"Ich will Menschen ein Gesicht geben"

"Ich will Menschen ein Gesicht geben"

Schmelz. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", meint Gunter Demnig. Der Bildhauer aus Berlin hat fast 34 000 Stolpersteine in 700 Orten in Deutschland und seinen Nachbarländern verlegt. "Ich will Menschen ein Gesicht geben." Seit 2000 tut er das

Schmelz. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", meint Gunter Demnig. Der Bildhauer aus Berlin hat fast 34 000 Stolpersteine in 700 Orten in Deutschland und seinen Nachbarländern verlegt. "Ich will Menschen ein Gesicht geben." Seit 2000 tut er das.Der Künstler erinnert an die Opfer in der Zeit des Nationalsozialismus, in dem er eine Gedenktafel aus Messing vor ihrem letzten Wohnsitz einlässt. Mit den Steinen vor den Häusern werde die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten.

In Schmelz und Hüttersdorf tat Demnig dies in Zusammenarbeit mit der Ketteler-Schule (ERS) und dem Adolf-Bender-Zentrum. Schon seit längerer Zeit beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Thema. In unterschiedlichen Projekten bearbeiteten sie das Thema Gastarbeiter, gingen auf Spurensuche von Zwangsarbeitern und im neusten Projekt richteten sie ihren Blick auf Opfer der NS-Zeit in ihrem Heimatort. Dabei stießen sie auch auf ein Euthanasie-Opfer. Die ersten Steine wurden an dem Parkplatz der Bettinger Kirche (Lindenstraße 4) verlegt. Zwei Schüler beschrieben das Schicksal der dort lebenden Familie Herz. Im Anschluss wurde für jedes Opfer eine Rose niedergelegt. Gleichzeitig dokumentierte eine andere Schülergruppe die Verlegung filmisch. Der Film soll später auf den Internetseiten der Gemeinde Schmelz, der ERS Schmelz und des Adolf-Bender-Zentrums zu sehen sein.

Auf den ersten drei Steinen ist zu lesen: Hier wohnte Edmund Herz, JG. 1877, gedemütigt/entrechtet, Schicksal unbekannt; hier wohnte Otto Moritz Herz, JG 1905, deportiert 1942, Auschwitz; hier wohnte Walter Nathan Herz, JG 1904, deportiert 1942, Auschwitz. Edmund Herz, so war zu erfahren, war ein begeisterter Feuerwehrmann. Er und die beiden Söhne Walter und Otto Moritz wurden im Konzentrationslager umgebracht. Seine Frau Juliane und Tochter Thea überlebten, weil sie sich in Luxemburg in einem Nonnenkloster verstecken konnten.

Paula und Julius Marx sind zwei weitere Steine in der Lindenstraße 2 gewidmet. Auf diesen steht: hier wohnte Julius Georg Marx, JG 1892, deportiert 1942, Schicksal unbekannt; hier wohnte Paula Marx, geb. Kahn, JG 1893, deportiert 1942, Schicksal unbekannt. Julius Marx lebte in Bettingen. Er betrieb ein Konfektionsgeschäft. 1938 kaufte die Bürgermeisterei Schmelz das Geschäftshaus. Julius Marx verließ Bettingen 1939 mit seiner Frau Paula. Sie gingen nach Saarbrücken und wurden 1942 in ein KZ deportiert. Ihr Schicksal ist unbekannt.

Dritte Station der Stolperstein-Verlegung war Hüttersdorf, Bielenberg 2. Hier wohnte Sibilla Hanau, JG 1907, deportiert 1944, Auschwitz; hier wohnte Frieda Hanau, JG 1919, deportiert 1944, Auschwitz; hier wohnte Bernhard Hanau, JG 1876, deportiert, Schicksal unbekannt; hier wohnte Berta Hanau, geb. Mayer, JG 1877; deportiert. Bernhard Hanau war verheiratet mit Bertha Mayer. Die Familie ernährte sich vom Viehhandel. Sie hatten vier Kinder: Sibilla, Else, Frieda und Herbert. Frieda und Sibilla wurden beide nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Eltern wurden deportiert, ihr Schicksal ist unbekannt. Else war schon vor dem Krieg nach Paris gegangen. Auch Herbert überlebte und betrieb nach dem Krieg ein Schuhgeschäft in Saargemünd. Er war einer der wenigen Juden, die noch ab und an ihr Heimatdorf besuchten.

Margaretha Weber ist der zehnte Stein gewidmet. Vor ihrem Haus in Hüttersdorf, Düppenweilerstraße 13, wurde er eingelassen. Hier wohnte Margaretha Weber, JG 1882, eingewiesen 1944 Krankenhaus Kusel, verlegt 1945 in die Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster, tot am 28. April 1945. Margaretha Weber fiel der Euthanasie zum Opfer. Sie war nicht geistig erkrankt, berichtet ihre Großnichte Josefa Lauer. Ihr wurden nach einem Unfall Bein und Brust amputiert, ansonsten sei sie gesund gewesen. Margaretha Weber kam im Alter von 62 Jahren mit einem Transport weg, in dem auch andere Kranke aus den umliegenden Ortschaften waren. Offiziell starb sie an Herz- und Kreislaufversagen in Klingenmünster.

Margaretha Weber ist nicht das einzige Euthanasie-Opfer in der Gemeinde, erklärte Bürgermeister Armin Emanuel. Von mindestens drei weiteren Opfern lägen Berichte vor.

Mehr von Saarbrücker Zeitung