Aus einer Stimme wird Stimmung

Wallerfangen. Alfred Gulden hat seit 1994 keine Mundartgedichte mehr geschrieben. Da war seine Mutter gestorben. Ihr Rodener "Platt" ist ihm "Muttersprache". Seit ihrem Tod hat er alle seine Werke in Hochdeutsch verfasst. Eine Ausnahme ist das Langgedicht "Schinnen" für die im Frühjahr beim Gollenstein-Verlag zu Guldens 65

Wallerfangen. Alfred Gulden hat seit 1994 keine Mundartgedichte mehr geschrieben. Da war seine Mutter gestorben. Ihr Rodener "Platt" ist ihm "Muttersprache". Seit ihrem Tod hat er alle seine Werke in Hochdeutsch verfasst. Eine Ausnahme ist das Langgedicht "Schinnen" für die im Frühjahr beim Gollenstein-Verlag zu Guldens 65. Geburtstag erschienene Sammlung seiner Mundartgedichte aus über 30 Jahren.

Zu dem schönen Gedichtband, illustriert mit Schwarz-Weiß-Fotos, die der Autor aus dem fahrenden Zug zwischen Saarlouis und Saarbrücken aufgenommen hatte, ist jetzt ein Hörbuch erschienen. Gulden hat es in seiner Wohnung in Salmshaus beim Wallerfanger Schloss produziert und vertreibt die Doppel-CD selbst.

"Der Dialekt geht vom Mund zum Ohr", sagt der studierte Phonetiker, Sprech-, nicht Sprachwissenschaftler. "Deshalb gefällt mir so gut, wenn man sagt: vortragen."

Gulden ist ein begnadeter Vortragender der eigenen Werke. Wer ihn je bei einer Lesung ("ein Moment der Kreativität") erlebt hat, weiß, wie virtuos er Tempo, Stimmlage, Lautstärke und Emotionen von Trauer bis schalkhafter Freude, von Verlassenheit bis Wut im Vortrag variiert.

Entsprechend viel ist auf dem neuen Dialektgedichtehörbuch zu hören. Gulden erkennt im Dialekt eine "Gleichwertigkeit von Geschichten und Wörtern". So bekommen die einzelnen Wörter mit dem Klang Bedeutung. Noch das Kuriose hat seine Würde, wie der "Dauwenkulla" und der "Koowenpitt", zwei der Gestalten im Guldenschen Mikrokosmos.

Nicht zuletzt sind die CDs eine Hilfe. Denn auch wer die Mundartgedichte laut liest, tut sich schwer. Da fällt Gulden ein: "Es gibt nichts schöneres als ein Kind, wenn es aus Buchstaben Worte und Erkenntnis macht. Dieser Moment des Erkennens ist das Größte, was Sprache leisten kann."

Im Dialekt ist Lebensgeschichte konserviert, die entdeckt werden kann oder wie ein Echo durchdringt. "Ich höre meine Mutter", sagt Gulden. "Wer hört, kann die Augen schließen, und sich in etwas hineinversetzen. Aus einer Stimme wird eine Stimmung."

Nostalgie kommt überhaupt nicht in Frage. Gulden ist Reisender. "Die Sprache ist so ein unendlich weites Stück. Ich habe heute wieder gedacht: Ich hab so viel vor."

Auf einen Blick

Der Gedichtband "Hennam Baandamm"(über 200 Seiten) und das gleichnamige Hörbuch (zwei CDs, 150 Minuten) sind zum Preis von jeweils 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. gal

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