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Modekrankheit oder Ernst?"Kein Modell für die Nachfolgegeneration"

Modekrankheit oder Ernst?"Kein Modell für die Nachfolgegeneration"

Kreis Saarlouis. Karin Stullgys aus Dillingen hat oft Kopfschmerzen. Vor der Arbeit, während der Arbeit - und auch, wenn sie längst wieder zu Hause auf dem Sofa sitzt. "Mein Mann sagt, das kommt von zu viel Stress", sagt sie. Überstunden kämen zwar schon mal vor, ja. "Aber es kann ja auch am Wetter liegen, es ist so grau draußen

Kreis Saarlouis. Karin Stullgys aus Dillingen hat oft Kopfschmerzen. Vor der Arbeit, während der Arbeit - und auch, wenn sie längst wieder zu Hause auf dem Sofa sitzt. "Mein Mann sagt, das kommt von zu viel Stress", sagt sie. Überstunden kämen zwar schon mal vor, ja. "Aber es kann ja auch am Wetter liegen, es ist so grau draußen." Sie arbeitet als Sekretärin in Dillingen.

Laut dem Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sehen sich 52 Prozent der befragten Deutschen unter Termin- und Leistungsdruck. Der Begriff "Burnout" taucht immer wieder auf in Meldungen hinter dem Namen Prominenter, in Porträts und Interviews mit warnenden Therapeuten.

Manfred Gorny dagegen hält Burnout für eine Modekrankheit. "Früher hatte es niemand - heute haben es alle", sagt der 53-Jährige aus Steinbach. Das glaubt auch Petra Rupp aus Saarlouis. "Plötzlich hat jeder in meinem Bekanntenkreis Probleme mit Burnout-Symptomen", sagt sie. "Ist ja auch klar: Wenn es überall steht, liest es jeder und ist dann gleich überzeugt, das auch zu haben."

Astrid Schaar aus Wadgassen hat im vergangenen Jahr drei Wochen Urlaub genommen, weil sie Angst vor einem Burnout hatte. "Ich habe gespürt, dass da etwas mit mir nicht stimmt. Meine Leistungsfähigkeit hat extrem nachgelassen, ich war dauernd müde und genervt", sagt sie. "Da wollte ich einfach die Notbremse ziehen."

Da sie selbstständig ist, war es nur eine finanzielle Frage, ob sie einmal drei Wochen aussetzen kann. "Ob ich als Angestellte einen Krankenschein bekommen hätte, weiß ich nicht", sagt Schaar. Laut Betriebskrankenkassen sind Krankheitstage aufgrund von Burnout-Syndrom innerhalb der vergangenen acht Jahre um das 18-fache gestiegen, auch im Saarland gibt es offenbar immer mehr seelisch Kranke.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Betroffenen nur simulieren", sagt Thomas Maas aus Hülzweiler. "Seit wann ist es denn modern, Schwäche zu zeigen? Wer das Gefühl hat, dass die Arbeit einen zu sehr fertig macht - was dank ständiger Erreichbarkeit durch Smartphones heute schneller erreicht ist als früher - der soll sich Hilfe suchen."

Auch Psychologen raten, die Anzeichen ernst zu nehmen, wenn sie häufiger auftauchen: Kopfschmerzen, Trägheit, Müdigkeit und Vergesslichkeit können nicht nur Begleiterscheinungen des grauen Wetters sein, sondern auch erste Symptome für zu viel Stress.Herr Dr. Schwickerath, der "Stress-Report" beschreibt eine seit Jahren anhaltende hohe Belastung Berufstätiger, die als Stress erlebt wird. Können Sie eine solche Beobachtung aus Ihrer Arbeit bestätigen?

Schwickerath: Ja, das kann ich. Wir behandeln zunehmend mehr Patienten, die mit Problemen am Arbeitsplatz zu uns kommen, seien es Patienten mit einem burn-out oder mit psychischen Problemen aufgrund von Mobbing. Hintergrund ist ein anhaltender Stress am Arbeitsplatz. Auch das Thema eines Ausstiegs in Richtung Rente ist bei diesen Patienten auf der Tagesordnung.

Was genau macht negativ erlebten Stress am Arbeitsplatz aus?

