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Wie Hebammen in Saarlouis und Wadgassen in der Corona-Krise arbeiten

In der Corona-Krise : Besuch im Wochenbett mit Mundschutz

Hebammen arbeiten in der Corona-Krise zwischen Freude und den Ängsten junger Mütter, zwischen Online-Kurs und eigener Betreuungsnot.

„Insgesamt bleiben nun noch mehr Frauen unversorgt“, bedauert Hebamme Julia Bauer. Denn schon vor der Corona-Krise fanden viele werdende Mütter keine Hebamme mehr zur Geburtsbegleitung oder zur Nachsorge im Wochenbett, mussten monatelang auf einen Kurs zur Rückbildung warten. Denn wegen hoher Versicherungsprämien mussten Dutzende Hebammen im Saarland in den vergangenen Jahren ihre Arbeit aufgeben. Die Krise bringt nun neue finanzielle Schwierigkeiten mit sich, weiß Bauer: „Kurse brechen weg, aber Raummiete oder Praxiskosten müssen trotzdem bezahlt werden.“

Inzwischen hat der GKV (Bund der Krankenkassen) auch Online-Vorsorgen erlaubt. Einiges kann Julia Bauer nun über Videotelefonie erledigen: „Aber zum Beispiel bei einem Erstgespräch lernt man sich nicht richtig kennen“, findet sie, „und normal stehen wir ja in engem Kontakt zu den Frauen.“

Mit ihrer Kollegin Tamara Theisinger betreibt Bauer das Hebammenhaus Saar in Wadgassen; sie betreuen Schwangere und Wöchnerinnen in den Kreisen Saarlouis und Merzig-Wadern. Neben der Schwangerschaftsvorsorge und der Wochenbettbetreuung gehören Stillberatung, aber auch Kurse zur Geburtsvorbereitung oder Rückbildung zum festen Angebot. Einen Vorbereitungskurs führt Bauer nun online weiter: „Aber manche Frauen wollen das auch nicht, die direkte Rückmeldung fehlt einfach.“

Hausbesuche, „vor allem bei frisch Entbundenen täglich notwendig“, hält sie so selten und kurz wie nötig. Die Angst vor einer Ansteckung steht auf beiden Seiten. „Aber die Haltung beim Stillen korrigieren oder den Bauch abtasten, das geht nicht über den Bildschirm“, sagt die Hebamme. Den Säugling fasst sie möglichst nicht an. Das Arbeiten sei insgesamt „nun doch sehr anders“, zieht sie Bilanz.

Deutlich weniger Hausbesuche, sich dabei auf das Nötigste beschränken, so hält es auch die freiberufliche Hebamme Nadine Bastong. Video-Anrufe fangen den wegfallenden persönlichen Kontakt nur zum Teil auf, findet sie: „Ein Vorgespräch oder Fragen beantworten kann man so mal machen. Stillberatung zur Not auch, wenn man die Frauen schon eine Weile begleitet. Aber in der Regel muss man sich das vor Ort ansehen.“

Ihr Arbeitsalltag hat sich deutlich verändert: „Ich rufe vorher an, erkläre die Sicherheitsvorkehrungen. Zu den Frauen gehe ich dann quasi verkleidet“, berichtet die Saarlouiserin. Beim Hausbesuch selbst dürfen Vater und Geschwister derzeit nicht dabei sein. „Dabei ist es eigentlich unsere Aufgabe, sie miteinzubeziehen“, bedauert Bastong. Bauch abtasten, Fäden ziehen, Brustmassage – alles nur mit Handschuhen.

Wobei es an Schutzmaterial überall fehle: „Wir behelfen uns mit selbstgenähten Masken. Über Wochen gab es nichts an Schutzkleidung oder Desinfektion, weder über den Hebammenverband noch über Versand.“ Erkrankte eine ihrer Patientinnen, „könnte ich gar nicht mehr hin, mangels Ausstattung“, erklärt sie. Auch Medikamente seien zum Teil schwierig zu bekommen. „Für die Beschaffung von Arbeitsmaterial geht sehr viel Zeit drauf“, sagt die Hebamme, „Zeit, die für die eigentliche Arbeit fehlt.“

Alle Kurse musste sie mit der Ausgangsbeschränkung einstellen. Sie würde gerne online weitermachen, aber dafür fehlt im Home-Office mit vier eigenen Kindern schlicht die Zeit. „Es ist sehr schade für die Frauen“, bedauert die Hebamme. „Frauen, die jetzt schwanger sind oder entbunden haben, denen fehlt einfach vieles, auch der Austausch untereinander.“

Bei den werdenden Müttern stellt sie zudem „eine große Verunsicherung“ fest: „Es gibt sehr viele Fragen zu Corona, Ängste, manche haben vor der Entbindung eine regelrechte Panik.“ Alleine im Kreißsaal – ein Horrorszenario für viele Schwangere, weiß Bastong. „Ich erlebe derzeit, dass die Frauen so schnell wie möglich mit dem Baby nach Hause wollen. Das Problem ist aber, dass sie keine Nachsorge-Hebamme finden.“ Schon vor Corona habe sie jeden Monat Dutzenden Frauen eine Absage erteilen müssen.

Kollegin Bauer ist einige der wenigen Hebammen im Saarland, die noch Hausgeburten begleiten. Die Nachfrage sei deutlich gestiegen: „Die Anfragen werden mehr. Viele Frauen sind beunruhigt, haben Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Aber das sollte nicht der Beweggrund sein.“ Bauer erlebt viele Schwangere nun ängstlich: „Wie ist das jetzt in der Klinik, wer darf mit, was ist bei Kaiserschnitt, wann darf ich heim? Das sind häufige Fragen.“

Julia Bauer (rechts) und Tamara Theisinger betreiben die Praxis Hebammenhaus Saar in Wadgassen. Wegen Corona läuft auch dort vieles anders. Foto: Bauer
Die Hebamme Nadine Bastong aus Saarlouis kann Hausbesuche derzeit nur mit selbstgenähtem Mundschutz und Handschuhen machen. Schutzmaterial, aber auch manche Medikamente seien schwer zu beschaffen, sagt sie. Foto: J. Bastong

Ängste ausräumen, Sorgen besprechen – all das nehme nun mehr Zeit in Anspruch, erfährt sie. Gleichzeitig muss sich die Wallerfangerin mehr um ihre zwei eigenen Kinder kümmern, da die Betreuung wegfalle – „ein Riesenspagat“, sagt sie. „Es ist eine sehr angespannte, emotionale Situation. Wir hoffen alle, dass es bald vorbei ist.“