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Europasender
Was aus dem alten Sender werden könnte . . .

Die imposante Decke im Europasender Berus: Ein internationales Symposium beschäftigt sich mit dem Umgang mit leichten Schaltentragwerken (von links): Professor Werner Lorenz und Roland May von der Brandenburgischen Technischen Uni Cottbus-Senftenberg, Professor Bernard Espion, Université Libre de Bruxelles, Axel Böcker, saarländisches Kultusministerium und Bürgermeister Bernd Gillo
Die imposante Decke im Europasender Berus: Ein internationales Symposium beschäftigt sich mit dem Umgang mit leichten Schaltentragwerken (von links): Professor Werner Lorenz und Roland May von der Brandenburgischen Technischen Uni Cottbus-Senftenberg, Professor Bernard Espion, Université Libre de Bruxelles, Axel Böcker, saarländisches Kultusministerium und Bürgermeister Bernd Gillo FOTO: Ruppenthal
Berus. Bei einem internationalen Workshop nahmen Ingenieure aus mehreren Ländern den alten Europasender in Berus unter die Lupe.

Überherrns Bürgermeister Bernd Gillo hat derzeit Grund zur Freude. Sein Lieblingsprojekt, der Beruser Europasender, sorgt weiter für Furore. In der ehemaligen Sendehalle von „Europe 1“ fand jetzt unter dem Titel „Grenzgänger – vom Umgang mit leichten Schalentragwerken“ ein internationaler Workshop im Rahmen von „Resonanzen – die langen Wellen der Utopie“ im europäischen Kulturerbe-Jahr 2018 statt. Die Teilnehmer, Historiker, Bautechniker, aber vor allem Ingenieure und Architekten, kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, aber auch aus den verschiedensten europäischen Ländern. Schwerpunkt dieses internationalen Workshops sind so genannte Schalenbautragwerke.


Der Ort der Veranstaltung, die ehemalige Sendehalle des Europasenders in Berus, ist nicht zufällig gewählt. Mit einer Spannweite von 82 Metern und seiner exakt ausgetüftelt, extrem dünnen und leichten, aber sehr belastbaren Trage- und Spann-Technik bietet dieses denkmalgeschützte Bauwerk den optimalen Anschauungsunterricht.

„Die ehemalige Sendehalle des Senders Europe 1 beeindruckt nicht nur durch ihre lediglich fünf Zentimeter starke, aber 80 Meter weit gespannte Betonschale“, heißt es in einer Einführung zu dem Workshop. Faszinierend ist auch ihre dramatische Baugeschichte. Jean-François Guédy als Architekt und Bernard Lafaille als Ingenieur konzipierten das Dach 1953 zunächst als schlaff bewehrte, angesichts zu großer Durchbiegungen dann aber als vorgespannte Schalenkonstruktion. Beim Aufbringen der Vorspannung zerriss jedoch die Schale. Eugène Freyssinet, weltweit renommiert als „Vater des Spannbetons“, übernahm das Projekt im Herbst 1954 und konnte es mit geänderter konstruktiver Konzeption fertigstellen. 1980 offenbarten Bauschäden an anderen Bauwerken gravierende Mängel auch an seiner Lösung. Vorsorglich wurden seinerzeit an der Beruser Europasender-Konstruktion Verstärkungsmaßnahmen durchgeführt.



„Nicht nur zwischen den Welten des französischen und deutschen Ingenieurbaus, nicht nur zwischen Architektur und Konstruktion“, so heißt es in der Einführung weiter, „ist das spektakuläre Bauwerk ein Grenzgänger.“ Seine Schadensgeschichte mache es auch zu einem ganz besonderen Beispiel für den Drang der Hochmoderne, unter dem Leitbild absoluter Leichtigkeit die Grenzen des bislang technisch Möglichen überwinden zu wollen.

„Wie in Berus glichen Konzeption und Ausführung vieler weiterer Schalenbauten nicht selten einem waghalsigen Tanz auf des Messers Schneide“, heißt es in dem Text weiter. Und wenn sie zunächst (zumindest leidlich) funktionierten, werfe spätestens ihr Erhalt komplexe Fragen auf. Zwischen diesen beiden Polen – Wagnis und Erhalt – ist dieser Workshop angesiedelt. Nicht nur die Referenten, sondern auch die Teilnehmer kommen aus den verschiedensten Städten und Ländern Europas.

Bereits vor zwei Monaten fand an gleicher Stelle ein internationaler Studentenworkshop mit Teilnehmern aus dem Saarland, aus Cottbus und aus Wien statt, der sich mit Nutzungsmöglichkeiten des Centers befasste. Als Partner des Projektes „Resonanzen – die langen Wellen der Utopie“ widmeten sich Workshop und Studienprojekte der Aufarbeitung, Inszenierung und Vermittlung des Kulturerbes der französischen Nachkriegsarchitektur im Saarland und der Großregion. Dieser Workshop führte nicht nur zu überraschenden, zum Teil visionären Entwürfen, sondern auch zu einem akademischen Austausch über die drei Hochschulen hinaus.

Experten wie Professor Dipl.-Ing. Markus Otto von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg beschäftigten sich seit längerem intensiv mit den Möglichkeiten der Bausubstanz-Sanierung und der Thematik, was man aus dem denkmalgeschützten Gebäude machen kann.

Eine Machbarkeitsstudie des Institutes für neue Industriekultur (INIK) wird jetzt am 23. Oktober offiziell vorgestellt. Der Überherrner Gemeinderat will dann auf dieser Grundlage entscheiden, was weiter geschehen wird. Bürgermeister Bernd Gillo ist zuversichtlich, dass aus dem ehemaligen Europasender bei Berus ein für die ganze Region bedeutsames Zukunftsprojekt entstehen wird. Er weiß aber auch, dass bei der Realisierung, Hilfe „von außen“ notwendig sein wird. Verschiedene Institutionen auf Bundes- und Europa-Ebene haben bereits eine finanzielle Unterstützung signalisiert.

Bestens erhalten ist die alte Technik in der Sendehalle des alten Europasenders in Berus.
Bestens erhalten ist die alte Technik in der Sendehalle des alten Europasenders in Berus. FOTO: Ruppenthal
(rup)