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Zeitungsmuseum in Wadgassen
Die neuesten Nachrichten werden niemals alt

Von einem Extrem zum anderen: Roger Münch zeigt Figuren mit politischer Tagespresse aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von links außen bis rechts außen. Neben ihm senkrechte Schubladen mit weiteren Originalzeitungen.
Von einem Extrem zum anderen: Roger Münch zeigt Figuren mit politischer Tagespresse aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von links außen bis rechts außen. Neben ihm senkrechte Schubladen mit weiteren Originalzeitungen. FOTO: Ruppenthal
Wadgassen. Ohne die typische stickige Luft eines Archivs kommt das Deutsche Zeitungsmuseum in Wadgassen aus. Luftig die Präsentation der Herstellung und der Bedeutung von Zeitungen: auf Büttenpapier ebenso wie digital. Von Johannes Werres

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, sagte man früher gern. Der Spruch gehört selbst ins Museum, denn kaum einer benutzt ihn noch. In Wadgassen lässt sich leicht studieren, dass dieser Spruch von sellemols ohnehin nie stimmte. Was damit anfängt, dass im Deutschen Zeitungsmuseum etwas gesammelt wird, was älter ist als die Zeitung von gestern: nämlich die aus dem vergangenen Jahrhundert, dem vorvergangenen und dem davor. Das ist das Herz, der Schatz dieses Museums, das sich DZM abkürzt. Vergleichbar in Deutschland ist allenfalls das Internationale Zeitungsmuseum in Aachen.


Alte Zeitungen sind eine Fundgrube neuer Erkenntnisse. Siehe da, das wegwerfende Wörtchen alt wechselt die Farbe und meint nun wertvoll. Vor allem wertvoll für Wissenschaftler und Leute, die sich politisch und historisch interessieren.

Es ist kein riesiger Bestand, der gebunden im Archiv des Museums steht oder in säurefreien dunklen Kartons aufbewahrt wird, aber einer mit Gehalt. Rund 4000 Exponate, bei den Zeitungen bis 1962, sind es. Der Zeitungswissenschaftler Martin Welke hat das meiste davon zusammengetragen. Welke plant seit Langem ein eigenes Zeitungsmuseum in Süddeutschland.



1998 kam der frühere Welke-Bestand als Schenkung der Saarbrücker Zeitung in die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. In deren Trägerschaft wurde das DZM 2004 im einzigen erhaltenen größeren Gebäude der Prämonstratenser-Abtei Wadgassen eröffnet. Der dreiflügelige Barockbau, ein früheres Wirtschaftsgebäude, ist eine – darf man sagen – Augenweide.

Die übrigen Abteigebäude wurden seit der Französischen Revolution 1789 Schritt für Schritt abgerissen. Auf dem Gelände entstand im 19. Jahrhundert die Cristallerie, eine bedeutende Glasbläserei. Deren wenige Restgebäude sind heute in das Outlet-Center Myland integriert, gleich gegenüber dem DZM. Ein bisschen, nicht viel, profitiere das DZM von dieser Lage, sagt DZM-Direktor Roger Münch.

Im Erdgeschoss des Gebäudes weitere Bestände: Man begegnet dort nicht nur den Jahrgängen des Spiegel, der Quick, des Punch, sondern, tatsächlich und ordentlich gebunden, auch der Bravo. Ausgewählte Zeitschriften zu sammeln, ist ein Schwerpunkt von Münch. Einen Ankaufsetat hat er nicht, aber gelegentlich finanzieren Sponsoren neue Exponate, und es gibt vermehrt Schenkungen, sagt Münch.

Von alledem bekommt der Museumsbesucher nur dann etwas zu sehen, wenn er danach fragt. Studenten etwa, die forschen. Die Dauerausstellung des Museums selbst hält ausgewählte Zeitungs-Exponate nur sehr zurückhaltend bereit. Überflutet wird hier kein Besucher, der die Räume zur Geschichte der Zeitung bis 1962 durchstreift. Oder die Räume zur Drucktechnik, in denen mehrere große funktionsfähige Druckmaschinen stehen. Da liegt der Schwerpunkt des DZM.

Eine andere alte Wahrheit meldet sich im Zeitungsmuseum zu Wort, und die stimmt auch nur bedingt, wenn man sie wörtlich nimmt: Papier ist geduldig. Wohl wahr. Aber Papier, wie es seit Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt wird, zerfällt mit der Zeit. Denn die chemische Zusammensetzung dieses Papiers setzt Säuren frei, die das Material zerstören. Papier aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert also ist wirklich geduldig, es hielt Jahrhunderte und hält noch weitere. Die Geduld des moderneren Papiers aber hat Grenzen.

