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Sendehalle Europe 1
Europäische Seele mit Ausstrahlung gesucht

Ungewohnt: Die frühere Sendehalle von Europe 1 in Berus bei Nacht. Ihre Architektur und die Sendergeschichte mache sie zu einem Europa-Thema.
Ungewohnt: Die frühere Sendehalle von Europe 1 in Berus bei Nacht. Ihre Architektur und die Sendergeschichte mache sie zu einem Europa-Thema. FOTO: Johannes Bodwing
Überherrn. Der Gemeinderat Überherrn ging einen Schritt Richtung neue Nutzung der Sendehalle von Europe 1. Ein kompliziertes Geschäft. Von Johannes Werres

Überherrn ist mit seinem Ausnahmeprojekt, für die frühere Sendehalle von Europe 1 auf dem Sauberg eine neue Nutzung zu finden, besser würde man sagen zu kreieren, einen Schritt weiter. Der Gemeinderat sprach sich am Donnerstagabend einstimmig für eine von drei Varianten aus, die das Institut für Neue Industriekultur (INIK) aus Cottbus in einer Machbarkeitsstudie vorgelegt hatte. Nun soll die „Entwicklungsvariante“ vorangetrieben werden. Ausgeschlossen wurden damit zwei andere Varianten, die mehr oder weniger bedeuteten, dass das Gebäude zwar instand gehalten und gelegentlich etwa für Besichtigungen benutzt wird, viel mehr aber auch nicht. „Null-Variante“ hieß die eine, „Weiter-so-Variante“ die andere.


Der Rat folgt der Logik, nach der die Gemeinde 2016 das Grundstück von 23 Hektar mit der architektonisch herausragenden Sendehalle von 1954/55 gekauft hat, um daraus etwas zu machen, das der Bedeutung entspricht. Klar war auch von Anfang an, dass dies kein Projekt allein der Gemeinde Überherrn sein würde.

Jetzt soll es in diese Richtung gehen: „Die Sendehalle wird zu einem Unternehmenscluster der Kultur- und Kreativwirtschaft mit starkem Hochschulbezug in der Grande Région. Angedachte Nutzungen sind Büronutzung, Werkstätten, Ausstellungs-, Präsentations- und Veranstaltungsnutzungen, Gastronomie und Lager. Wirtschaftlich ist die Entwicklungsvariante mit hohen Bauinvestitionen, hohen öffentlichen Personalausgaben und entsprechenden Förderungen verbunden. Die Einnahmen setzen sich insbesondere aus Miet- und Pachteinnahmen Dritter sowie aus einer institutionellen Förderung zusammen“, wie es in der Machbarkeitsstudie heißt. Die Gemeinde gründet eine Standortentwicklungsgesellschaft als 100-prozentige Tochter. Die Standortentwicklungsgesellschaft besteht „aus einem fünfköpfigen Team mit Sitz in der Sendehalle. Sie leistet PR-Arbeit, den Besucherservice, den Technikservice und kaufmännischen Support“, wid vorgeschlagen.



Gemeint ist: Die Gebäude werden vermietet, damit sich die Nutzung irgendwann trägt. Klar ist auch, dass die neue Nutzung „sich auf das grenzüberschreitende Potenzial der Grande Région bezieht“. Daher soll ein Beirat mit fünf Persönlichkeiten aus der Grande Région gegründet werden.

Der Europa-Sender Berus als Modell.
Der Europa-Sender Berus als Modell. FOTO: Ruppenthal

Das ist alles vage. Müsse es auch sein, wie die INIK-Vertreter Sebastian Hettchen und Dr. Lars Scharnholz betonten: Weil die saarländische und die internationale Politik der Großregion aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg mitreden werden, mitreden sollen.

Die Grande Région, die Großregion, ist für die Cottbuser INIK das Zauberwort. Sie schließt an ein Papier der luxemburgischen Präsidentschaft der Großregion 2017/2018 an, das die Großregion als „Labor euroäischer Integration“ bezeichnet hat. Doch, wie der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Santer 2014 formulierte: „Was der Großregion fehlt, ist die Seele. Die erzielten Erfolge sind für viele Menschen oft nicht sichtbar, zu abstrakt. Es fehlt durchweg an der notwendigen Identität.“

Seele also, sinnlich fassbar, erlebbar, einzigartig, das soll in die Sendehalle in Überherrn mitten im Zentrum der Großregion einziehen.

Das kostet und braucht politischen Willen über die Grenzen. Der Zeitpunkt für ein solches „Europa-Leuchtturmprojekt“ ist laut INIK günstig. Es gebe akuten Handlungsdruck, Europa erlebbar zu machen und es gelte, Menschen zu unterstützen, die mehr Europa wagen wollen. Außerdem: 2019/2020 übernehme der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans die Präsidentschaft der Großregion. Europa soll in Berus sinnlich erfahrbar werden, mit richtig großem Aufwand - und dafür sei also nicht nur der Ort günstig, sondern auch der Zeitpunkt.

Das Projekt wird, so schlägt die Machbarkeitsstudie vor, von der Großregion insgesamt getragen und von Europa finanziert. Weil jede Nutzung der französischen Sendehalle auf deutschem Boden, „bei der jegliche Anzeichen nationaler Anspruchsallüren fehlen“, eben „nur im Kontext der Großregion denkbar“ sei. Gillo berichtete auch, er sei auf französischer Seite größerem Enthusiasmus für das Gebäude begegnet als auf deutscher. „Das wird uns zugute kommen.“

Federführende Verantwortung übernimmt nach Vorstellungen der Studie die Gipfelpräsidentschaft. „Die Projektentwickler werden das Vorhaben so aufstellen, dass sich alle vier Länder beteiligen.“

Eines indes ist für die INIK-Leute schon jetzt klar: „Die Eröffnung der neuen Sendehalle wird am 9. Mai 2023 stattfinden.“