Zwischen Tradition und Moderne

Zwischen Tradition und Moderne

Schmelz. Kirchliche Tradition und Moderne schließen einander nicht aus. Das zeigt sich am Ostermontag im zufriedenen Lächeln der Schmelzer Gemeindereferentin Eva Gebel. Mit der flachen Hand vor der Stirn schützt sie auf dem Roschberg ihre Augen vor der Sonne und sieht den Kindern hinterher, die der langsameren Wandergruppe davonlaufen

Schmelz. Kirchliche Tradition und Moderne schließen einander nicht aus. Das zeigt sich am Ostermontag im zufriedenen Lächeln der Schmelzer Gemeindereferentin Eva Gebel. Mit der flachen Hand vor der Stirn schützt sie auf dem Roschberg ihre Augen vor der Sonne und sieht den Kindern hinterher, die der langsameren Wandergruppe davonlaufen. "87 Meter, 86, 85!", ruft Jannis Kraß (elf) den Jungs hinter sich zu, um seinen Hals baumelt an einer schwarzen Kordel ein GPS-Gerät. Beim Familien-Emmausgang durch Schmelz erkundet er mit Freunden und Eltern nach und nach die Wanderstrecke.Der Emmausgang ist seit Jahrhunderten Tradition, erinnert an die Erzählung aus dem Lukas-Evangelium, in dem zwei Jünger nach der Auferstehung Jesus' nach Emmaus wandern. Den Dritten, dem sie begegnen, erkennen sie erst beim Abendessen in einer Gaststätte als Jesus. Die moderne GPS-Schnitzeljagd ist kaum mit der biblischen Geschichte zu vereinen. "Heute ist Ostermontag, auch wir gehen miteinander und essen am Abend zusammen." Das reicht Eva Gebel als Parallele. Beim traditionellen Osterspaziergang will der Aktionskreis Familie der Pfarreiengemeinschaft Schmelz Familien zusammenbringen. Motivieren soll dabei ein Spiel aus der Moderne: Geocashing, eine elektronische Schnitzeljagd. Gebels Verbindung von Tradition und Moderne ist ein Erfolg: 15 Familien mit insgesamt 27 Kindern lösen auf ihrem Weg durch Schmelz-Außen an 18 Stationen einige Rätsel, die zu dem einen oder anderen kleinen Osterschatz führen. Die Wanderung am Ostermontag darf im 21. Jahrhundert wohl durchaus durch eine elektronische Schatzsuche für die Kinder ergänzt werden.

Jannis schaut konzentriert auf sein GPS-Gerät. Null Meter bis zum Ziel steht auf dem Display - "hier muss es sein!" Auf einer Bronzeklingel stehen die Namen "Frank" und "Bärbel", die zu suchen waren. Jannis notiert "Klingel" auf seinem Aufgabenblatt. Die Kinder mit ihren Schirmkappen auf den Köpfen und Trinkpäckchen in den Händen tragen an jeder neuen Station auf dem Rücken des Vordermanns ihre Lösungen in die Antwortkästchen ihrer Blätter ein. Wer schon lesen kann, liest den Jüngeren die nächste Aufgabe vor. "Weiter geht's!" Jannis läuft voraus.

Johannes Biringer schlendert in der Gruppe der Erwachsenen hinterher. Der Schmelzer ist privat Geocasher und religiös. Dass der Aktionskreis Familie beides vereint, findet er sehr positiv. "Es ist heute schwierig, die Leute zu bewegen." Gerade für Kinder klinge eine Schatzsuche eben nach mehr als nach einem einfachen Spaziergang. Biringer hat die einzelnen Punkte anhand ihrer Längen- und Breitengrade in die GPS-Geräte eingegeben.

Tim Mathis (zehn) entdeckt das Wort "Thomas" in Spiegelschrift - das muss der nächste Schritt zur Lösung des Rätsels sein. Jannis tastet sich vorsichtig an ein Dickicht heran. "Falscher Weg!", ruft er, die Meterzahl auf dem GPS-Gerät wird größer. "Da sind nur Hecken!"

Eva Gebel bringt den Schatzsuchern Religion auch mit ihren Fragen auf moderne Art näher. "Wie heißt die Fangemeinde dieses Menschen?", fragt ein gelber Zettel an einem Wegpfeiler mit dem gekreuzigten Jesus. "Jünger, natürlich!" Das war ja einfach. Mit der Antwort geht's gleich weiter zum nächsten Punkt, die Kinder springen durch den grünen Klee auf dem Schmelzer Roschberg. Worum es beim Emmausgang eigentlich geht, wissen sie nicht. "Em-Ausgang? Nö, keine Ahnung!", sagt Jannis, fragt nicht nach, sondern läuft weiter: nur noch ein paar Meter bis zum nächsten gelben Zettel. Auch Ruth Sauer musste nachlesen, was es mit dem traditionellen Spaziergang auf sich hat.

Oben: Jannis Kraß und Tim Mathis Wilhelm (v.l.) finden den Zettel mit der nächsten Aufgabe: "Sucht auf der Wiese!".Unten: Die Kinder tragen all ihre Ergebnisse zusammen, um am Ende den großen Schatz zu finden. Fotos: Jenny Kallenbrunnen.

Damit musste Eva Gebel rechnen. "Ich wollte ja auch keine Religionsstunde halten, sondern für Begegnung sorgen", sagt sie. "Friedhofsmauer" ist das Wort, das die Kinder am Ende mit ihren Lösungen zusammensetzen können - und wo sie eine Schatztruhe voller Freundschaftsbänder und Süßigkeiten finden.

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