Niemand hat damit ein größeres Problem als ein Zeitungsarchiv. Was macht Münch dagegen? „Nichts“, sagt er. Zeitungen sind vergänglich. Und überhaupt, er sucht gar nicht nach dem makellosen Exemplar. „Wenn ich eine Zeitung aus dem Ersten Weltkrieg präsentiere, wäre es doch widersinnig, wenn die aussähe wie frisch aus der Druckerpresse. Man darf ihr ruhig ansehen, dass sie gelesen wurde.“

Man kann durch die Räume des Museums spazieren und sich inspirieren lassen. Einzelne Zeitungsseiten in senkrecht angebrachten Schubladen herausziehen und studieren. Oder die kleinen Raum-Ensembles auf sich wirken lassen: Zum Beispiel die sechs schemenhaften Figuren mit den hochpolitisierten Tageszeitungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der „Roten Fahne“ ganz links und dem „Völkischen Beobachter“ ganz rechts. Oder ein kleines Wohnzimmer, wie es irgendwann nach 1950 überall eingerichtet war – ein hoher Wiedererkennungswert bei Älteren ist da garantiert.

Man kann sich aber auch einer Führung anschließen, die meist Studenten anbieten. Fest angestellt sind in dem Museum sechs Fachleute. Sie stellen auch die Exponate selbst her. Die werden gebraucht für die bis zu vier Wechselausstellungen im Jahr. Publikumslieblinge waren da Luther, „Tatort Dallas“ in Erinnerung an das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy oder 50 Jahre Bravo. Anderes richtet sich mehr an Kenner: Karikaturen-Ausstellungen oder der Blick auf Arbeiten des isländischen Dokumentarfotografen Ragnar Axelsson. Hinzu kommen Schlaglichter auf aktuelle Themen wie Fußball. Alles immer verbunden mit der Presse.

Das DZM sieht seinen Zweck indes gar nicht darin, seine Bestände vorzuführen. „Wir sind“, sagt Münch, „kein historisches Museum, kein Kunstmuseum, sondern ein Technikmuseum. Das DZM profiliert sich vor allem als außerschulischer Lernort. Meine Hauptzielgruppe sind junge Leute und Familien.“ Denen bietet das DZM an, zu Workshops, wie Papierherstellung, zu kommen, Geheimschriften zu mixen, in der Druckerei mit alten Setzkästen zu experimentieren. Angeboten wird das für Kinder ab drei Jahren oder für Schulklassen bis Stufe zwölf. Auch Kindergeburtstage kann man hier feiern.

Das führt zum jüngsten Zweig des DZM, den Münch ausbaut. „Zeitung lesen stirbt ja nicht aus. Zeitung lesen heißt aber nicht notwendig, auf Papier zu lesen. Worauf man liest, ist doch egal.“ Und so gibt es Workshops zum digitalen Zeitunglesen, zur Frage, wie dort Informationen entstehen oder dass Fake News nun wirklich nichts Neues sind. Einige Gruppen haben dieses Angebot schon ausprobiert. Münch will es weiterentwickeln. Auch das Museum selbst hält Schritt mit der Technologie. So bietet es immer wieder eigene Apps an.

Münch sagt, er sei gerne in Wadgassen, auch wenn das abseits der größeren Städte Saarbrücken oder Saarlouis liegt. Das hat aber seinen Preis. Deutsches Zeitungsmuseum heißt die Einrichtung, aber von den  im Schnitt 18  000 Besuchern jedes Jahr kommen „nur etwa drei Prozent“ nicht aus dem Saarland, so Direktor Roger Münch.

Alle paar Jahre, schlägt Münch vor, könnten die sechs Museen der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz ein gemeinsames Oberthema kreieren, zu dem jede einzelne Einrichtung auf ihre Weise beitrüge. Was sicher der Aufmerksamkeit für jedes einzelne dieser Museen zugute käme.

Serie Museen im Saarland: Die SZ stellt in den nächsten Monaten jeweils wöchentlich ein saarländisches Museum vor. Teil 1: Interview mit Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und Präsident des Saarländischen Museumsverbandes (6. Juni), Teil 2: Roland Mönig und die Moderne Galerie (13. Juni), Teil 3: Ludwig-Galerie Saarlouis (20. Juni), Teil 4: Das St. Wendeler Museum im Mia Münster Haus (27. Juni), Teil 5: Uhrenmuseum in Köllerbach (4. Juli), Teil 6: Historisches Museum Saarbrücken (11. Juli), Teil 7: Das Römermusuem in Schwarzenacker (18. Juli), Teil 8: Saarland-Museum, Museum für Vor- und Frühgeschichte (25. Juli), Teil 9: Das Zeitungsmuseum in Wadgassen.
Teil 10: Museum für dörfliche Alltagskultur in Rubenheim (8. August).

Das Zeitungsmuseum in Wadgassen besitzt mehrere funktionsfähige alte Druckmaschinen.
Das Zeitungsmuseum in Wadgassen besitzt mehrere funktionsfähige alte Druckmaschinen. FOTO: Ruppenthal
Das Museum schlägt die Brücke zwischen Informationsvermittlung auf Papier und in digitalen Medien – hier ausgedrückt in Plakaten.
Das Museum schlägt die Brücke zwischen Informationsvermittlung auf Papier und in digitalen Medien – hier ausgedrückt in Plakaten. FOTO: Ruppenthal
Hier sind Zeitungen und Zeitschriften archiviert: in dunklen, säurefreien Kartons.
Hier sind Zeitungen und Zeitschriften archiviert: in dunklen, säurefreien Kartons. FOTO: Ruppenthal