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Gedenkstätte in Wadgassen
Diese Blicke gehen selbst durch Stahl

Die Stahlstele auf dem Spurker Friedhof wird aufgestellt.
Die Stahlstele auf dem Spurker Friedhof wird aufgestellt. FOTO: Ruppenthal
Wadgassen. Ein Gedenk-Ort gegen das Unrecht entsteht in Wadgassen, wie es keinen vergleichbaren im Saarland gibt. Jetzt wurde die zentrale Stele auf dem Spurker Friedhof aufgestellt. Von Johannes Werres

Es lässt den unvorbereiteten Besucher stocken, still und zugleich spektakulär, wie er da steht. Ein fast sechs Meter hoher Keil aus Corten-Stahl, eingerammt in den Boden wie ein Ausrufezeichen. Am Wochenende wurde er auf dem Spurker Friedhof in Wadgassen aufgestellt. Die rostfarbene Skulptur wird zentrales Element eines Mahnmals der Gemeinde, das mit vollem Recht nicht bloß Mahnmal, sondern Gedenk-Ort Spurker Friedhof heißen wird. Ein „Mahnmal gegen das Unrecht“.


Wer vor dieser Skulptur steht, blickt drauf und durch. In acht Sprachen steht dort „Für die in unserer Gemeinde internierten Zwangsarbeiter“. Exakt im Rücken hat man, erklärt Bürgermeister Sebastian Greiber, die früheren Röchling Werke und das frühere Wadgasser Eisenwerk: Wo Zwangsarbeiter im Dritten Reich eingesetzt oder untergebracht waren. An den Fuß werden noch Koffer und ein paar Habseligkeiten gestellt, gefertigt aus schwarzem Basalt. Zeichen eines hastigen, erzwungenen Aufbruchs, der aus halb Europa nach Wadgassen führte. Die Buchstaben der Schrift sind aus dem dicken Stahl ausgesägt. So kann man durch sie hindurch schauen. Man blickt auf Soldatengräber des Zweiten, dahinter des Ersten Weltkrieges. 1000 Soldaten aus Wadgassen starben in den beiden Kriegen, 77 sind hier bestattet. Grabkerzen zeigen an, dass ihrer in den Familien noch gedacht wird. Sie bilden an diesem Gedenk-Ort den Hintergrund des Leides, das wird hier nicht ausgeblendet.

Man sieht von hier aus durch die Buchstaben auch die beiden vor zwei Jahren aufgestellten Basaltblöcke. Der eine trägt sie Aufschrift 1914 1918, der andere 1939 1945. Es sind die Mahnmale für die gefallenen Soldaten. Oben tragen die Steine so viele kleine Wunden wie es Kriegsjahre gab. Als dafür Löcher gebohrt wurden, sei Basalt ausgebrochen, erklärt Greiber. Er wurde mit rotem Muranoglas gefüllt: wie eine Blutspur, unheilbar. Die Materialien des Ortes, kohlenschwarzer Basalt, Glas und Stahl, sind die Grundierung der Wadgasser Geschichte und damit auch des Unrechtes, das hier thematisiert wird.



Zurück wieder vor der Stele, nun von der anderen Seite. Am Fuß werden auch an dieser Seite Habseligkeiten aus Basalt stehen. Darüber wird der Vertreibung aus der Heimat gedacht, der Wadgasser, die ihre Heimat verlassen und gehen mussten, meist in den Tod. Gewidmet den Vertriebenen, Ermordeten und Deportierten. Die Inschrift auf Hebräisch zeigt klar an, dass damit vor allem jüdischer Wadgasser gedacht wird.

Auf der Stahl-Stele finden sich keine Namen und keine Jahreszahlen. Die Namen kann finden, wer mit dem Handy zwei zentral angebrachten QR-Codes abgreift. Schließlich kämen immer wieder neue Namen dazu, sagt Greiber. Der eigentliche Grund für das Fehlen von Namen und Jahreszahlen auf der Stele aber ist die Entgrenzung. Katastrophales Unrecht am Menschen, Mord, Flucht, Vertreibung, endeten nicht mit dem Dritten Reich.

Das wird dem Besucher klar, ohne dass es gesagt werden müsste. Schaut er nun durch die ausgesägten Buchstaben, blickt er direkt in das frühere Friedhofshäuschen, das um 1900 erbaut wurde. Das Haus fängt zunächst den Gedanken auf: die einen wurden gezwungen zu gehen, ihre Häuser zu verlassen, die anderen zu kommen. Das kleine Gebäude ist verlassen, die Fenster geborsten, die Fliesen am Boden abgebrochen. Das bleibt so. Solche Behausung ist kein Zuhause. In den beiden Räumchen wird zunächst eine Installation von Studenten der Hochschule für Bildende Künste (HBK) untergebracht. Es wird eine Küche, wie plötzlich verlassen. Vom Eingangsraum durch Stacheldraht getrennt. An diesem Ort, sagt Greiber, können sich Besucher mit konkreten Themen des Mahnmals auseinandersetzen.

Die beiden Mahnmale aus Stahl und aus Basalt schuf der Fraulauterner Steinbildhauer Wilhelm-Michael Kosakow. Die Gemeinde habe mehrere Künstler um Entwürfe gebeten, sagt Greiber, der von Kosakow habe ihn überzeugt. Beide Mahnmale seien mehr oder weniger komplett aus Spenden aus Wadgassen finanziert worden. Die Installation sei von der HBK mit wenigen hundert Euro veranschlagt.

 Der Gedenkort insgesamt werde gut 40 000 Euro kosten, erklärt Greiber. Dem Konzept selbst hat der Gemeinderat zugestimmt. Kritisiert wird er dagegen anhaltend vom früheren Beigeordneten der Gemeinde, Günter Schott. Was ihn stört: Es sei ein „multifunktionales Denkmal“. Er sagt: „Mir lieber wäre ein Denkmal für die hiesigen jüdischen Bürger, Kranke, Behinderte, Widerstandskämpfer, die alle ermordet wurden, wie auch für die Zwangsarbeiter, ähnlich dem Denkmal für unsere Kriegstoten.“ Wichtig wäre ihm, die einzelnen Namen dieser Opfer des NS-Regimes aus Wadgassen aufzuführen. Schüler sollten deren Biografien erarbeiten.

Zustimmung dagegen findet das Konzept laut Greiber beim Vorsitzenden der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann. Bei einem Besuch im Rathaus habe er seine Teilnahme an der Übergabe des Gedenkortes an die Öffentlichkeit zugesagt. Das wird am 21. Oktober, 11.30 Uhr, sein.