Gedenken an die Synagoge: Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Kultur

Gedenken an die Synagoge : Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Kultur

Zum 125. Jahrestag der Wallerfanger Synagoge wurde an das ehemals rege jüdische Leben in der Gemeinde erinnert.

Wenige Jahre Terrorherrschaft genügten, um das Jahrhunderte alte jüdische Leben in Wallerfangen zu beseitigen. Geblieben ist die ehemalige Synagoge, die vor 125 Jahren eingeweiht wurde. Daran erinnerte die Neuapostolische Gemeinde am Sonntagabend mit einer Feierstunde. Rund 50 Vertreter des öffentlichen Lebens, von Kirchen und Politik nahmen daran teil. Darunter Eugen von Boch, Nachfahre der Synagogen-Erbauer. Die Ehrengäste begrüßte Pascal Strobel, Bischof der Neuapostolischen Gemeinde. Ein Trio mit Violinen und Klavier verlieh dem Abend die angemessene wehmütige Atmosphäre.

Erste jüdische Bewohner kamen wohl schon im 17. Jahrhundert nach Wallerfangen. Sie schlossen Lücken in der Bevölkerung, die der 30-Jährige Krieg gerissen hatte. „Von Christen erbaut“, stellte Reiner Schütte zur erhalten gebliebenen Synagoge dar. Der ehemalige neuapostolische Priester schilderte anhand eines alten Artikels vom 3. März 1893 die Einweihung am 24./25. Februar desselben Jahres. „In einem Festzug wurden die Thora-Rollen aus der alten Synagoge in die neue gebracht.“ Viele Wallerfanger Vereine beteiligten sich, Fenster von Häusern waren geschmückt, ein Feuerwerk betonte das besondere Ereignis. Villeroy & Boch hatte die Synagoge in der heutigen Gartenstraße errichten lassen. Als Ersatz für das alte baufällig gewordene Gebäude im Ortsinnern, wo das Unternehmen seine Steingutfabrik erweiterte. Mit den neuen Machthabern kam 1935 nicht nur das Aus für die Synagoge. Nun begann die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in Wallerfangen, wovon sich diese Religionsgemeinschaft bis heute nicht mehr erholt hat.

Auf der Grundlage einer historischen Zusammenfassung des verstorbenen Dr. Hans Neis wurde das Schicksal jüdischer Einwohner exemplarisch dargestellt. Moses Kahn schaffte es, nach Amerika auszuwandern, berichtete Katja Schulz. Die Spuren seiner Frau und Tochter jedoch verlieren sich in Konzentrations- oder Sammellagern. An die „Giedelcha“, drei Frauen, erinnerte Elfriede Bickelmann. Die wurden nach 1935 gemieden, weil sie Jüdinnen waren. Eine von ihnen, Rosalie Feiner, starb 1938 in Wallerfangen. Die beiden anderen wurden zum Kriegsanfang bei der ersten Evakuierung der Wallerfanger in Alfeld festgenommen und in Lager verschleppt. Die 79-jährige Gertrud Hanau kam im Konzentrations-Sammellager Theresienstadt ums Leben. Das Schicksal der 1902 geborenen Clementine Feiner ist unbekannt. Ebenso das von Selma Schömann. Sie wurde in Berlin festgenommen, schilderte Angela Schmitz. In einem Durchgangslager bei Lublin verliert sich ihre Spur.

Die Wallerfanger Synagoge bei der Einweihung im Februar 1893. Foto: NAK

Dieses Geschehen werfe einen „Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Kultur“, mahnte Erika Hügel, Vorstandsvorsitzende der Repräsentanz der Synagogengemeinde Saar. Ein hoffnungsvolles Zeichen sei deshalb die „geradezu wundersame Geschichte“ der Synagoge. Von Christen erbaut, von Juden genutzt und schließlich von der Neuapostolischen Gemeinde vor dem Abriss bewahrt und dauerhaft erhalten. 1950 pachtete die Neuapostolische Gemeinde das kleine Gotteshaus, gab Stefan Eidinger einen kurzen Überblick der neueren Entwicklung. 1956 erfolgte der Kauf, seit 1990 ist das Gebäude denkmalgeschützt. 2016 fand der letzte Gottesdienst der Neuapostolischen Gemeinde statt. Inzwischen wird das Gebäude für Veranstaltungen genutzt.