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Musikvreine
Wer groß anfängt, kann nicht größer werden

„Kleiner, kleiner“: Dirigent Stefan Weber mit Sarah Biewer.
„Kleiner, kleiner“: Dirigent Stefan Weber mit Sarah Biewer. FOTO: Ruppenthal
Wadgassen. Luxus à la Saarland: Der frühere Chefdirigent des Bundes­polizei­or­che­sters München bildet Dirigenten von Laienorchestern aus. Locker, abends, in einem Vereinsraum in Wadgassen. Ein Erlebnis schon beim Zuschauen. Von Johannes Werres

Muss man Musik hören? Man kann sie doch auch sehen. Stefan Weber ist ihr Medium. Er spielt die Partitur nicht nur wie ein höchst begabter Pantomime, er verkörpert die Musik. Jetzt steht er neben Björn Jakobs, der am Pult ein Blasorchester dirigiert. Das Orchester kommt aus dem Lautsprecher im Vereinsraum in der „Alten Abtei“ in Wadgassen.


Nach ein paar Minuten ein knappes: Ja. Weber lächelt. Jakobs hat die Übung bestens absolviert. Aber: „Die Blechbläser müssen geführt werden, die brauchen das.“ Und er stellt sich neben Jakobs, dirigiert energisch, wie ein Feldherr. „Geradeheraus. Bom, bom, bom.“ Und gleich darauf lächelt er gewinnend, seine Bewegungen werden weicher. „Die Holzbläser wollen lieblicher angesprochen werden.“ Und „Du lässt deine Hand fallen. Die Botschaft ist, dass du das Orchester fallen lässt. Das tun wir nicht. Wir stützen es.“ Stefan Weber nur zuzuschauen bereitet komödiantisches Vergnügen.

Vier Dirigenten, die zum Dirigenten-Kurs in die „Alte Abtei“ gekommen sind, sehen, was Weber meint, und verstehen es. Und sie wissen jede Minute mit ihm zu schätzen. „Er ist halt ein Profi. Wenn er dirigiert, sieht man die Musik“, sagt Uwe Renkes, 51, aus Hostenbach. Renkes spielt seit 40 Jahren Trompete und hat vor zwei Jahren angefangen, das Dirigieren zu lernen. Seit zwei Jahren bietet die kommunale Musikschule Wadgassen Dirigenten von Blasorchestern aus dem ganzen Saarland an, ihre Fähigkeiten zu vollenden. Jeden Montagabend.

Bei maximal einem halben Dutzend Dirigenten ist das fast Einzelunterricht bei einem Könner. Stefan Weber, Jahrgang 1964, war von 2002 bis 2015 Chefdirigent des Bundespolizeiorchesters München. Er stammt aus Tünsdorf, da wohnt er auch. Heute leitet er mehrere ambitionierte Laienorchester, unter anderem die Werkskapelle der Dillinger Hütter, die Harmonie Ommersheim, die Harmonie Gemeng Mamer in Luxemburg und den Musikverein Marktoberdorf im Allgäu. Und er bildet in Wadgassen Dirigenten aus. „Manche“, sagt einer von ihnen, der Anwalt Holger Jakobs aus Wadgassen, „kommen nicht her, weil sie sich nicht trauen“, und, er schmunzelt, „manche, weil sie sich für zu gut halten.“

Wie Uwe Renkes hat auch Sarah Biewer vor zwei Jahren bei Null angefangen zu dirigieren. Die heute 26-jährige Lehrerin für Deutsch und Ethik aus Haustadt leitet ein Schulorchester. Sie spielt selbst Querflöte. Jetzt steht sie am Pult des Vereinsraumes in der „Alten Abtei“ und dirigiert. Stefan Weber reißt es immer wieder vom Sitz. Keinen Zweifel lässt er daran, dass die junge Frau eine echte Begabung sei. Ihre Bewegungen fließend. Aber Weber: „Du machst alles mit dem ganzen Körper. Versuche, ihn ruhiger zu halten! Zeig uns, was du hören willst! Du musst mehr von der Partitur wegkommen. Du musst weg davon, dass du dich da durchschlägst.“ Klingt geschrieben härter als es Weber wirklich spricht. Er selbst sagt: „Mit Druck erreicht man beim Dirigieren nichts. Druck klingt nicht.“ Sarah Biewer fasst es genau so auf. Im dritten Satz zügelt sie sich deutlich. „Ich würde den Schluss gern anders zeigen, aber ich kann es noch nicht.“



Und dann hummeln sozusagen die Pauken aus dem Lautsprecher. „Klein, klein“, ruft Weber. Das sagt er heute Abend jedem Dirigenten. Zeigt es mit kleinen, fast wimmelnden Bewegungen. Er meint: Die Dirigenten breiten die Arme breit aus wie der Priester zum Segen. Viel zu ausladend. „Wenn du groß anfängst, kannst du nicht noch größer werden.“

„Es macht mir einfach Freude, Dirigenten für saarländische Orchester zu qualifizieren“, sagt Weber. „Ohne Druck. Theorie und Technik stehen bei mir auch nicht im Vordergrund. Ich möchte, dass jeder seinen eigenen Stil entwickelt und beibehält. Bloß nichts kopieren.“

Bedarf an Dirigenten habe das Saarland, sagt Weber. Die Ausbildung ist nicht einfach: als Lehrgang ein paar Tage beim Bund Saarländischer Musikvereine (BSM) oder langfristig als Teil eines Musikstudiums. Wer dirigieren lernen wolle, sagt Weber, brauche Musikalität, müsse ein Instrument spielen und Noten lesen können.

Etwas später am Abend in der „Alten Abtei“ zeigt sich, dass es noch mehr Voraussetzungen gibt. Feinmotorik, zum Beispiel. Taktübungen. Mit dem rechten und dem linken Arm unterschiedlich. Eins-zwo-drei-vier der eine Arm, eins-zwo-drei der andere. Das kombiniert Weber mit Atemübungen. Beim Dirigieren kann der rechte Arm den Takt anzeigen, der linke die, so nennt es Weber, Linie. Die Partitur sollte der Dirigent möglichst auswendig kennen, „er muss wissen, wo die Schwerpunkte liegen“. Aber was heißt er? Längst gibt es viele Dirigentinnen, Sarah Biewer ist da keine Exotin.

Ein guter Dirigent kann aus einem schlechten Orchester noch was machen, sagt Weber. Umgekehrt eher nicht. Und wieder an Björn Jakobs gewandt: „Nicht so schnell! Zu schnell, das ist wie das Salz in der Suppe. Wenn es mal drin ist, ist es drin. Raus kriegt man es nicht mehr.“

Taktübungen gekoppelt mit Atemübungen (von links): Uwe Renkes, Sarah Biewer, Holger Jakobs, Björn Jakobs, Stefan Weber.
Taktübungen gekoppelt mit Atemübungen (von links): Uwe Renkes, Sarah Biewer, Holger Jakobs, Björn Jakobs, Stefan Weber. FOTO: Ruppenthal