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Einblicke ins Wadgasser Innenleben
Trotz wenig Gewerbe gar nicht so schlecht

Hugo Kern stellt das Gemeindeentwicklungskonzept GEKO im Abteihof in Wadgasssen vor.
Hugo Kern stellt das Gemeindeentwicklungskonzept GEKO im Abteihof in Wadgasssen vor. FOTO: Ruppenthal
Wadgassen. Was soll aus Wadgassen werden? Die Antwort setzt voraus zu wissen, was Wadgassen heute ist. Den Blick von heute auf morgen wirft das GEKO, das Gemeindeentwicklungskonzept für Wadgassen. Von Johannes Werres

Wadgassen hat jetzt ein GEKO, ein Gemeindeentwicklungkonzept. Es entwickelt Leit-Empfehlungen für die Gemeindeentwicklung für die nächsten 15 Jahre. Viele Kommunen im Saarland haben ein GEKO. Die Leitlinien sollen mittelfristig Leitplanken der kommunalen Entscheidungen sein. Projekte, die im GEKO stehen, haben beste Aussichten, Fördergelder vom Land zu bekommen, erläuterte am Donnerstagabend Hugo Kern vom Institut kernplan. Was nicht mit einem GEKO in Einklang zu bringen sei, werde es da schwerer haben.


Das gilt zum Beispiel für weitere städtebauliche Schritte wie Integriertes städtebauliches Entwicklungs-Konzepte (ISEK). Oder für den spendablen EU-Topf LEADER für ländliche Regionen. Zur Leader-Region Warndt-Saargau gehören Werbeln, Differten und Friedrichweiler. Es geht beim GEKO also auch darum, Geld für Maßnahmen in den Ort zu leiten. 1,6 Millionen Euro für Maßnahmen auf der Wadgasser GEKO-Liste seien schon jetzt genehmigt, unterstrich Bürgermeister Sebastian Greiber bei der GEKO-Vorstellung.

Aber es geht nicht nur um Geld. Wer heute durch das zentrale Wadgassen fährt, wird merken, dass einiges fehlt: Die gute Stube des Ortes ist das nicht wirklich, außerdem fehlen Spielhallen, Bordelle und eine Drogerie. Darum zum Beispiel geht es im GEKO. Für ein Bordell ist (und bleibt) der Ort gerade so zu klein. Spielhallen dagegen könnten im Prinzip jederzeit überall genehmigt werden, wie Bürgermeister Sebastian Greiber sagte. Was aber keiner wolle. Juristisch sei es deswegen angezeigt, mögliche Standorte auszuweisen, damit Vergnügungsstätten nicht überall hin dürfen, sondern eben nur da. Ein generelles Nein nämlich sei nicht zulässig.



Also suchte man aus: einen im Prinzip unproblematischen Standort an der Wendelstraße und das Gewerbegebiet Sitters. Bei der GEKO-Präsentation protestierten Bürger dagegen. Vor allem solche, die ihre Wohnungen über ihren Betrieben haben. Noch am Abend deutete sich eine Lösung an: Das für Vergnügungsstätten mögliche Gebiet in Sitters wurde anders zugeschnitten.

Eine Drogerie könnte in die Lindenstraße kommen, ebenso wie ein hochwertiger Lebensmittelhändler. Das gehört, sagte Greiber, zur derzeitigen Weichenstellung, das Ortszentrum aufzuwerten. Über die Gespräche mit Grundstücksbesitzern und möglichen Investoren (auch an anderen Stellen) mochte Greiber nichts sagen, zumal im Bereich Einzelhandel eine Bedarfsanalyse noch fehle. Das sagte er auch den Bürgern, die bei der Präsentation warnten, dafür das Eichenwäldchen im Eck Provinzialstraße/Am Waldwinkel. Das GEKO empfiehlt diesen Standort ausdrücklich.


Rund 80 Bürgerinnen und Bürger folgten der Präsentation des GEKO
Rund 80 Bürgerinnen und Bürger folgten der Präsentation des GEKO FOTO: Gemeinde/Frank Villmen

Die Leitideen im GEKO Wadgassen entsprechen etwa denen, die für fast alle Saar-Kommunen gelten. Fast überall dieselbe Verkehrsproblematik, Arbeitsplätze und vor allem die Folgen der demographischen Entwicklung. Die Ableitungen bleiben eher allgemein, und sie unterscheiden sich wenig von dem, was Kommunalpolitiker ohnehin denken. Insofern ist der Begriff „Konzept“ irreführend. Das GEKO ist die Grundlage für künftige Konzepte.

