Pflegefamilie aus Überherrn stellt sich vor

Pflegefamilien : Der Papa ist der Ruhepol

Wie das Leben eben so spielt: Den Alltag mit Pflegekind bewältigt Gerhard Kunzler inzwischen auch alleine.

Dass er mal alleinerziehender Pflegevater werden würde, hatte Gerhard Kunzler nicht geahnt. „Doch das planen wohl die wenigsten“, meint der 47-Jährige aus Überherrn – wie das Leben eben so spielt.

Kinder wollte Kunzler unbedingt. Doch weil der Wunsch nach eigenem Nachwuchs über viele Jahre unerfüllt blieb, entschieden sich er und seine frühere Lebensgefährtin schließlich 2012, ein Pflegekind aufzunehmen. Und das ging schneller als gedacht, erinnert er sich: „Schon knapp drei Monate nach unserer ersten Schulung kam ein Anruf.“ Der kleine Markus (Name geändert, Anm. d. Red.), zweieinhalb Jahre alt, suchte ein neues Zuhause.

Bei seiner Bereitschaftspflegefamilie, die den Kleinen in einer akuten Situation aufgenommen hatte, lernten Kunzler und seine Partnerin das Kind kennen. „Bei mir hat es gleich Boom gemacht“, schmunzelt der Pflegevater, „er war ein ganz offenes Kind.“ Es folgten immer mehr und immer längere gegenseitige Besuche, dann die erste Übernachtung. Und irgendwann sagte der Knirps beim Abschied: „Papa, komm, wir fahren heim!“, erinnert sich Kunzler. Und so zog Leben in das großzügige und gemütliche Haus in Überherrn ein.

Kunzler war froh, dass er eine Weile Zeit hatte, in seine neue Rolle hineinzuwachsen. Eine längere Anbahnungszeit sei durchaus üblich, meint Peter Jungmann vom Pflegekinderdienst des Kreisjugendamtes Saarlouis: „Das hängt immer davon ab, wie lange ein Kind schon in der Bereitschaftspflege ist und wie alt es ist.“

Der kleine Markus hatte damals, mit kaum drei Jahren, schon sehr viel mitgemacht. Zu seinen leiblichen Eltern hat der Junge bis heute keinen Kontakt. „Es war seine dritte Vermittlung in eine Pflegefamilie“, erzählt Kunzler. Umso wichtiger, dass das Kind dauerhaft ein neues Zuhause fand: Seit sechs Jahren lebt er nun in Überherrn, geht zur Schule, hat viele Freunde. Deshalb war auch klar, dass er dort bleiben sollte, als die Beziehung seiner Pflegeeltern scheiterte.

Als Alleinerziehender ist der Überherrner eher die Ausnahme, bestätigt auch Jungmann. Durch die Belastungen, die Kinder mit sich bringen können, komme eine Trennung auch bei Pflegeeltern vor. „Aber man muss da nach dem Kind schauen: Käme es raus aus der Familie, wäre das ja nochmal ein Abbruch der Bindung.“

Ganz allein steht der Pflegevater nicht da: Seine große Verwandtschaft unterstützt ihn mit dem Jungen. „Bei uns in der Familie war er immer voll akzeptiert“, sagt Kunzler. Seine Arbeitszeit kann der Finanzbeamte sich flexibel einteilen, so dass er Vollzeit arbeiten kann, „überwiegend von zu Hause aus“.

„Er ist ein ganz normaler Junge, sehr aktiv und hat viel Blödsinn im Kopf“, meint Kunzler. „Anfangs war er oft unruhig und auch auffällig, hatte Schlafstörungen, schrie viel“, erzählt er, „das war schon schwierig. Aber heute ist das alles viel besser geworden.“

Viel Unterstützung hat der heute Achtjährige auf seinem Weg gebraucht und benötigt sie auch immer noch: Ergotherapie, psychologische Hilfe. „Man ist immer dran, hat oft Termine“, sagt sein Pflegevater. Das war nicht vorhersehbar, aber ganz unvorbereitet getroffen habe ihn das auch nicht, sagt er: „Jetzt ist er mein Kind, und da setze ich mich natürlich für ihn ein, so dass er jede Hilfe bekommt.“ Die Gesprächskreise, die das Jugendamt für Pflegeeltern anbietet, findet der 47-Jährige dabei hilfreich.

„Mit uns beiden funktioniert das wohl auch deshalb so gut, weil wir so unterschiedlich sind“, meint Kunzler: Für den kleinen Wirbelwind sei er der Ruhepol. Weitere Kinder hätte er sich durchaus vorstellen können: „Aber im Moment bin ich froh, dass alles gut läuft. Es passt so.“ Bereut hat er seine Entscheidung keine Sekunde: „Es ist manchmal ein langer Weg, aber es lohnt sich“, davon ist er überzeugt. „So ein Kind hält jung und bringt Leben ins Haus!“