1. Saarland
  2. Saarlouis
  3. Wadgassen

Mit einem U-Boot-Angriff rechnete niemand

Mit einem U-Boot-Angriff rechnete niemand

Lebach. Auch nach 66 Jahren erinnert sich Dr. Waldemar Terres aus Lebach noch genau an die Katastrophe vom 30. Januar 1945 in der Ostsee. Bei dem Untergang der Wilhelm Gustloff kamen 9343 Menschen ums Leben. Terres, Jahrgang 1923, hatte sich 1941 freiwillig zur Marine gemeldet. Der junge Mann aus Wadgassen hatte gerade Abitur gemacht und studierte Medizin

Lebach. Auch nach 66 Jahren erinnert sich Dr. Waldemar Terres aus Lebach noch genau an die Katastrophe vom 30. Januar 1945 in der Ostsee. Bei dem Untergang der Wilhelm Gustloff kamen 9343 Menschen ums Leben. Terres, Jahrgang 1923, hatte sich 1941 freiwillig zur Marine gemeldet. Der junge Mann aus Wadgassen hatte gerade Abitur gemacht und studierte Medizin. Sein erstes Einsatzschiff war der Sperrbrecher Weißer Sonntag, eine Art Minensuchboot. Von dort ging es auf U-Boote in Gotenhafen, dem heutigen Gdingen. "Die Gustloff war unser Wohnschiff." Am 21. Januar erhielt die Gustloff den Befehl, U-Boot-Besatzungen, Verwundete und Flüchtlinge aufzunehmen. Tausende drängten sich auf das Schiff. Tage zuvor hatte eine Offensive der russischen Armee begonnen, durch die die deutsche Ostfront zusammenbrach. Hunderttausende flohen.Waldemar Terres war am besagten 30. Januar abkommandiert, die Registrierung auf dem Schiff zu überwachen. Abends hatte er als letzter "Einschiffungsoffizier" von 20 bis 21 Uhr Dienst. "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie groß die Not der Menschen war, was sie schon alles erlebt hatten, bis sie zu uns kamen." Sie kamen von weit her, zu Fuß, hatte Kinderwagen bei sich. Mütter mit kleinen Kindern sollten zuerst aufs Schiff aufgenommen werden. Bis zum Dienstschluss hatte Terres 8796 Personen registriert, es herrschte aber großes Gedränge, so dass letztendlich mit 11 000 Menschen an Bord die Gustloff mehr als überbelegt gewesen sei.

Auf dem Schiff sei alles ruhig gewesen. Mittags war noch vor eventuellen Luftangriffen gewarnt worden. Mit einem Angriff durch ein U-Boot habe niemand gerechnet. "Ich war gerade auf meinem Zimmer, als um 21.10 der erste Torpedo einschlug." Zwei weitere folgten. Auf dem Schiff herrschte ein unvorstellbares Chaos. Das Licht war ausgefallen. Menschen irrten umher, viele hatten keine Schwimmwesten, Kinder verloren ihre Mütter. "Mein Glück war, dass ich mich auf dem Schiff ausgekannt habe, auch lag mein Zimmer im oberen Bereich auf dem Promenadendeck." Innerhalb von zehn Minuten sank die Gustloff. Terres konnte sich in ein so genanntes Baumwollfloß retten, das 24 Mann aufnehmen konnte. Doch er musste in das drei Grad kalte Wasser springen. Die Außentemperatur betrug minus 18 Grad. Der Torpedozerstörer "Löwe", der das Schiff begleitete, konnte 5000 bis 6000 Menschen aufnehmen. Um 0.30 Uhr kletterte auch Waldemar Terres an Bord, er war gerettet. Mit dem Schiff ging es nach Saßnitz auf Rügen. Von dort mussten sie noch gut eine halbe Stunde zu Fuß durch den Schnee zu einem Aufnahmelagen marschieren. "Das war eigentlich noch schlimmer als auf dem Wasser." Sie hatten nichts als die (nassen) Kleider auf dem Leib. "Ich habe so fürchterlich wie nie in meinem Leben gefroren." Und die Kaserne war nicht auf sie vorbereitet.

Von Saßnitz kam Waldemar Terres nach Bremen, wo er Richtung Heimat floh. Zu seinem Elternhaus in Wadgassen hatte er keinen Kontakt. Seine Eltern wohnten auf der linken Saarseite, das war Sperrgebiet.

 Waldemar Terres überlebte den Untergang der Wilhelm Gustloff. Foto: Thomas Seeber
Waldemar Terres überlebte den Untergang der Wilhelm Gustloff. Foto: Thomas Seeber

1956 kam Waldemar Terres nach Lebach. Er ließ sich dort als Hals-Nasen-Ohren-Arzt nieder. Bis vor 27 Jahren praktizierte er in der Jabacher Straße, wo er heute noch wohnt.