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950 Jahre Differten: Die Mischung macht Differten zur Heimat

950 Jahre Differten : Die Mischung macht Differten zur Heimat

950 Jahre Differten: Eine lange Geschichte - attraktiv aber macht den Ort erst die Vielfalt der Gegenwart.

Differten, da besteht kein Zweifel, ist zuerst etwas, durch das man hindurch fährt. Der Name sagt es schon: Diefurt, Duffurde, Dyffurthe liest man in den mittelalterlichen Urkunden seit der ersten bekannten Erwähnung 1067. Bislang wurde das gedeutet als „tiefe Furt“, Differten als Ort,  an dem man die Bist durch eine tiefe Furt durchqueren konnte. Aber wer weiß, vielleicht kommt der Bestandteil „Di“ auch nicht von tief, sondern von „thio“, germanisch für Volk. Dann hieße Differten: Die öffentliche Furt. Einige Fachleute sehen das inzwischen so.

Und  passend, dass der bekannteste römische Fund aus Differten eine Statue ist, die 1893 beim Abriss der alten Kirche entdeckt wurde: Dargestellt ist Merkur - der Gott besonders der reisenden Kaufleute

Heute erstreckt sich Differten an der Straße von Wadgassen nach Überherrn. Bis vor kurzem hätte man auch mit Mühe keinen Ortsmittelpunkt entdecken können, ein Schicksal, das Differten mit vergleichbaren Straßendörfern teilt.

Seit aber die Gemeinde Wadgassen in das Ortsbild eingegriffen hat, ändert sich das. Im Vorfeld der Kirche wurde einiges abgerissen, es wurde nach Jahren der Planung 2009 bis 2015 Platz geschaffen für einen ungewöhnlichen Kreisel, der aussieht wie eine liegende Acht oder wie ein Knochen. Da entwickelt sich optisch ein Mittelpunkt.

Differten bekommt dort ein neues Gesicht. Das tut dem Ort auch deswegen gut, weil er städtebaulich fast gesichtslos ist mit seiner durchgehenden Bebauung vor allem des 20. Jahrhunderts. Die wenigen Besondeheiten liegen versteckt, zum Beispiel das heutige Grünflächenamt aus der MItte des 19. Jahrhunderts. Oder Wohnstraßen jenseits der alten Bahnstrecke mit direktem Zugang ins Grüne

Nur: Diese Beschreibung stimmt zwar, sie erfasst Differten aber nicht wirklich. Dem Ort selber kommt dies schon viel näher: Hallenbad mit einer sehr aktiven DLRG, Sauna mit großem Einzugsbereich, die Bisttalhalle, ein Tierpark, Kindergarten, Grundschule, ein ausgesprochen schönes Naturschutzgebiet, Tennisanlage, Reitmöglichkeiten, Radstrecken. Vereinsleben. Sozialstation und Demenz-Café. Das mächtige Vereinshaus am heutigen Kreisel, das dem Bistum Trier gehört.

In Differten ist das exklusive Möbelhaus Morschett beheimatet mit seinem großen Einzugsbereich, eine bekannte Hühnerfarm, das 1972 eröffnete Kalksandsteinwerk Schencking. Auch das eine städtebauliche Weichenstellung: die neue Werkszufahrt zu Schencking, fertig gestellt 2013, 400 Meter lang.Das brachte viel Ruhe, ebenso der Bau der B 269 neu. Der Lkw-Verkehr durch Differten  ist seitdem drastisch reduziert.

Und da ist das Restaurant Zum Fischweiher mit seinem gehobenen Angebot. Eine Vielzahl kleiner Betriebe und Geschäfte, die vor Ort versorgen und  vor Ort Arbeitsplätze bieten. Diese Mischung macht’s, und die macht Differten so schnell keiner nach. „Es ist die intensiv erlebte Heimat“, bringt es Stefan Lorson auf den Punkt; er ist Vorsitzender des Festausschusses für das 950-jährige Bestehen. Ähnlich hat es auch Petra Greiber erlebt, die mit ihrem Mann Sebastian (dem Bürgermeister von Wadgassen) und Kindern nach Differten zog. „Alles da. Und die Leute sind ungeheuer hilfsbereit.“ Alles da, findet auch Ortsvorsteher Erich Collet, „Es ist die Mischung aus Natur, Kultur und Lebensqualität.“

Fast 3500 Einwohner hat Differten heute, um die 4600 waren es in den 60er Jahren. Aus Differten gebürtig - vor genau 120 Jahren - war der Theologe und Jesuitenpater Peter Lorson, als Befürworter der europäischen Einigung seiner Zeit voraus. Aus Differten mit seinem Hallenbad und den Trainingsmöglichkeiten der DLRG kommt auch Thorsten Laurent, Weltmeister der Rettungsschwimmer. Und nicht zu vergessen: Hier spielt auch der bundesweit in Wettbewerben immer wieder ausgezeichnete Differter Saitenspielkreis.

Der Siedlungsplatz Differten ist zwar seit der Steinzeit bewohnt gewesen, die Römer waren da und vor 950 Jahren wurde der Ort - soweit bekannt - erstmals schriftlich erwähnt. Die Einwohner Differtens aber sind nicht die Nachfahren dieser Ur-Bevölkerung. Denn gerade Durchgangsorte wie Differten litten unter der plündernden Soldateska des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648). 1637 hat der letzte Einwohner Differten verlassen. Der Ort, seit Ende des 13. Jahrhunderts eigenständige Gemeinde, war aufgegeben.

Knapp ein halbes Jahrhundert später, 1684, lassen sich dort neue Siedler nieder. Der Fürst von Saarbrücken hat sie gerufen: Sie kommen aus Metz. Ihre Namen sind bis heute rekonstruierbar. Ahr und Robinet zum Beispiel. Das gilt auch für weitere Bauern und Handwerker, sie kamen: aus Tirol, Oberösterreich, der Steiermark, der Ostschweiz: Die Nachfahren heißen bis heute zum Beispiel Amann, Mohr, Mang, Rupp, Fritz, wie die Autoren der Festschrift zu 950 Jahren Differten anführen.

 Das  katholische Jugendheim, 1930 eingeweiht, heute das Vereinshaus in Differten: Immer noch ein Treffpunkt
Das  katholische Jugendheim, 1930 eingeweiht, heute das Vereinshaus in Differten: Immer noch ein Treffpunkt Foto: Stefan Lorson/STefan Lorson
 Alte Jagdschule, heute Grünflächenamt und Standesamt zum Heiraten: eine versteckte architektonische Kostbarkeit
Alte Jagdschule, heute Grünflächenamt und Standesamt zum Heiraten: eine versteckte architektonische Kostbarkeit Foto: rup
 Herrlich auch für Spaziergänger: Differter Naturschutzgebiet
Herrlich auch für Spaziergänger: Differter Naturschutzgebiet Foto: Ruppenthal
 Auf diesem undatierten Foto ist zu sehen, wie die Straße durch  Differten einen Unterbau bekommt.
Auf diesem undatierten Foto ist zu sehen, wie die Straße durch  Differten einen Unterbau bekommt. Foto: Ruppenthal
 Das  Denkmal für die Opfer der Weltkriege, errichtet 1926,  wird derzeit saniert.
Das  Denkmal für die Opfer der Weltkriege, errichtet 1926,  wird derzeit saniert. Foto: Ruppenthal

Erst 1936 wurde die Bürgermeisterei Differten in Amt Wadgassen umbenannt; Wadgassen existierte rechtlich lange nur als Abtei. Zu Differten kam 1809 auch Friedrichweiler. Seit 1974 gehört Differten zur Großgemeinde Wadgassen.