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Portrait von Josefine Klemens aus Friedrichweiler zum 100. Geburtstag

Leben ein Jahrhundert lang : Das Jahrhundert der Postmeisterin

Josefine Klemens aus Friedrichweiler wurde am Samstag 100 Jahre alt - aber die Feier musste ausfallen.

Für Friedrichweiler, den kleinsten und jüngsten Gemeindebezirk Wadgassens, hätte der Samstag ein ganz besonderer Tag werden sollen. Und zu normalen Zeiten hätten sich gewiss viele in die Schar jener eingereiht, die der ältesten Dorfbewohnerin, Josefine Klemens, Friedrichweilers Posthalterin von 1940 bis 1959, zur Vollendung ihres 100. Lebensjahres persönlich gratulieren wollten.

Doch der von der Familie vorbereitete Begegnungsnachmittag in der Dorfgaststätte musste aufgrund der Corona-Gefahrenlage abgesagt werden.

Zwar hatte sich „Fischers Fina“, wie Frau Klemens im Dorf genannt wird, lang im Voraus auf dieses Ereignis gefreut. Doch die bis ins Kleinste informierte Jubilarin ist nicht nur gänzlich auf der Höhe der Zeit und voll Verständnis für die strengen Vorsichtsmaßnahmen, sie zieht Parallelen und erinnert an Vergessenes: Als Friedrichweilers Posthalterin (1940-1959) war sie selbst Ende der Vierziger- und Anfang der Fünfzigerjahre wegen der damals weltweit grassierenden Kinderlähmung und Diphterie gehalten, auf strenge Vorkehrungen zu achten. Schüsseln mit Desinfektionslösungen am Schalter und getränkte Fußmatten sollten damals die Postkunden und ihre Dienstleister vor der Seuche schützen.

Doch bevor in den Erinnerungen der betagten Dame mit dem großartigen Gedächtnis die weitaus bedrückenderen Bilder eines ganzen „Saarhunderts“ zur Sprache kommen, zeigt sie mit gewinnendem Lächeln im Familienalbum auf die prägenden Bilder der Jugend: Sechs Jahre alt ist sie, als die Dorfkirche St. Franziskus eingeweiht wird und sie zur Garde der Ehrenmädchen gehört.

Josefine Fischer wird am 28. März 1920 als jüngstes der sieben Kinder von Johann und Anna Maria Fischer, geb. Roth, geboren. An diesem Tag ist das nach dem 1. Weltkrieg vom Völkerbund gegründete Saargebiet gerade mal 66 Tage alt. Ein europäisches Projekt für einen im Frieden geeinten Kontinent hätte ihr Heimatland werden sollen. Doch in dem Jahr, in dem Josefine Fischer 19 wird, bricht der zweite große Krieg des Jahrhunderts aus. Im Familienalbum ist nicht nur der ungewisse Tag der Evakuierung aus der Roten Zone am 1. September 1939 dokumentiert, es enthält auch die beklemmenden Fotos von der zerschossenen Dorfkirche und den zerstörten Wohn- und Bauernhäusern.

Und so sieht der Blick auf die Kirche St. Franziskus in Friedrichweiler heute aus. Foto: Hartmuth Kastner
Friedrichweiler 1934, wie Josefine Klemens es als Jugendliche aus ihrem Fenster gesehen hat. Foto: Repro Hartmuth Kastner

Da ist aber auch das Bild des kleinen Stücks vom großen Glück: Mitten im Krieg, 1943, führt Hans Klemens aus Differten (1919-2003) während eines viertägigen Fronturlaubs seine Josefine zum Traualter. 1947 kehrt er aus englischer Gefangenschaft zurück. Im gleichen Jahr kommt Tochter Rosemarie zur Welt, 1951 folgt Sohn Bernhard. Inzwischen ist der Familienkreis um zwei Enkelsöhne, eine Enkelin und eine Urenkelin erweitert. Die Jubilarin lebt weitgehend selbstständig im neueren Teil von „Fischers Haus“. Einem Komplex, der gut 200 Jahre alt ist und zu den ältesten Häusern des Dorfes gehört, das in fünf Jahren seinen 300. Geburtstag feiern wird – mehr als ein Drittel davon hat Josefine Klemens erlebt.