeiten durch und den Wiederaufbau einzelner Gebäudeteile.

An einem besonderen Platz liegt diese Kultstätte. Denn am westlichen Hang des Hirnberges tritt kalkhaltiges Wasser aus. Wasserführende und wasserabweisende Schichten treiben an dem Hang Grundwasser an die Oberfläche – daher auch der Name Sudelfels für das Quellheiligtum.

Über Jahrtausende hinweg entstand durch Verdunstung ein poröser Kalktuff. Solche Orte wurden häufig mit besonderen Eigenschaften oder Gottheiten in Verbindung gebracht. Der Baustoff für Gebäude und Skulpturen wiederum findet sich nicht weit entfernt in Form von festem Voltziensandsteins sowie Muschelkalk.

Ohne Hangbewuchs dürfte vom südlichen Teil der Anlage aus ein herrlicher Blick in das Tal des Ihner Baches bestanden haben. Hier oben liegen Reste eines Wohn- und Badetraktes.

Ein interessantes Detail darin ist die Fußbodenheizung. Sie gehörte vermutlich zu einem Wohn- und Schlafraum. Dazu ist der Boden auf niedrigen Pfeilern aus Ziegelstein aufgebaut. Durch den so geschaffenen Hohlraum strömte Luft, die ein außerhalb liegender Brennofen erhitzte. Im Norden des Komplexes lag vermutlich ein Wirtschaftsgebäude. Der Verlauf seiner Grundmauern ist im Gras erkennbar gemacht.

Reste von vier Tempelgebäuden weist die Kultstätte auf. Sie liegen zwischen Wirtschaftsgebäude und Wohntrakt vor den östlich angrenzenden Feldern. Dazu gehören von Nord nach Süd ein kleiner quadratischer sowie ein größerer rechteckiger Bau, ein kleiner achteckiger Tempel und die Brunnenanlage mit sechseckiger Einfassung. Dieser Brunnen wird als Quellheiligtum der Sirona gedeutet. Das Wasser kommt aus einer nahen wasserführenden Schicht und fließt noch heute durch die sechseckige Brunneneinfassung.

Diese Einfassung ist aus einem kompakten Sandsteinblock gehauen. Zumindest im Jahre 267 wurde sie über eine Holzleitung gespeist. Den Brunnen umgab vermutlich eine kniehohe Umrandung. In der standen sechs Säulen, die womöglich ein spitz zulaufendes Dach trugen. Dieses ist heute mit einem dünnen Metalldach angedeutet.

Das Quellheiligtum bei Ihn wird verschiedentlich als Tempelanlage eines Gutshofes gedeutet. Die Archäologin Dr. Barbara Ames-Adler geht jedoch von einem größeren Einzugsgebiet aus. Das zeigten schon „die rund 700 Münzen, die dort gefunden wurden“. Sie decken einen Zeitraum von mehr als 450 Jahren ab. Rechne man die Opfermünzen hinzu, die im Laufe der Zeit verschwunden sind, „war das sicher keine kleine Anlage“, vermutet Ames-Adler.

Der Komplex entstand in mehreren Phasen. Im frühen 1. Jahrhundert waren der Sironabrunnen da, der Achtecktempel und vermutlich der Rechteckbau daneben. Später folgten der kleine quadratische Tempel sowie Gutshof und Wirtschaftsgebäude. Nicht nur die Größe der Anlage und die Zahl der Münzfunde machen einen größeren Einzugsbereich wahrscheinlich. Das Umfeld war zu römischen Zeit nicht gerade dünn besiedelt. In Pachten lag eine dörfliche Siedlung mit an die 2000 Einwohnern. Stattliche Villen wurden beispielsweise im nahen Niedaltdorf und bei Altforweiler gefunden.

Außergewöhnlich ist eine 1984 im Zentrum des Heiligtums gefundene Glasschale. In ihrem Boden befindet sich ein als Medaillon eingeschliffener Kopf. Als Herstellungsort werden Zentren wie beispielsweise Trier, Mainz oder Köln vermutet.

Aber ginge es nach den gefundenen Inschriften, müsste die Stätte als Quellheiligtum des Apollo bezeichnet werden. Darauf verwies Hiltrud Merten bei ihrer fachlichen Auswertung der Funde. Denn von 13 Inschriften sind rund die Hälfe Apollo gewidmet, nur drei der Sirona.

Das Quellheiligtum ist frei zugänglich von einem Parkplatz an der L  354 zwischen Ihn und Niedaltdorf.