Mahnmal für Opfer des NS in Wadgassen übergeben

Gedenken : „Nur ein Gedenkort, der polarisiert, hält auch wach“

Ein Mahnmal, das polarisiert: In Wadgassen wurde das Kernstück des „Gedenkortes Spurker Friedhof“ eröffnet. Es erlaubt den Durchblick auf ganz unterschiedliche Opfer der NS-Politik ebenso wie auf Unrecht heute.

Das neue Mahnmal gegen das Unrecht in Wadgassen ist am Sonntag der Öffentlichkeit übergeben worden. Mit dieser Erinnerungsstele werde „der Opfer des unseligen NS-Regimes gedacht, der Verfolgten, der Verschleppten, der Geschundenen und Ermordeten“, sagte in einer bewegenden Rede Erika Hügel von der Synagogengemeinde Saar.

„Immer wieder hört man, dass es nun einmal genug sein müsse mit den Gedanken und dem Gedenken an die Verbrechen vergangener Zeiten. Doch das geht nicht, weil man keinen Teil einer Vergangenheit herauslösen und beiseite legen kann“, sagte sie. Frage man, wo damals wohl das Mitgefühl „unserer Mitmenschen geblieben ist, so gibt es nur eine Antwort: Es war bequemer, aber vielleicht sicherer wegzusehen.“ Vielleicht auch „aus Furcht vor der damaligen Obrigkeit.“

Das zeige die „Zerbrechlichkeit unserer Kultur“, unterstrich Hügel. „Daher muss unser Blick geschärft werden auf erste Anzeichen des Abgleitens unserer Gesellschaft in Unkultur. Unsere Aufmerksamkeit muss wach gehalten werden, wenn es darum geht, mühsam erworbenes Kulturgut zu erhalten und zu pflegen.“ Dazu gehöre auch Wachsamkeit gegenüber der „Obrigkeit“.

Das Mahnmal besteht aus zwei Teilen. Im Zentrum steht eine 5,5 Meter hohe, in den Boden gerammte, zwei Meter breite Stele aus Cortenstahl. Die eine Seite der Stele ist den Deportierten, Ermordeten und Vertriebenen aus der Gemeinde gewidmet, wie sich aus der deutschen und der hebräischen, aus dem Stahl gefrästen Inschrift ergibt. Man kann so durch den rostbraunen Stahl hindurchschauen.

Bildhauer MIchael-Wilhelm Kasakow. Foto: Ruppenthal

Die andere Seite ist den Zwangsarbeitern in Wadgassen gewidmet. In sieben Muttersprachen der Zwangsarbeiter in der NS-Zeit steht der Satz: „Für die in unserer Gemeinde internierten Zwangsarbeiter“. Das Mahnmal ist eine Arbeit des Fraulauterner Bildhauers Wilhelm-Michael Kasakow.

Aus Material von der Herstellung der Stele wurden zudem Buchstaben gestaltet, die auf einen kleinen Basaltsockel gesetzt und mit einem Glasaufsatz versehen wurden. Diese Miniatur-Mahnmale sollen im Laufe der Zeit in die Länder, dort in die Orte, gebracht werden, aus denen besonders viele Wadgasser Zwangsarbeiter stammten.

Wer am Mahnmal vor der Seite für die Zwangsarbeiter steht und durch die Buchstaben schaut, blickt auf das alte Friedhofshäuschen aus der Zeit kurz nach 1900. Darin befinden sich zwei bewusst nicht restaurierte kleine Räume. In ihnen soll das Gedenken fortgesetzt werden mittels kleiner Installationen. Sie befassen sich mit Unrecht, das sich Menschen antun, bis heute. Diese Installationen können also das Mahnmal aktualisieren. Das ist durchaus innovativ, vor allem in Verbindung mit den Soldatengräbern, die auf der Sichtachse durch das Mahnmal hindurch in entgegengesetzter Richtung liegen. Sie gehören samt einem eigenen Mahnmal, das ebenfalls Kasakow geschaffen hat, zum „Gedenkort Spurker Friedhof“.

Bleiben noch Koffer und Wäschesäcke aus Eifler Basaltlava zu beiden Seiten der Stele. Sie symbolisieren den hastigen Aufbruch fast ohne Hab und Gut, der die einen aus Wadgassen in Ungewissheit und Tod zwang, die anderen zu Ungewissheit und Zwangsarbeit nach Wadgassen hinein. Ein Koffer wird vom Stahl in zwei Teile zerschnitten, er steht für die Brutalität des Trennens durch den Staat.

Das Mahnmal sei „ein Teil der Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung, Zwangsarbeit und Ermordung“, sagte Bürgermeister Sebastian Greiber, auf den die Initiative zurückgeht. Der erste Schritt zur Aufarbeitung der Geschichte und der Einzelschicksale der Opfer in Wadgassen sei getan, „26 830 Tage nach Kriegsende“ werde der Opfer von Hass, Rassismus und Antisemitismus gedacht. Heute gebe es „wieder Kräfte, die Hass, Rassismus und Antisemitismus schüren.“

Diese Form von Mahnmal polarisiere, räumte Greiber ein. „Und das ist genau richtig. Denn nur ein Gedenkort, der auch polarisiert, hält auch wach.“ Das Leid aller, der an diesem Ort gedacht werde, auch das der Gefallenen, habe den gleichen Ursprung: „Politik, die Ressentiments und Angst schürt.“

Am Gedenkort Spurker Friedhof „werden die unterschiedlichen Folgen für die Opfer als Erinnerungskultur erstmals zusammengeführt und stehen auch auf Sichtweite im Kontext zueinander“, sagte Greiber, der zudem den privaten Spendern dankte, die einen großen Teil der Kosten bezahlt haben.

Schüler der Zehnerklasse der Bisttalschule Bous/Wadgassen mit ihrem stellvertretenden Schulleiter Ralf Frank fragten Kasakow zu der Stele. Basalt, sagte er, habe er für die Koffer gewählt, weil das Gestein „laut“ bei einem Vulkanausbruch entstanden sei, nicht „leise“ wie Kalk oder Sandstein, der sich langsam in Meeren abgesetzt habe.

Im Friedhofshäuschen zeigt eine Installation hastig zusammen geschobener alter Alltagsgegenstände ein universales Bild eines hastigen Aufbruchs. Dazu flüstern kaum identifizierbare Alltagsgeräusche, wie ein fernes Erinnern an die Heimat im Kopf. Geschaffen haben die Installation Studentinnen der Hochschule der Bildenden Künste Saar.

Pastor Peter Leick und Pfarrerin Andrea Lermen begleiteten die Übergabe mit einem Gebet. Lermen erzählte, wie der Zweite Weltkrieg Wunden in ihre Familie geschlagen habe, wie dies unzähligen anderen Familien auch ergangen sei. „Das lebt in der Seele der Familie weiter.“

Die Übergabe begleiteten musikalisch Björn Heimann (Klavier) und Johanna Tometten (Querflöte).

Namen finden sich auf dem Mahnmal übrigens nicht. Es würden immer noch neue recherchiert, sagte Greiber. Den aktuellen Stand kann man per Handy über einen QR-Code am Mahnmal abfragen oder direkt im Internet unter www.gedenkort.wadgassen.de

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