Para-Reiten auf dem Linslerhof in Überherrn

Reiten : Mit den Fingerspitzen eine Einheit mit dem Tier

Der Linslerhof in Überherrn ist zweite Heimat für Para-Reitsportler. Menschen aus aller Welt treffen sich zum Turnier.

Zum 11. Mal auf dem Linslerhof zu Gast: Der ARC Saarland, der Akademische Reitclub an der Universität des Saarlandes, richtete sein Internationales Dressurturnier für Reiterinnen und Reiter mit körperlicher Behinderung aus.

Das Turnier, das sich in den vergangenen Jahren zum weltweit größten Turnier im Para-Pferdesport gemausert hat, ist unter anderem ein Qualifikationsturnier für die Weltmeisterschaften der Para-Dressur in Holland, erklärt Jan Holger Holtschmit, erster Vorsitzender des ARC. Und darauf ist man beim ARC mit Recht auch ein bisschen stolz. Reiter aus insgesamt 13 Nationen starten beim Para-Dressur-Turnier. „Unsere insgesamt 68 Teilnehmer kommen aus Japan, Singapur oder Australien – weiter geht es nicht“, freut er sich über den Erfolg des Turniers. Den wohl weitesten Anreiseweg zum Linslerhof hatte der Richter Muro Love, der aus Neuseeland kommt.

Dass der Para-Pferdesport seine solch lange Tradition im Saarland aufbauen konnte, ist nicht zuletzt das Verdienst von Holtschmit. Im Hauptberuf Orthopäde, hat sich der Dressurreiter schon früh für die Möglichkeiten der Hippotherapie interessiert, also der Therapie von Menschen mit körperlichen Einschränkungen durch Reiten und den Kontakt mit Pferden. Holtschmit ist auch erster Vorsitzender des „Deutschen Kuratoriums für therapeutisches Reiten“.

Der Para-Dressursport sei eigentlich die fünfte Säule der Hippotherapie, neben der eigentlichen Physiotherapie mit dem Pferd, der heilpädagogischen und der ergotherapeutischen Komponente, sowie der pferdegestützten Psychotherapie, erklärt er. Die Übergänge zum sportlichen Reiten seien dabei durchaus fließend. Gestartet wird in fünf Klassen, den sogenannten „Grades“, wobei die Reiter des „Grade eins“ hauptsächlich Rollstuhlbenutzer sind, die entweder eine geringe bis gar keine Rumpfbalance haben, oder aber begrenzte Arm- und Beinfunktionen.

Es gibt tatsächlich viele Wege wie die Parasportler zum Dressurreiten kommen. Die Chinesin Laurencia Tan ist beispielsweise taub und halbseitig gelähmt zur Welt gekommen. Die Physiotherapie auf dem Pferd hat ihr sehr geholfen, nicht nur körperlich, sondern auch um psychisch ihren Weg zu finden. Heute reitet die 40-jährige für ihre Heimatstadt Shanghai in der Weltelite und gilt vielen jungen asiatischen Frauen als ein Vorbild. Die Französin Anne-Frederique Royon aus St. Etienne erzählt, sie sei schon als Kind eine begeisterte Reiterin gewesen. Deshalb habe sie sich auch nach einem Autounfall und einer Querschnittslähmung nicht von ihrer Passion abhalten lassen.

Ebenfalls im „Grade eins“ startete die Deutsche Elke Phillipp auf dem Linslerhof. Die 55-jährige ist mit 20 Jahren an einer Hirnhautentzündung erkrankt und hat eine halbseitige Lähmung davongetragen. Kurz vor ihrer Erkrankung habe sie die Skilehrerprüfung gemacht, danach sei sie zunächst als Para-Sportlerin Skirennen gefahren, erzählt sie. Durch ihren Mann ist die zweimalige deutsche Meisterin im Ski-Alpin dann aber von den Skiern aufs Pferd gekommen. „Ursprünglich bin ich im Rahmen einer Physiotherapie geritten. Und das hat mir unheimlich viel gebracht“, sagt sie.

Mit ihrem Mann zusammen hat sie irgendwann wieder der sportliche Ehrgeiz gepackt: „Jetzt wird richtig reiten gelernt.“ Mit Erfolg. „Die vier verschiedenen Dimensionen und die unterschiedlichen Takte bei der Bewegung auf dem Pferd beeinflussen meine spastische Lähmung positiv“, erzählt Phillipp. Sie sitze buchstäblich „im Pferd drin“, bilde „mit dem Pferd eine Einheit“.

Bei der Dressur dirigiert sie das Pferd durch ihre Atmung oder mit den Zeigefingern am Zügel. „Mehr kann ich ja nicht mehr“, sagt sie, allerdings mit einem Lachen im Gesicht. Das Pferd gebe ihr dabei auch ständige Rückmeldung über ihren augenblicklichen Zustand. „Meine Spastik überträgt sich aufs Pferd.“

Auf dem Linslerhof gefällt es übrigens allen Aktiven so richtig gut. „Wir sind eigentlich alle seit Jahren befreundet. Wir sind so eine richtige große Familie geworden“, sagt Elke Phillipp.

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