Lesebrücke zwischen Generationen

Lesebrücke zwischen Generationen

Hülzweiler. Jeden Donnerstag lauern die Kinder an den Fenstern des Kindergartens St. Laurentius in Hülzweiler, die Nase gegen die Scheibe gedrückt. "Frau Einke!", ruft Lisa, als sie die kleine Frau mit den weißen Haaren und der bunten Jacke zur Tür hereinkommen sieht. "Ja, ich komme gleich zu euch!" Harlinde Einke hängt ihre Jacke auf und setzt sich zu den Kindern

Hülzweiler. Jeden Donnerstag lauern die Kinder an den Fenstern des Kindergartens St. Laurentius in Hülzweiler, die Nase gegen die Scheibe gedrückt. "Frau Einke!", ruft Lisa, als sie die kleine Frau mit den weißen Haaren und der bunten Jacke zur Tür hereinkommen sieht. "Ja, ich komme gleich zu euch!" Harlinde Einke hängt ihre Jacke auf und setzt sich zu den Kindern. Den Stuhlkreis haben sie längst aufgestellt. Die 73-Jährige ist Lesepatin im Hülzweiler Kindergarten. Seit 2006 kommt sie einmal pro Woche in eine der Gruppen und liest eine Geschichte vor.Einke hatte früher bereits in einem Blindenheim gelesen; im Lesekreis der Schwalbacher Leselehrerin Anja Wrona lässt sie sich seit knapp sechs Jahren zur Vorleserin schulen. Sie war selbstständig, hatte viele Jahre lang in Schwalbach eine Boutique geleitet. Seit zwölf Jahren ist sie im Ruhestand. "Da muss man sich ja etwas Neues suchen!", sagt sie. Ihre Geschichten sucht sie selbst aus, passend zur Jahreszeit, "und viel mit Tieren", aus alten Kinder- und Märchenbüchern, sie tauscht mit anderen Vorleserinnen oder liest die Geschichten vor, die ihre Freundin selbst geschrieben hat, mal Altes, mal Modernes. Heute liest sie in der Fischgruppe die Geschichte vom Frosch Quacki.

Alle vier Wochen treffen sich die Vorleserinnen in Wronas Lesekreis, jedes Jahr organisiert Wrona außerdem eine Weiterbildung mit Sprechtraining für den Lesekreis der Gemeinde. Harlinde Einke freut sich über ihr Ehrenamt im Kindergarten. "Es macht Spaß mit den Kindern", sagt sie. Sie hat selbst auch Enkelkinder, "aber die sind schon groß."

Einke packt zwei Froschfiguren aus und stellt sie in die Mitte des Stuhlkreises. "Jetzt wisst ihr, welche Geschichte ich für euch habe." - "Eine Froschgeschichte!", rufen die Kinder. "Aber damit ihr gut zuhören könnt, schulen wir zuerst die Ohren", sagt Einke und kramt eine Klangschale aus ihrer Tasche. "Schließt die Augen und hört genau hin. Wenn ihr keinen Ton mehr hört, macht ihr die Augen wieder auf, dann fangen wir an." Die Kinder stützen die Hände auf die Knie und lauschen.

"Wir sind froh und dankbar, dass wir sie haben. Der Kontakt nach außen, nicht nur zu den Erzieherinnen, ist wichtig für die Kinder", sagt Maria Brühl, Leiterin des Hülzweiler Kindergartens. "Und sie bereitet immer etwas so Schönes vor, damit ihre Geschichte nicht nur etwas fürs Ohr, sondern auch etwas fürs Auge ist."

Die Kinder freuen sich über die vielen Geräuschwörter in der Geschichte und darüber, dass sie sogar mitraten und mitsingen können. Frosch Quackin singt sein Lied und als es hagelt, versteckt er sich unter den Blättern einer Seerose. "Habt ihr denn schon mal eine Seerose gesehen?", fragt Einke. Die Kinder nicken.

"Die Kinder freuen sich immer auf sie," sagt Brühl. Sie winken ihr noch nach, wenn sie wieder zu ihrem Auto geht. Die halbe Stunde Vorlesezeit ist vorbei, der Stuhlkreis löst sich auf. "Bis zum nächsten Mal!", sagt Einke. Die Froschgeschichte wird sie nächsten Donnerstag einer anderen Gruppe vorlesen. Wenn alle Kinder den Frosch Quacki kennen, gibt es eine neue Geschichte.

Bei der Vorlesezeit gibt es nicht nur viel zu hören, sondern auch zu sehen. Foto: Jenny Kallenbrunnen.

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