Schwickerath: Zwei Merkmale sorgen dafür, dass negativer Stress entsteht. Wenn ein Arbeitnehmer nur einen sehr engen Handlungsspielraum hat, also wenig Einfluss besitzt, ständig nachfragen muss, was er tun darf und was nicht und gleichzeitig sehr hohe Anforderungen in der Arbeit erlebt, dann entsteht für den Betroffenen Stress. Es ist also nicht immer entscheidend, wie viele Arbeitsanforderungen zu leisten sind. Es ist bedeutsam, welche Möglichkeiten jemand hat, mit diesen Anforderungen zurecht zu kommen.Ein zweiter Aspekt, dass ein Arbeitnehmer unter negativen Stress gerät, besteht darin, dass er für seine Arbeit nur eine geringe Belohnung erhält. Dabei geht es nicht einmal um das Geld, das er verdient. Es ist auch die Anerkennung und Achtung gemeint. Ein Arbeitnehmer, der sich sehr anstrengt und keine Anerkennung erlebt, wird sehr viel schneller unzufrieden und Stress empfinden, vor allem den negativen Stress. Dies kann letztlich zur Krankheit führen. Ob der Einzelne nun an dieser Situation etwas ändern kann, hängt somit ganz entscheidend davon ab, wie die Vorgesetzten oder die Leitung eines Unternehmens mit ihm umgehen.

Warum wirkt sich Dauerstress gerade jetzt so deutlich aus: in Klagen darüber, aber auch in Form von Krankmeldung und Frühverrentung?

Schwickerath: Die Arbeitsverdichtung wird höher, in immer weniger Zeit soll mehr Leistung erbracht werden. Auch teilweise unsinnige Kontrollen in Form von übertriebenem Qualitätsmanagement schaffen mehr Probleme als damit gelöst werden. Der steigende Arbeitsdruck, geringer Einfluss auf die Arbeit, fehlende Anerkennung, nicht souveräne Führungskräfte verschärfen die Arbeitssituation. Der Arbeitnehmer sieht sich einer Situation gegenüber, mit der er nicht mehr fertig wird.

Wie wirkt sich Dauerstress Berufstätiger auf die kommende Generation, die Kinder, aus? Wachsen sie da rein? Übernehmen sie die Muster?

Schwickerath: Diese Art der Arbeit oder besser der Stressbelastung ist kein Modell für die nachfolgende Generation. Ein Teil wird dies übernehmen und so weitermachen, ein anderer Teil wird sich dem verweigern oder nicht mehr mitkommen. Die Perspektive, sich langfristig zu verausgaben ist für viele nicht reizvoll. Die Schere zwischen den Arbeitsfähigen oder den Arbeitswilligen und den Leistungsverweigerern wird größer werden.

Kann man sagen, wie sich Dauerstress im Beruf auf das Alter auswirkt?

Schwickerath: Der Druck, mithalten zu wollen oder gar zu müssen, nimmt zu und schafft bei den Betroffenen eine hohe Anspannung, was zur Chronifizierung seinen Teil beiträgt. Ob sie den wohlverdienten Ruhestand erreichen und genießen können, bleibt fraglich.

Wenn Sie Menschen, die sich unter Dauerstress gesetzt fühlen, nur einen hilfreichen Tipp geben könnten: Welcher wäre das?

Schwickerath: Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens, aber nicht alles. Es gibt auch noch den Bereich der Familie oder der persönlichen Beziehungen und vor allem die Freizeit. Kümmern Sie sich auch darum. Es kommt auf die richtige Mischung, auf eine sinnvolle Ausgewogenheit an. Foto: Klinik

"Früher hatte es niemand - heute haben es alle."

 In der AHG-Klinik Berus werden viele Patienten behandelt, die unter Stress oder Mobbing leiden. Foto: Thomas Seeber
In der AHG-Klinik Berus werden viele Patienten behandelt, die unter Stress oder Mobbing leiden. Foto: Thomas Seeber
 Viele Arbeitnehmer fühlen sich heute gestresst und überfordert. Foto: Schierenbeck/dpa
Viele Arbeitnehmer fühlen sich heute gestresst und überfordert. Foto: Schierenbeck/dpa
 In der AHG-Klinik Berus werden viele Patienten behandelt, die unter Stress oder Mobbing leiden. Foto: Thomas Seeber
In der AHG-Klinik Berus werden viele Patienten behandelt, die unter Stress oder Mobbing leiden. Foto: Thomas Seeber

Manfred Gorny aus Steinbach über Burnout