Deswegen ist die gründliche Bestandsaufnahme, die kernplan im GEKO vorlegt, momentan das Aufschlussreichste. Seit 2006 hat Wadgassen rechnerisch die ganze Bevölkerung von Friedrichweiler verloren. Jedes Jahr rund 100 Menschen. Von 18 900 auf gut 18 000. Friedrichweiler und Differten verloren am meisten (7,6 und 7,5 Prozent). Nur Hostenbach legte um 0,3 Prozent zu; dort leben mit elf Prozent mehr Ausländer als im Wadgasser Schnitt von acht Prozent. In Hostenbach wurde in den vergangenen zehn Jahren auch am meisten neu gebaut.

Je nach Prognose geht die Wadgasser Bevölkerung bis 2030 auf bis zu 16 100 zurück. Die Gruppe der Älteren (65 bis 80 Jahre) wächst um ein Viertel.

Rechnet man nur Zugzüge und Abwanderungen gegeneinander, hat Wadgassen pro Jahr einen Überschuss von 26.

In 870 Häusern (14 Prozent) ist der jüngste Bewohner 70 Jahre alt. Der heutige Leerstand von etwa drei Prozent jedoch ist unauffällig.

Klar, dass die Versorgung der Älteren auf der Agenda steht. 149 Betten der Langzeit-, Kurzzeit- und Tagespflege gibt es, laut Landespflegeplan müssen es bis 2030 183 sein. Ungewöhnlich gut: 19 Ärzte, ein Hausarzt auf 1800 Einwohner.

Der demographische Wandel wirkt sich auf die Nutzung und Bezahlung der Infrastruktur aus. Auch auf die Immobilien. 2030 wird es in Wadgassen 530 Häuser zu viel geben. Trotzdem gibt es laut GEKO Wohnungsmangel: bis 2027 fehlen 300 Wohneinheiten, die selbst bei kompletter Bebauung der 155 Baulücken (vor allem in Differten und Schaffhausen) nicht erreicht würden.

Details am Rande: Mit durchschnittlich 113 Quadratmetern pro Haushalt haben die Wadgasser deutlich mehr Platz als der Saarland-Schnitt. Und 30 Prozent der Häuser wurden vor 1950 gebaut, 36 Prozent von 1950 bis 1969.

Wadgassen ist eine Wohngemeinde mit besonders vielen Einfamilienhäusern, dafür wenig Arbeitsplätzen. Es fehlt einfach Platz für größere Gewerbegebiete. 118 Arbeitsplätze pro 1000 Einwohner hat Wadgassen, extrem wenig: Bous zählt 290,Saarlouis ´gar 779.

Ganz problematisch die Gewerbesteuer. Sie schwankt ungewöhnlich stark. 2,9 Millionen Euro 2008, 5,6 Millionen 2011, dann unter eine Million, 2016 wieder 2,3 Millionen. Das ist wichtig, da auch Wadgassen erkennbar und immer mehr von den kommunalen (oder der Kommune zugewiesenen) Aufgaben überfordert wird. Die Schulden stiegen von 2006 auf 2016 von 6,8 auf 9,3 Millionen Euro; die Kassenkredite (Dispo) von zwölf auf 21 Millionen Euro.

Ein noch ungehobener Schatz Wadgassens: Das touristische Potential. Um es zu erschließen, müssten aber, so das GEKO, Gastronomie und Hotellerie „qualifiziert“ werden. Das fügt sich zu anderen positiven Standortfaktoren wie Einrichtungen für Kinder und Schüler. Der nähere Blick des GEKO zeigt ein Wadgassen, das als Wohngemeinde und im Engagement seiner Bürger Anziehungskraft entwickelt. Überlebenswichtig in Zeiten schrumpfender Bevölkerung.

Das GEKO mit allen Zahlen findet sich auf der Internetseite Wadgassen.de.