Chemieplattform Carling: Bürgerinitiative spricht von Gesundheitsgefahr

Nach Störfall im Carlinger Chemiewerk : Bürgerinitiative hält ausgetretene Chemikalie für äußerst giftig

Damit widerspricht der Verein „Saubere Luft für die Warndtgemeinden“ offiziellen Darstellungen. Gleichzeitig stellt er Forderungen an die Landesregierung.

Bei dem jüngsten Störfall in der grenznahen Chemiegroßanlage Carling sollen sehr wohl gesundheitsgefährdende Stoffe freigesetzt worden sein. Das nach Angaben des betroffenen Unternehmen Arkena entwichene Ethylacrylat sei „giftig beim Einatmen“. Und: „Vergiftungserscheinungen können auch erst Stunden später auftreten.“ Dabei bezieht sich der Verein „Saubere Luft für die Warndtgemeinden“ auf Expertenbewertungen der Chemikalie hinsichtlich ihrer Giftigkeit (Toxizität).

Deswegen bemängelt die Bürgerinitiative in einem der SZ vorliegenden offenen Brief ans saarländische Umweltministerium: „Die ersten Entwarnungen von Seiten der saarländischen Behörden kamen unserer Meinung dafür dann aber viel zu früh und vor dem Hintergrund der Toxizitätseinstufung des Kontaktgiftes Ethylacrylat völlig ungerechtfertigt.“

Darum fordern die Kritiker der lothringischen Chemieplattform „sofortige Maßnahmen“. So sollen seitens der Landesregierung Flugblätter an alle Haushalte zumindest in Lauterbach, Ludweiler, Überherrn, Wadgassen und Großrosseln verteilt werden, die Notrufnummern aufführen. Gleichzeitig müssten Bürger darin über Verhaltensregeln informiert werden, was im Fall einer Havarie in Carling zu tun ist.

Ständige Messungen zu Giftstoffen in der Luft verlangt der Verein im Warndt. Außerdem müssten sich europäische Gremien mit dem zuletzt nicht gemeldeten Störfall befassen. Die Saar-Regierung wird darüber hinaus dazu angehalten, grenzüberschreitende Notfallpläne zu überprüfen, ob sie den Erfordernissen überhaupt entsprechen. Letztlich wollen die Initiatoren des offenen Briefes wissen, wie Gesundheitsämter und Umweltmediziner die Gefahren durch die freigesetzte Chemikalie einschätzen.

Beim Störfall am Donnerstag, 17. Oktober, waren nach späteren Angaben des Carlinger Werkes an die 1000 Liter Ethylacrylat durch ein Leck bei Wartungsarbeiten verdampft. Menschen im angrenzenden Saarland alarmierten daraufhin wegen stechenden Geruchs Polizei und Feuerwehr. Es dauerte einen Tag, bis Verantwortliche der französischen Firma Arkema auf Druck der Öffentlichkeit über den Zwischenfall berichteten.

Die Bürgerinitiative „Saubere Luft“ mit Sitz in Wadgassen beklagt in ihrem Brief, dass erst fast zwei Stunden nach ersten Berichten über Übelkeit, Brechreiz und Kopfschmerzen durch den Gestank nach einem Notruf des Kindergartens im Völklinger Stadtteil Lauterbach Alarm ausgelöst worden sei. Die Feuerwehr habe sich mühsam selbst in Frankreich Klarheit über den freigesetzten Stoff verschaffen müssen. Die Informationspolitik von Lothringer Seite kritisierte auch Saar-Umweltminister Reinhold Jost (SPD) und kündigte an, deswegen eine Sondersitzung der grenzüberschreitenden Kommission zu beantragen.

In den vergangenen Jahren hatten Störfälle auf der Chemieplattform in Carling immer wieder für Geruchsbelästigung im Saarland gesorgt. Seitdem reißt die Kritik an dem Werk nicht ab. So zögen immer wieder Gerüche von dort über den Warndt bis nach Bous und Saarwellingen.

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